Aus: Ausgabe vom 17.10.2018, Seite 12 / Thema

»Manche Tat schreit ewig«

Im Herbst 1943 begann die Befreiung Belorusslands von den deutschen Besatzern – eine Erinnerung an den Maler Michail Sawizki

Von Peter Michel
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Partisanenmadonna (1967), Öl auf Leinwand (190 x 170 cm), aus: »Sowjetische Malerei der Gegenwart« von Wladislaw Simenko, Leipzig 1977

»Auf jedem Menschen liegt der Widerschein der Geschichte; den einen trifft er mit glühendem, versengendem Licht; bei anderen nimmt man ihn kaum wahr, so schwach ist er; getroffen aber werden alle davon. Die Geschichte lodert wie ein gewaltiges Feuer, und jeder von uns gibt sein Reisig dazu.« So beginnt der Roman »Widerschein des Feuers« von Juri Trifonow. Seine Schlussworte lauten: »Das Feuer brennt und lodert und wirft seinen Schatten auf unsere Gesichter, und es wird seinen Schein auch auf unsere Kinder werfen und auf jene, die nach ihnen kommen …«

Niedergebrannt und zerstört

Erst im Juni 2018 wurde im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem Gelände einer ehemaligen Erschießungsstätte im Wald von Blagowtschina, die zum deutschen Vernichtungslager im belorussischen Maly Trostenez gehörte, eine Gedenkstätte für die dort ermordeten Juden aus dem Ghetto von Minsk, aus Deutschland, Österreich und dem heutigen Tschechien eröffnet. Auch Partisanen und andere Widerstandskämpfer wurden dort erschossen. Im Juli 2004 war die Rekonstruktion der 1969 eingeweihten Nationalen Gedenkstätte der Republik Belarus¹ in Chatyn abgeschlossen worden. Dort hatten 1943 deutsche Truppen die Einwohner in Scheunen getrieben und alles niedergebrannt. Die Gedenkstätte erinnert an die Opfer der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, an 627 total zerstörte Dörfer, an etwa 1,7 Millionen Ermordete, darunter 700.000 Kriegsgefangene, 500.000 Juden und 345.000 Opfer der sogenannten Partisanenbekämpfung.

Zahlen sind abstrakt, anonym. Das Grauen wird erst begreifbar, wenn es um einzelne Schicksale geht. Trifonow zitiert in seinem Roman »Das Verschwinden« eine Radiomeldung im belagerten Moskau: »Faschistische Bestien trieben die Tochter einer belorussischen Partisanin und ihren Enkel in einen Keller, warfen Handgranaten hinein …«² Regelmäßig wurden in Minsk Partisanen hingerichtet, deren Leichen zur Abschreckung tage- oder wochenlang der Öffentlichkeit präsentiert wurden, darunter auch Menschen, die keine Partisanen waren und als Geiseln starben. Die bewaffnete Widerstandsbewegung Belorusslands galt als eine der stärksten Europas; es gab ca. tausend Partisanengruppen, in denen 400.000 Menschen kämpften, darunter 70 Prozent Belarussen, 20 Prozent Russen und zehn Prozent andere Nationalitäten, auch etwa 100 Deutsche, vorwiegend Überläufer.

Die Rote Armee eroberte im Herbst 1943 den äußersten Osten Belorusslands zurück. Im Sommer 1944 nahm sie gemeinsam mit Partisaneneinheiten Minsk ein und befreite schließlich das gesamte Land. Am 16. Juli 1944 fand im zerstörten Minsk die Siegesparade statt.

Dienst am Menschen

Der Maler Michail Andrejewitsch Sawizki konnte nicht daran teilnehmen. Bis zum 29. April 1945 musste er noch in deutschen Konzentrationslagern vegetieren. Nach der Rückkehr in seine Heimat bedrängten ihn nicht nur traumatische Erinnerungen an seine Kriegserlebnisse, an das im faschistischen Deutschland Durchlittene, sondern auch an das, was inzwischen im Land seiner Geburt geschehen war.

