Aus: Ausgabe vom 20.10.2018, Seite 12 / Thema

Das Vernünftige soll gelten

Vor 200 Jahren hielt Hegel seine Antrittsvorlesung an der Universität zu Berlin. Der Philosoph gilt, einer Fehlinterpretation seines Werks folgend, bis heute als Verherrlicher Preußens

Von Andreas Arndt
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Für Hegel war die Französische Revolution stets die praktische Umsetzung des Gedankens der Freiheit. Noch als Ordentlicher Professor der Philosophie in Berlin sprach er an jedem 14. Juli, dem Jahrestag des Sturmes auf die Bastille, einen Champagnertoast auf die Revolution aus (anonyme Tuschezeichnung)

Am 22. Oktober 1818 hielt Georg Wilhelm Friedrich Hegel an der Berliner Universität seine Antrittsvorlesung. Nach den Stürmen der Kriege gegen Napoleon, so begann er, dürfe die Philosophie sich wieder Aufmerksamkeit versprechen und »das freye Reich des Gedankens« könne emporblühen. Der preußische Staat, der ihn nun »in sich aufgenommen« habe, zeichne sich durch Bildung und Wissenschaft aus und habe im »Kampf des Volkes im Verein mit seinem Fürsten« die »sittliche Macht des Geistes« erweckt. Wes Geistes Kind dieser Staat war, machte indes die knapp ein Jahr später im Gefolge der »Karlsbader Beschlüsse« auch in Preußen einsetzende Reaktion deutlich. Die preußischen Reformer wurden ins Abseits gedrängt, kritische Zeitgenossen bespitzelt und verfolgt und das mehrfach erneuerte Versprechen des Königs, dem Staat eine Verfassung zu geben, wurde nie eingelöst.

Mythos Staatsphilosoph

Hegels Bekenntnis zu Preußen erschien später als Beweis dafür, dass der Philosoph sich dem bestehenden Staat angedient und ihn um jeden Preis als vernünftig gerechtfertigt habe. Der Mythos von Hegel als dem »preußischen Staatsphilosophen« verfestigte diese Sichtweise, die noch heute vorherrscht und selbst bei Marxisten verbreitet ist. Die wohl größte Wirkung erhielt dieser Mythos durch das zehn Jahre nach der gescheiterten Märzrevolution von 1848 publizierte Buch eines enttäuschten Liberalen, der bald darauf zum Anhänger Bismarcks konvertierte. In »Hegel und seine Zeit« schrieb Rudolf Haym: »Der preußische Staat (…) war eingetreten in die Periode der Restauration. (…) Das Hegel’sche System wurde zur wissenschaftlichen Behausung des Geistes der preußischen Restauration.«

Auch Wilhelm Liebknecht, einer der führenden Köpfe der deutschen Sozialdemokratie, meinte 1870 in diesem Sinne, Hegel sei »Entdecker und Verherrlicher der königlich preußischen Staatsidee«. Er ließ dies in der Anmerkung zu einem Aufsatz von Friedrich Engels drucken, was diesen in Rage brachte: »Dieses Vieh (…) – dieser Ignorant hat die Unverschämtheit, einen Kerl wie Hegel mit dem Wort: ›Preuß‹ abfertigen zu wollen.« Karl Marx sekundierte: »Ich hatte ihm geschrieben, wenn er über Hegel nur den alten (…) Dreck zu wiederholen wisse, so solle er doch lieber das Maul halten.« Das hinderte Stalin und seinen Ideologen Shdanow nicht daran, diesen »alten Dreck« ab 1941 wieder aufzuwärmen und Hegel sogar zum Ideengeber des Nationalsozialismus zu stilisieren.

Was ist dran an diesen Vorwürfen, die immer wieder kolportiert werden – von Liberalen, Konservativen und eben auch von Marxisten? Als Hegel 1818 seine Antrittsvorlesung hielt und dabei, der Konvention entsprechend, der »Gnade seiner Majestät des Königs« für die Berufung dankte, hatte er auf keinen Fall im Sinn, jede Handlung und Institution des preußischen Staates für vernünftig zu erklären. Genau dies unterstellen jedoch die Kritiker. So erfahren wir in dem einflussreichen »Staats-Lexikon« von Rotteck und Welcker (1846), Hegel habe alles, was in Preußen wirklich sei, als vernünftig gerechtfertigt. Dies zielt auf Hegels berühmtes Diktum in der Vorrede zu seinen »Grundlinien der Philosophie des Rechts« (erschienen 1820), wonach das, was vernünftig ist, wirklich und das, was wirklich ist, vernünftig sei. Diese Aussage scheint eindeutig zu sein, und sie stand und steht im Zentrum aller Versuche, Hegel obrigkeitsstaatliches Denken vorzuwerfen.

