Aus: Ausgabe vom 23.10.2018, Seite 6 / Ausland

Pfefferspray gegen Flüchtlinge

In Mittelamerika ziehen Tausende Menschen nach Norden. Mexiko und USA machen Grenzen dicht

Von Volker Hermsdorf
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Am Sonntag im mexikanischen Tapachula: Tausende Migranten auf dem Weg nach Norden

Tausende Menschen aus Honduras, El Salvador und anderen Ländern Mittelamerikas haben zu Wochenbeginn in Mexiko ihren Marsch in Richtung USA fortgesetzt – trotz Drohungen aus Washington. Örtlichen Medien zufolge besteht die Karawane mittlerweile aus rund 7.500 Personen. Sie haben sich zur eigenen Sicherheit in kleinere Gruppen aufgeteilt, um so an den Kontrollen vorbeischleichen zu können. Wie die mexikanische Tageszeitung La Jornada am Montag berichtete, hat sich in Guatemala derweil ein zweiter Flüchtlingszug mit fast 1.000 Teilnehmern in Richtung Mexiko in Bewegung gesetzt.

Die Migranten fliehen vor Armut und hoher Kriminalität. Honduras, Guatemala und El Salvador gehören zu den ärmsten und gewalttätigsten Regionen auf dem amerikanischen Kontinent. »Honduras hat sich nach dem von den USA unterstützten Militärputsch gegen den gewählten Präsidenten Manuel Zelaya im Jahr 2009 in eine Hölle verwandelt«, kommentierte der argentinische Journalist Carlos Aznárez am Sonnabend. Einen Tag zuvor hatte Donald Trump die Flüchtlinge, unter denen viele Kinder sind, als »Kriminelle« bezeichnet. Der US-Präsident kündigte an, Militär an die Grenze zu Mexiko zu entsenden, um den Zug aufzuhalten. Außerdem drohte er Honduras, Guatemala und El Salvador damit, die finanzielle Unterstützung durch Washington einzustellen.

Die Flüchtlinge aus Honduras zeigten sich davon allerdings nicht beeindruckt. Sie bezeichneten den derzeitigen Staatschef ihres Landes, Juan Orlando Hernández, als »Diktator«, der sich vor einem Jahr nur durch einen Wahlbetrug an der Macht gehalten habe. Während der Amtsinhaber Proteste regelmäßig von Polizei und Armee niederschlagen lasse, werde er von der US-Regierung mit Millionen unterstützt. Das Geld lande jedoch vor allem bei der herrschenden Elite und korrupten Politikern. »Er und die anderen Reichen schlagen sich die Bäuche voll, und wir hungern«, klagte eine 65jährige Frau aus einer Flüchtlingsgruppe im mexikanischen Bundesstaat Chiapas gegenüber Journalisten.

Am Freitag hatten Migranten den Grenzzaun zwischen Guatemala und Mexiko überwunden. Der noch bis Anfang Dezember amtierende mexikanische Staatschef Enrique Peña Nieto schickte daraufhin ein Großaufgebot der Polizei an die Grenze. Es kam zu dramatischen Szenen, als die Einsatzkräfte auf einer Brücke Pfefferspray gegen die Migranten einsetzten. Einige Flüchtlinge kehrten daraufhin aus Verzweiflung um. Nach Konsultationen mit US-Vertretern schickte die honduranische Regierung Busse und versprach Rückkehrern Geschenke. Doch die Mehrheit will nicht in ihre von Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger und Gewalt geprägten Länder zurückkehren. Boliviens Präsident Evo Morales unterstützt sie dabei. »Trump bezeichnet unsere Brüder aus Guatemala, Honduras und El Salvador als Verbrecher. Aber das schlimmste Verbrechen sind der Kapitalismus und die Einmischung, mit denen die Politik des Hungers und der Zerstörung des Planeten in der Welt durchgesetzt wird«, schrieb Morales auf Twitter.

Mexikos Außenminister Luis Videgaray kündigte an, die »illegalen Einwanderer« abzuschieben. In den letzten drei Jahren wurden bereits mehr als 436.000 Mittelamerikaner aus Mexiko ausgewiesen. Einen anderen Kurs will dagegen Marcelo Ebrard einschlagen. Der designierte Außenminister von Nietos linksliberalem Nachfolger Andrés Manuel López Obrador, der sein Amt am 1. Dezember antritt, erklärte, Abschiebungen würden an den Fluchtursachen nichts ändern. Scharfe Kritik an den Regierungen Mexikos und der USA übte auch der Bischof der Diözese Saltillo im mexikanischen Bundesstaat Coahuila, Raúl Vera. »Die Migranten sind unsere Nachbarn, und sie haben ein Recht darauf, dem Hunger, dem Elend und der Gewalt zu entkommen«, zitierte das Onlineportal Resumen Latinoamericano den katholischen Geistlichen. Vera warnte davor, die Flüchtlinge mit »Methoden des Terrors« an der Weiterreise zu hindern. »Wir sind nicht mehr der Hinterhof der USA«, erklärte der Bischof.


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