Als ich ihn in den 1970er Jahren kennenlernte, war er als Mitglied einer Delegation der Sowjetischen Akademie der Künste in Ostberlin. Er sprach ein wenig Deutsch und ich etwas Russisch, so dass wir keinen Dolmetscher brauchten. Ich habe ihn als einen beeindruckenden, sehr gebildeten Menschen erlebt, der Selbstbewusstsein und kultivierte Zurückhaltung ausstrahlte. Er war hochgewachsen, schlank, fast hager. Unter vollen, teilweise ergrauten Haaren wölbte sich eine hohe Stirn. Seinen Kopf hielt er meist erhoben, während seine Augen oft – halb geschlossen – nach unten blickten. Während er sprach, sah er sein Gegenüber nur selten direkt an; es schien mir, als formulierte er seine Gedanken für sich selbst.

Einige seiner Bilder kannte ich aus Katalogen, seine »Partisanenmadonna« hatte ich schon in der Tretjakow-Galerie gesehen. Nun hatte ich Gelegenheit, mit dem Schöpfer des Gemäldes zu sprechen. Auch die Malerin und Präsidentin des Verbandes der Bildenden Künstler der DDR, Lea Grundig, war von diesem außergewöhnlichen Menschen beeindruckt. In ihrem Buch »Über Hans Grundig und die Kunst des Bildermachens« zitiert sie einen Gedanken Sawizkis: »Wenn ich ein Bild male, so nehme ich Verallgemeinerungen und Symbole darin auf. Ich denke viel über das Sujet nach. Es soll, so meine ich, einfach und bedeutsam zugleich sein. Und gedankentief (…). Die wahren Künstler haben stets ein Sinnbild ihrer Zeit gegeben. Es ändern sich die Zeiten, es ändern sich die Aufgaben der Künstler, es ändert sich auch die Malweise. Aber eins wird stets unverändert bleiben: die Ehrlichkeit des Künstlers gegenüber dem Leben, seine Aufrichtigkeit im Dienst am Menschen, am Humanismus …«³

Seit meiner Begegnung mit Sawizki sind beinahe vierzig Jahre vergangen. Auf Reproduktionen seiner Bilder stießen wir im Juni 2008 zufällig im Ostseebad Rerik in Mecklenburg-Vorpommern, als wir die frühgotische, um 1250 errichtete Pfarrkirche St. Johannes besichtigten. Dort gab es eine kleine Ausstellung großformatiger Farbdrucke, die uns deutlich machte, dass sein humanistisches Denken und Schaffen auch aus der in der dörflichen Bevölkerung Belorusslands traditionell verwurzelten Religiosität stammte.

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Partisanen (1963), Öl auf Leinwand (150 x 160 cm), aus: »Michail Sawizki« von Boris Krepak, Minsk 2013

Verschleppt und gequält

Michail Sawizki wurde am 18. Februar 1922 in Swenjatschi, einem Dörfchen bei Witebsk, geboren. Sein Vater war Eisenbahner, seine Mutter Kolchosbäuerin. Er kam in die Mittelschule nach Kochanowo. Schon dort fasste er den Plan, Künstler zu werden. Vom 16. Lebensjahr an besuchte er deshalb, unterstützt von seinen Eltern, für zwei Jahre die Witebsker Kunstschule. Am 12. September 1940 wurde er zur Roten Armee eingezogen, kam in eine Schule für junge Kommandeure der Artillerie in Rostow am Don und von dort in ein Artillerieregiment in Noworossijsk am Schwarzen Meer. Später war er Adjutant des Leiters der Militärschule der Luftstreitkräfte in Grosny. Als der Überfall der nazideutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann, war er Stellvertreter des Kommandeurs einer Schützendivision in Sewastopol. Seit Ende Oktober 1941 gehörte er zu den Verteidigern dieses Schwarzmeerhafens, der von den Hitlertruppen auf dem Land und zu Wasser blockiert wurde. Am westlichsten Punkt der Krimhalbinsel geriet er mit seinen Kameraden in eine aussichtslose Lage, war ohne Lebensmittel und Trinkwasser, ohne Munition dem Ansturm des Feindes ausgeliefert und wurde am 4. Juli 1942 gefangengenommen.