Tatsächlich bedeutet sie aber etwas ganz anderes. Hegel unterscheidet nämlich in seiner Philosophie zwischen der Wirklichkeit einerseits und der bloßen Existenz bzw. der Realität andererseits. Wirklich ist nur das, was dem Begriff entspricht, und zwar dem Begriff im Hegelschen Sinne, also letztlich der logischen Idee. Wirklichkeit ist das Sein der Vernunft. Daneben aber gibt es Zufälliges, bloß Existierendes, eine Realität, die nicht der Vernunft entspricht. Hegels Ausspruch bekommt daher einen normativen Sinn. Die vernünftige Wirklichkeit steht der noch nicht vernünftig durchgebildeten Realität kritisch entgegen.

Heinrich Heine berichtet, Hegel habe ihm erklärt, sein Satz könne auch heißen »Alles, was vernünftig ist, muss sein«. Das dürfte nicht nur gut erfunden sein. In seiner ersten Berliner Vorlesung zum »Natur- und Staatsrecht« im Wintersemester 1818/19 hat Hegel genau in diesem Sinne argumentiert. Die Philosophie des Rechts, so führt er aus, halte sich nicht an das geschichtlich Gegebene: »Sie weiß, dass das Reich des Rechtlichen nur durch fortschreitende Entwicklung geschehen kann«, wobei die »Verfassungsmomente«, die sich auf eine frühere Stufe der geistigen Entwicklung beziehen, »keinen Halt mehr« hätten; »sie müssen zusammenstürzen, und keine Macht vermag sie zu halten«.

Hier ist jene Dialektik am Werk, die, wie Marx im »Kapital« schrieb, das Bestehende nur zu verklären scheint, in Wahrheit aber »in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffasst, sich durch nichts imponieren lässt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist«. Der Gegenstand der philosophischen Rechtslehre ist daher für Hegel auch »der höhere Begriff von der Natur der Freiheit, ohne Rücksicht auf das, was gilt, auf die Vorstellung der Zeit«. In der Vorlesung 1821/22 heißt es bündig: »Das Vernünftige soll gelten«.

Vernunftstaat

Kritisch gegenüber der Realität des preußischen Staates war bereits die Publikation der »Grundlinien der Philosophie des Rechts«. Wenn Hegel dort den Vernunftstaat als Verfassungsstaat beschreibt, obwohl der preußische König von seinem Verfassungsversprechen nichts mehr wissen wollte, so ist dies eine deutliche Stellungnahme zum Verfassungsstreit ohne Rücksicht auf die Vorstellung der Herrschenden. Auch fand die Hegelsche Philo­sophie, anders als es die Rede vom »Staats­philosophen« suggeriert, nicht unbedingt Gnade in preußischen Landen.

Nachdem ihr Förderer Karl von Stein zum Altenstein 1838 sein Amt als Kultusminister aus Krankheitsgründen aufgeben musste, geriet die Hegelsche Schule zunehmend unter Druck. Verdächtig gemacht hatte Hegel vor allem seine Religionsphilosophie, die im Geruch des Pantheismus und Atheismus stand. David Friedrich Strauß befeuerte mit seinem »Leben Jesu« (1835/36) die Religionskritik, wobei er sich vielfach Hegel anschloss. Die »Hegelsche Linke« bezeichnet ursprünglich die Vertreter einer kritischen Lesart der Religions­philosophie und keine allgemein-politische Position, auch wenn die Religionsproblematik mehr und mehr politisch aufgeladen wurde. Bekanntlich ging es Friedrich Wilhelm IV., der 1840 den preußischen Thron bestieg, mit der Berufung Friedrich Wilhelm Schellings nach Berlin (1841) darum, die »Drachensaat des Hegelschen Pantheismus« auszurotten. Damit sollte aus Sicht der Reaktion auch das christliche Fundament des Staates gerettet werden. Des Republikanismus verdächtig war ausdrücklich der Jurist und Hegel-Schüler Eduard Gans (einer der Lehrer von Karl Marx), dessen Einfluss der 1840 berufene Erzkonservative Friedrich Julius Stahl, der unter Berufung auf Schelling die Idee eines »christlichen Staates« vertrat, begrenzen sollte.

