Aus: Ausgabe vom 23.10.2018, Seite 10 / Feuilleton

Land der Verschwörer

Von Helmut Höge

Adam Smith, Begründer der Nationalökonomie, meinte: »Geschäftsleute des gleichen Gewerbes kommen selten zusammen, ohne dass das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit endet.« Heutzutage treiben diese Verschwörungstheoretiker aber nicht in Unternehmerklubs, sondern in den »sozialen Medien« ihr Unwesen, und auch nicht »gegen«, sondern »für« die Öffentlichkeit.

Den Verschwörern gebricht es allerdings an konkretem Wissen und sozialer Phantasie, nicht zuletzt aus Mangel an Zeit und gründlichem Denken. Zum Beispiel dem stellvertretenden FDP-Vorsitzenden: »Merkel ist schuld an den Chemnitzer Ausschreitungen«, so Wolfgang Kubickis Statement zu den dortigen Vorkommnissen. Das mag stimmen, aber es fehlen zwischen den »Krawallen« und der »Bundeskanzlerin« viele Ableitungen, viele logische Schritte. Der Foucault-Assistent François Ewald hat darauf hingewiesen: »Es gibt immer zuviel Deutung und nie genug Fakten. Die Akte durch Deutung sind am gefährlichsten für die Freiheit.«

Die US-Journalistin Joan Didion berichtete in ihrem Buch »Sentimentale Reisen« (2016) von einem Prozess in New York gegen sechs schwarze Jugendliche, die nachts im Central Park eine joggende weiße Bankerin vergewaltigt und schwer verletzt hatten: »Es war ein bürokratisches oder gedankenloses Standardverfahren, das nicht nur bei vielen Schwarzen Angst und Wut und den Argwohn, eine Verschwörung sei im Gang, verstärkte.« Selbst die Geschworenen im Gerichtssaal waren misstrauisch, weil sich die Aussage eines der geständigen Angeklagten und das »Szenario der Anklagevertretung« nicht deckten. Die New Yorker Politiker und die Presse deuteten den Fall stracks hoch ins Allgemeine: »Keiner von uns ist sicher!«

Es galt, »einen Strich zu ziehen« und »nein zum Verbrechen« zu sagen und gleichzeitig »die bedrohliche Trennung von Reich und Arm, Weiß und Schwarz« aufzuheben. Sogleich wollte der Gouverneur 5.000 Polizeibeamte mehr einstellen und der Bürgermeister 6.500, um »dem Verbrechen den Krieg zu erklären«. Die Daily News meinte: »Es geht um mehr als um die Vergewaltigung und Misshandlung einer einzelnen Frau. Es geht um die Vergewaltigung und Misshandlung einer Stadt. Die Joggerin ist ein Symbol all dessen, was hier schiefläuft.«

Weiße New Yorker stellten »Bürgerwehren« auf, eine davon übergoss einen Lieferwagen, in dem drei Obdachlose schliefen, mit Benzin und zündete ihn an. Auf der anderen Seite sagte eine schwarze Frau, die mit anderen täglich vor dem Gericht demonstrierte: »Weißes Volk, das sind alles Teufel, sogar die, die noch nicht geboren sind.«

Für die schwarze Amsterdam News waren die Angeklagten trotz Geständnisses Opfer eines »politischen Verfahrens«, einer »legalen Lynchjustiz«. Laut Joan Didion wurde »die Joggerin vom Central Park immer mehr zu einer Art Poesie«, ein Gutteil dessen, »was in der Presse und in den Gängen des Gerichts geäußert wurde, schien sich ausschließlich aus dem Verschwörungsverdacht herzuleiten«.

In einem Buch eines schwarzen Bildungsberaters aus Chicago hieß es: »Die Verschwörung, schwarze Jugendliche zu zerstören, ist sehr komplex und verschlungen.« Dazu gehöre u. a. die »Verbreitung von Drogen und Bandenkriminalität«. Einige Schwarze waren davon überzeugt, dass das Opfer sich im Park mit einem Drogendealer treffen, andere, dass die Joggerin an einem Satanskult teilnehmen wollte. Wieder andere meinten, die Fotos von ihrem zerschundenen Körper seien gefälscht, bzw. man habe »für die Aufnahmen irgendeine Leiche besorgt«. Es wurden Flugblätter verteilt, auf denen die Regierung angeklagt wurde, die Schwarzen auszurotten, indem sie deren Wohngegenden mit Drogen überschwemmt: »Noch mehr Geheimnisse, noch mehr Poesie«, so Didion.

Es erinnert an eine Geschichte von Allen Ginsberg: Der New-York-Times-Herausgeber Arthur Sulzberger hatte 1968 den Beatpoeten um einen freimütigen Text für die Seite eins gebeten. Ginsberg schrieb dann, dass in den Hippiequartieren plötzlich die Haschisch- und LSD-Verkäufer durch Heroindealer ersetzt wurden. Und dies sei auf Anweisung des Staates und seiner bewaffneten Organe geschehen. Sulzberger war über Ginsbergs Artikel so entsetzt, dass er entgegen allen Gepflogenheiten auf derselben Seite dazu Stellung nahm. Er meinte, die Regierung gegen Ginsbergs infame Unterstellung in Schutz nehmen zu müssen. Zehn Jahre später gestand er ebenfalls auf Seite eins, dass Ginsberg wohl recht gehabt hatte.

Das wird irgendwann wohl auch beim Lieblingsbeispiel aller Verschwörungstheorien, der Zerstörung des World Trade Centers durch Organe der US-Regierung, der Fall sein. Oder auch nicht.


Debatte

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  • Beitrag von Dieter R. aus N. (23. Oktober 2018 um 08:22 Uhr)

    Natürlich gibt es eine Menge Spinner, die hinter jedem Baum einen von langer Hand organisierten Räuber vermuten. Und ganz klar werden auch von interessierter Seite Szenarien konstruiert, die einzig deren politischen Strategien den Weg bereiten sollen. Aber ganz sicher ist vor allem, dass dem herrschenden Mainstream die »Schublade Verschwörungstheorie« als hochwillkommener Kampfbegriff dient, Meinungen und Strömungen zu entsorgen, die nicht in den Kram passen und auf die man keine Antwort hat.

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