Nun begann eine Odyssee: Zunächst war es ein Gefängnis in Simferopol, danach die Sammellager für sowjetische Kriegsgefangene in Bachtschissarai auf der Krim und Nikolajew in der Südukraine. Es folgten in Deutschland das Stammlager (Stalag) 326 in der Heidelandschaft Senne am Westhang des Teutoburger Waldes und das Arbeitslager an der Bergischen Landstraße in Düsseldorf. Von dort kam Sawizki mit Tausenden Kriegsgefangenen in das Konzentrationslager Buchenwald, musste im Außenlager Mittelbau-Dora nahe Nordhausen Steine brechen und wurde schließlich in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Es blieb ihm nichts erspart. Sowjetische Kriegsgefangene wurden in diesen Lagern als »Untermenschen« behandelt. Für ihn, der sensibel war und Künstler werden wollte, war dieser schlimme Weg eine »Dantesche Hölle«. Am 29. April 1945 wurden die Überlebenden des KZ Dachau befreit, doch Sawizkis Odyssee war noch nicht zu Ende. Nach einem Lazarettaufenthalt musste er sich in einem Lager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD einer Überprüfung unterziehen, arbeitete anschließend als künstlerischer Gestalter in einer Artilleriedivision der Roten Armee und wurde erst Anfang Dezember 1946 demobilisiert.

Nun konnte er endlich ein Kunststudium aufnehmen, zunächst an der Minsker Kunsthochschule, danach am Moskauer Surikow-Institut. Er war einer der besten Studenten, schuf als Diplomarbeit ein großes Gemälde mit dem Titel »Das Lied«, das noch ganz in der Tradition der Peredwischniki⁴ stand, fand aber bald seinen eigenen, unverwechselbaren Stil. Erst im November 1957 kehrte er endgültig in seine Heimat zurück. Er arbeitete, als wollte er die brutal verlorenen Jahre seiner Jugend nachholen und gehörte bald zu den bedeutendsten belorussischen Künstlern.

Autobiographie in Bildern

Die Stationen seines Lebens bestimmten die meisten seiner Stoffe. Immer sind die Inhalte seiner Bilder in dialektischer Weise verallgemeinert. In seinen stärksten Arbeiten findet man ein bemerkenswertes ornamentales Formgefühl, eine mit überlegener Klarheit arbeitende Psyche; man spürt die Erschütterung des Malers vor seinem Gegenstand. Die menschliche Erfahrung wird zum künstlerischen Form- und Farberlebnis.

Die Eindrücke seiner Kindheit finden sich in zahlreichen Bildern wieder, die bis in sein hohes Alter entstanden, z. B. in den Gemälden »Flachs« (1958), »Auf dem Feld« und »Bauer im roten Hemd« (beide 1972), »Brot der neuen Ernte« (1979) oder »Herbst« (1992 und 2007). Manche Themen tauchen mehrfach auf. Reine Landschaften sind selten; stets wird das Verhältnis der Menschen zu ihrer Heimat gezeigt.

Seine eigenen Erfahrungen während des Krieges flossen u. a. in sein gewaltiges Bild »Das Feld« (1972) ein: Bis zum Horizont erstreckt sich das Meer eines Weizenfeldes. In diesem heranreifenden Brot vollzieht sich ein grausamer Nahkampf; die wenigen Rotarmisten halten dem übermächtigen Feind nicht stand und sterben auf der Erde, die sie bestellt haben. In einem Ganzkörperselbstbildnis mit dem Titel »Häftlingsnummer 32815« (1976) steht er in Häftlingskleidung mit rotem Winkel vor dem Tor des Konzentrationslagers Buchenwald mit der Inschrift »Jedem das seine« – in starrer Haltung, als führte er den Befehl eines Aufsehers aus. »Der Fluch« (1979) ist der Titel eines Bildes, das dem Sterben durch den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun bei einem Fluchtversuch gewidmet ist.

Das Ureigene

Die 1960er bis 1990er Jahre waren die produktivste Periode im Schaffen Sawizkis. Madonnenmotive tauchen immer wieder auf: in seinem Gemälde »Der Rosenstrauch« (1974), das von den Rosenhag-Bildern Stefan Lochners (1450) oder Martin Schongauers (1473) angeregt sein mag, in »Die Madonna von Birkenau« (1978), in der »Minsker Partisanenmadonna«(1978) oder in der »Madonna von Tschernobyl« (1989), in der mit zwei Engelsfiguren der Bezug zur christlichen Ikonographie sehr deutlich ist. Das bekannteste Bild in dieser Reihe ist aber die bereits 1967 gemalte »Partisanenmadonna«.