Die Legende vom »preußischen Staatsphilosophen« entstand erst, als durch die Verzweiflung an den deutschen Zuständen im Vormärz und nach der gescheiterten 1848er Revolution wiederum – um nochmals Hegels Antrittsvorlesung zu zitieren – die »Noth der Zeit« und die Interessen und Kämpfe der Wirklichkeit an die erste Stelle gesetzt worden waren. Die Philosophie konnte nicht länger jene »Aufmerksamkeit und Liebe« finden, die Hegel 1818 im Blick auf erhoffte ruhigere Zeiten erwartet hatte.

Hegel, der die Philosophie immer auch in ihrem Zeitbezug verstand, hätte dieses Bedürfnis der Unzeit des Vormärz und der Reaktion mit Sicherheit gesehen und anerkannt. Er hätte darin aber – mit Recht – keinen Einwand gegen seine Philosophie selbst gesehen. Denn, wie es in der Vorlesung zur »Rechtsphilosophie« 1818/19 heißt, ihr gehe es um den Begriff der Freiheit »ohne Rücksicht (…) auf die Vorstellung der Zeit«. Und dies gilt gerade für sein scheinbar jedem Zeitbezug enthobenes Projekt eines »reinen Denkens«, denn in der Nachschrift der Vorlesung heißt es unmittelbar darauf kurz und bündig: »Der Boden der Freiheit ist der reine Gedanke.« Das klingt befremdlich und bedarf der Erläuterung.

Der »reine Gedanke«

Der »reine Gedanke« – das bezieht sich auf Hegels grundlegendes Werk, die »Wissenschaft der Logik«. Er verfolgt dort das Programm, das Denken selbst zum Gegenstand des Denkens zu machen, und zwar in bezug auf dessen Formen, d. h. auf die Begriffe und Kategorien, mit denen wir denken, und nicht in bezug auf die bestimmten Inhalte des Denkens, von denen vielmehr zu abstrahieren ist. Es geht also im Anschluss an Immanuel Kant noch einmal um die reine Vernunft. Im Blick auf den Begriff der Freiheit kommt es hier nicht darauf an, wie Hegel dieses Projekt im einzelnen durchführt; entscheidend ist das Resultat dieser Gedankenbewegung. Im Ergebnis erfasst sich der Begriff selbst, indem wir – Hegel als Autor sowie die Leser der »Logik« die Begriffe des Denkens mit begrifflichen Mitteln denken und dabei schließlich erkennen, dass die von uns verwendeten Begriffe mit denjenigen Begriffen identisch sind, die Gegenstand unseres Denkens sind.

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Georg Wilhelm Friedrich Hegel (27. August 1770–14. November 1831) – Porträt Jakob Schlesingers aus dem Jahr 1831

»Rein« ist das Denken also insofern, als der Begriff im Rahmen der »Logik« nur sich selbst zum Gegenstand hat und dabei von nichts anderem abhängt. Diese Selbstbeziehung des Begriffs im Verlauf der ganzen »Wissenschaft der Logik« bezeichnet Hegel dann als »absolute Idee«, die als »absolute Methode« zu verstehen sei. »Absolut« deshalb, weil der Begriff sich nur auf sich selbst bezieht; »Methode« (Weg) deshalb, weil diese Beziehung nur als Prozess gedacht werden kann. Die absolute Methode ist eigentlich das, was für Hegel die dialektische Methode ist. Da der Begriff sich nur im Verlauf eines Prozesses erfassen kann, enthält die Idee in sich unterschiedliche Bestimmungen. Sie ist das Allgemeine des Begriffs, aber nur in der Bewegung durch unterschiedliche Bestimmungen. Hegel nennt dies eine »in sich konkrete Allgemeinheit«. Das sagt, dass die Allgemeinheit (die Idee) in sich unterschieden ist und nur in der Bewegung durch diese unterschiedenen Momente besteht.

Dies ist für Hegel der vollendete Begriff der Freiheit. Um das zu verstehen, muss gesehen werden, dass Hegels Konzept der in sich konkreten Allgemeinheit einen Bruch mit der Tradition darstellt. Traditionell sind »allgemein« diejenigen Merkmale bzw. Eigenschaften, die allem darunter subsumierten Einzelnen gemeinsam sind. Das Allgemeine ist das Wesentliche gegenüber den sonstigen Bestimmungen des Einzelnen. Das Wesen tritt dem Einzelnen somit äußerlich als ein Allgemeines entgegen, und zwar so, dass das Allgemeine das Einzelne wesentlich bestimmt. Anders gesagt: Es handelt sich um eine hierarchische Struktur oder, so ließe sich auch sagen, um ein Herrschaftsverhältnis. Es ist nicht ohne Ironie, dass die Hegel-Kritik dies gerade der Hegelschen Idee nachsagt. Dabei ist die Idee als das »wahrhaft Allgemeine« bei Hegel gerade nicht hierarchisch strukturiert. Das Allgemeine steht nicht für sich dem Einzelnen bzw. Besonderen gegenüber, sondern besteht überhaupt nur im Durchgang durch die einzelnen und besonderen Bestimmungen. Sie sind insofern gleichberechtigt. Das Ganze ist kein Herrschaftsverhältnis, sondern ein Modell der Freiheit und Gleichheit.

»Das freye Reich des Gedankens«

Dieser Gedanke ist nicht leicht nachzuvollziehen, und Hegel wusste auch darum. In seiner Antrittsvorlesung widmete er zum Schluss der Schwerverständlichkeit der Philosophie und besonders des »reinen Denkens« einen ganzen Abschnitt. Am leichtesten, so bemerkte er ironisch, verstehe man das, was man schon wisse und »was sich unmittelbar an unsern gewohnten Lebens- und Gedankenkreis anpasst«. Diese Gewohnheiten kann aber die Philosophie nicht unhinterfragt akzeptieren. Gerade dadurch, dass sie von ihnen abstrahiert, wird sie fähig zur rücksichtslosen Kritik der Vorstellungen der Zeit – auch im Blick auf Gesellschaft und Staat. Der vollendete Begriff der Freiheit, die absolute Idee, ist dabei der Maßstab zur Beurteilung der Vernünftigkeit des Gegebenen. Nur, was dieser Prüfung standhält, kann als wirklich gelten; alles andere ist ein bloß Existierendes, dem keine Notwendigkeit zukommt.

Das »freye Reich des Gedankens« flieht nicht der Not und den Widersprüchen der Zeit, sondern in ihm wird die Methode der Kritik des Bestehenden entwickelt. Diese Methode ist in der Tat »kritisch und revolutionär«. Sie ist es auch deshalb, weil für Hegel die Philosophie »ihre Zeit in Gedanken erfasst«. So versteht er die klassische deutsche Philosophie als begriffliche Verarbeitung der Französischen Revolution, die für ihn das große epochale Ereignis darstellt: »Kantische, Fichtesche und Schellingsche Philosophie. In diesen Philosophien ist die Revolution als in der Form des Gedankens niedergelegt und ausgesprochen, zu welcher der Geist in der letzteren Zeit in Deutschland fortgeschritten ist (…). An dieser großen Epoche in der Weltgeschichte, deren innerstes Wesen begriffen wird in der Weltgeschichte, haben nur diese zwei Völker teilgenommen, das deutsche und das französische Volk«.

Der praktisch-politische Durchbruch des Freiheitsbewusstseins in der Französischen Revolution ist damit auch Bedingung der Gedankenbewegung in der klassischen deutschen Philosophie. Die Philosophie begreift nur das, was schon geschehen ist. Ihr Sinnbild ist daher nach Hegel die Eule der Minerva, die, nachdem das Werk des Tages vollendet ist, in der Dämmerung ihren Flug beginnt. Indem sie das Bestehende begreift, rechtfertigt sie es aber nicht einfach. Sie unterscheidet in ihm vielmehr, was vernünftig und damit notwendig ist, und was nicht. Vernünftig an der Französischen Revolution (Hegel feierte regelmäßig den Jahrestag des Sturms auf die Bastille) war der Versuch, dem Gedanken der Freiheit in Staat und Gesellschaft Geltung zu verschaffen. Unvernünftig wurde sie dort, wo der Begriff der Freiheit abstrakt gefasst wurde, als Freiheit des einzelnen Willens von allen Bindungen. Hierauf geht nach Hegel der Terror der Jakobinerdiktatur zurück.

Gleichwohl gilt, wie es in der Vorlesung 1821/22 zur »Philosophie des Rechts« heißt: »Man hat wollen das Vernünftige, das bestimmte Vernünftige, es hat eine Staatseinrichtung sein sollen, in der die Freiheit ihre Existenz hätte.«

Der philosophische Begriff der Freiheit, die absolute Idee, verlangt somit einerseits die ­Abstraktion von allen bestimmten Inhalten und die Vertiefung des Denkens in sich; andererseits ist er nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt zu gewinnen, sondern er ist Resultat der ganzen Weltgeschichte. Weltgeschichte ist für Hegel »der Fortschritt im Bewußtseyn der Freiheit«. Ihr Boden ist die Entwicklung dessen, was Hegel »Geist« nennt: der Individuen (subjektiver Geist) sowie der gesellschaftlichen Verhältnisse und staatlichen Institutionen (objektiver Geist) im Verhältnis zueinander und zur Natur.