Diesem Bild liegt die jahrhundertelange Tradition der Ikonenmalerei zugrunde. Der Bildaufbau ist schlicht. Die Madonna steht mit ihrem Kind im Mittelpunkt. Wo in den alten Ikonen eine goldene Gloriole ihr Haupt umstrahlt, ist es hier ein helles, wogendes Getreidefeld; wo weitere Heilige als Figuren hinzukommen, sind es jetzt ganz gegenwärtige Menschen im gefährdeten Alltag der Partisanen. Sawizki malte auf seine Weise eine der ergreifendsten Mutter-Kind-Darstellungen des 20. Jahrhunderts, ein Bild voller Schmerz und Zärtlichkeit, voll innerem Frieden, mit dramatischer Symbolik der Selbstaufopferung. Er stellte sich in die großen Traditionen realistischer Weltkunst – von Leonardo da Vinci und Raffael bis Petrow-Wodkin – und schuf etwas Ureigenes, Bleibendes. Das Bild ist zugleich von weltlichem und christlichem Denken geprägt. Später wandte sich Sawizki öfter reiner Ikonenmalerei, biblischen Themen und dem Leben der Christen in den Dörfern zu. Alles geht ein in gegenwartsbezogene, menschliche Sujets, die einfach und gedankentief sind.

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Brote (1968), Öl auf Leinwand (150 x 170 cm), aus: »Sowjetische Malerei der Gegenwart« von Wladislaw Simenko, Leipzig 1977

Schon 1963 entstand sein Bild »Partisanen«, eine der ersten Arbeiten eines Zyklus zu diesem Thema. Hier verallgemeinerte er zum ersten Mal eine konkrete Episode – den Abschied eines Partisanen von seiner Frau – mit eindringlicher Schlichtheit, mit sparsamen und genau beobachteten Details. Eine rauhe, beinahe monochrome, bleiern-aschgraue Farbigkeit, ein ruhiger, aber kraftvoller Rhythmus der Komposition machen dieses Bild zu einem überzeugenden Werke der Periode des »harten Stils«, der damals in der sowjetischen Kunst dominierte.

Auf seinem Gemälde »Brote« (1968) tragen drei Frauen verschiedener Generationen gemessen-feierlich wie in einer Prozession ihre runden Brotlaibe in einen winterlichen Wald. Sie schreiten stolz vorbei, als trügen sie einen Schatz. Die Dorfbevölkerung unterstützte die Partisanen mit Lebensmitteln. Der Maler führt diese Szene vor wie ein Volkslied. Die dünnen, frierenden Ebereschen werden zum Symbol erwachenden Lebens.

Michail Sawizki starb am 8. November 2010 an einem Gehirnschlag. In seiner Heimat wurde und wird er hoch geehrt. Er erhielt kaum zählbare Auszeichnungen. Nach dem Ende der Sowjetunion und der Gründung der Republik Belarus 1991 gab es in der Achtung für diesen Künstler und sein Werk keinen Bruch. Präsident Alexander Lukaschenko bezeichnete Sawizkis Kunst als kostbares Gut; er gratulierte ihm in seinem Atelier zum 75. Geburtstag und nahm an der Eröffnung der Sawizki-Galerie in Minsk teil. Ob das Schaffen Sawizkis zum Sozialistischen Realismus zählt oder nicht, mögen die Schubladendenker entscheiden.

Wir leben in einer Zeit des Verdrängens und Vergessens. Die Schatten der Vergangenheit werden nicht wahrgenommen und die Verbrechen sollen aus dem Gedächtnis gestrichen werden. Doch: »Manche Tat schreit ewig«, mahnte schon Novalis. Wer Verantwortung vor der Geschichte spürt, schließt vor diesem Schrei seine Ohren nicht.

Anmerkungen:

1 Die 1920 entstandene belorussische Sowjetrepublik wurde 1991 in Republik Belarus umbenannt.

2 Juri Trifonow: Das Verschwinden, Berlin 1989, S. 24

3 Lea Grundig: Über Hans Grundig und die Kunst des Bildermachens, Berlin 1978, S. 131

4 Peredwischniki = Wandermaler. Zu dieser künstlerischen Bewegung des 19. Jahrhunderts gehörte auch der im südrussischen Taganrog geborene Maler und Graphiker Konstantin Apollonowitsch Sawizki (1844–1905), der in seinen Bildern den Alltag der unterdrückten und rechtlosen Bevölkerungsschichten schilderte und zu einer sozialkritischen Aussage kam. Er war mit Michail Sawizki nicht verwandt.

Peter Michel schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. September 2018 über den sich langsam vollziehenden Wandel im Umgang mit Kunst aus der Deutschen Demokratischen Republik.


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