In dieser Hinsicht entspricht »Geist« dem, was Marx »gesellschaftliches Naturverhältnis« nennen wird. »Geist« schließt aber auch ein, dass die Menschen sich in diesen »geistigen« Verhältnissen über die Natur dieser Verhältnisse und ihre Stellung darin zu verständigen suchen. Darin gelangt der Geist nach Hegel schrittweise zu einem Bewusstsein seiner selbst, als Selbstbewusstsein der menschlichen Gattung. Hegel nennt dieses Selbstverhältnis des Geistes, das sich in Kunst, Religion und Philosophie entwickelt, den absoluten Geist. Das jeweilige Selbstbewusstsein des Geistes ist Ausdruck und zugleich auch praktisches Moment der Gestaltung der jeweiligen »Welt«. In diesem Sinne ist die Entwicklung des Geistes nicht nur die Entwicklung des Selbstbewusstseins bis hin zum philosophischen Begriff, sondern zugleich auch ein Prozess des Weltlichwerdens geistiger Prinzipien überhaupt. Diese beziehen sich im Grunde nur auf eins, die Freiheit, denn das »Wesen des Geistes ist (…) die Freiheit«.

Vordenker der Befreiung

Der weltgeschichtliche Fortschritt ist aber nur Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, nicht etwa in der Realisierung politischer und sozialer Freiheiten, auch wenn die Versuche in dieser Richtung Bedingung der Ausbildung des Freiheitsbewusstseins sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass Hegel sich damit zufriedengeben will. Zwar habe, so sagt er, das Prinzip der Französischen Revolution auch in Deutschland »das Interesse des Bewusstseins für sich genommen; aber es ist theoretischerweise ausgebildet worden. Wir haben allerhand Rumor im Kopfe und auf dem Kopfe; dabei lässt der deutsche Kopf eher seine Schlafmütze ganz ruhig sitzen und operiert innerhalb seiner«.

Dieser Zustand der Ruhe ist für Hegel nicht Bürgerpflicht, sondern zeigt einen Mangel an. Die absolute Idee, in der sich das Bewusstsein der Freiheit vollendet, ist nämlich ebenso theoretisch wie praktisch und dadurch der »Trieb, durch sich selbst in allem sich selbst zu finden und zu erkennen«. Sie kann sich nicht selbst genügen und nur theoretisch bleiben, sondern drängt zur Wirklichkeit: »Das Vernünftige soll gelten«. Wenn Hegel in der Vorrede zu seinen »Grundlinien der Philosophie des Rechts« sagt, die Philosophie habe die Welt nicht darüber zu belehren, wie sie sein soll, dann heißt das nicht, dass sie so bleiben soll, wie sie ist. Es sagt nur, dass es nicht Aufgabe der Philosophie ist, die Verwirklichung der Vernunft ins Werk zu setzen. Die Philosophen sind nicht die berufene Avantgarde des Weltgeistes, sondern dessen Protokollanten. Sie sind, so führt Hegel in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Religion aus, die Hüter des Freiheitsbewusstseins; wie aber »sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und ist nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie«. Und ebenso in der Vorlesung zur Philosophie des Rechts 1821/22: »Die große Revolution ist geschehen, das weitere ist der Zeit zu überlassen.«

Die Verwirklichung der Vernunft steht noch aus. Aber sie bleibt nach Hegel unsere Aufgabe. Um sie zu erkennen und anzunehmen, ist gerade nicht das kritiklose Einverständnis mit dem Bestehenden gefordert. Hegel ist nicht Vordenker der Reaktion, sondern der Befreiung.

Andreas Arndt ist Professor emeritus am ­Lehrstuhl für Philosophie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.


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  • Beitrag von Andre H. aus N. (20. Oktober 2018 um 15:48 Uhr)

    Die jW sollte ein regelmäßig erscheinendes Ressort »Philosophie« einrichten. Mit ganz viel Marx, aber auch anderen Philosophen. Eure Beiträge dazu sind wirklich brillant.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Wilhelm Rettler: Debatte nötig Hegel war der größte Modephilosoph seiner Zeit. Auf Marx hatte er einen gewissen Einfluss, deshalb ist er unter Marxisten anscheinend unantastbar. Seine Texte sind schwerstverständlich – also undemokr...

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