Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Klick dich durch! Die Wahrheit über die Buchmesse

Von Klaus Bittermann
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Die Buchmesse reagiert nun schon seit Jahren auf die neuen Anforderungen der Zeit, und auf zwar auf sehr einfallsreiche Weise. Die Stände werden immer teurer, aber was durch wegbleibende Verlage an Einnahmen verlorengeht, soll auch durch Erhöhung der Eintrittspreise kompensiert werden. 2016 kostete ein Tagesticket 45 Euro, 2017 waren es 68, in diesem Jahr sind es nur noch 74 Euro.

Uneinsichtige Buchhändler, die keinen Sinn für die Nöte der Messe haben, die immer größer und weltläufiger wird und mit Georgien einen echten Knüller zum Gastland gemacht hat, was natürlich mit großen Kosten verbunden ist, meckern zwar, aber können ja schließlich übers Internet Bücher bestellen, wenn sie denn unbedingt welche haben wollen. Unbeirrt geht die Buchmesse den Weg der digitalen Modernisierung.

Seit diesem Jahr ist das Eintrittsticket für Aussteller nicht mehr im Standpreis inbegriffen, sie müssen es auch selbst ausdrucken, natürlich sehr einfach und in wenigen Stunden leicht zu machen. Wer am Leitfaden scheitert und dann doch zum Telefonhörer greifen muss, um sich unter Anleitung einer geduldigen Dame durch das System der Klicks führen zu lassen, kommt in den Genuss, sich wie ein echter Vollidiot zu fühlen. Man nennt diese Methode Outsourcing, also die Verlagerung der Arbeit an den Kunden, um selbst mehr Zeit für Brainstormingkonferenzen zu haben, in denen mit großen Visionen an der Abschaffung des Buches gearbeitet wird.

Der Branche geht es schlecht. Aus Graphiken mit nach unten fallender Kurve geht eindeutig hervor, dass der Leser ausstirbt und immer weniger Bücher verkauft werden. Auch wenn die verbliebenen Leser mehr Bücher kaufen, können sie den Abwärtstrend nicht stoppen. Im übrigen schreiben die meisten der noch vorhandenen Leser ihre Bücher inzwischen selbst. Mit von deutschen Verlagen abgelehnten Manuskripten könnte, nebeneinandergelegt, die Erde eingepackt werden. Die Verlage machen dennoch weiter, in der Regel allerdings deshalb, weil die meisten Verleger, wie ich auch, sonst nichts Richtiges gelernt haben und nun gezwungen sind, solange ins Büro zu gehen, bis der Insolvenzverwalter an die Tür klopft.

Die Zeit der rauschenden Verlagspartys ist vorbei. Rowohlt hat seine gestrichen und macht jetzt wie Suhrkamp einen Kritikerempfang, um dem unkontrollierten Ansturm von Autoren einen Riegel vorzuschieben, die sich auf Kosten Rowohlts die Kante geben. Kein Wunder, dass auf diesen Empfängen der Kulturpessimismus Konjunktur hat. Die Journalisten haben Angst, dass sie bald überflüssig sind und entlassen werden, die Verleger, dass sie auf ihren Bücher sitzenbleiben, die dann makuliert werden müssen. Aber ist das wirklich ein Wunder?

Geschätzte 95 Prozent der gesamten Buchproduktion sind Mist. Vielleicht haben die Leser das jetzt langsam gemerkt. Eigentlich ist es nur verwunderlich, dass es so lange gedauert hat. Und die restlichen fünf Prozent haben bis auf Ausnahmen kaum jemanden wirklich interessiert. Bücher als Massenware sind wie andere Waren auch ein Ex-und-hopp-Produkt. Und Lesen bildet nicht, sondern verdummt. Diese Wahrheit kommt jetzt in der schönen neuen Welt des digitalen Zeitalters zum Vorschein, in der Buchstaben und Infos konsumiert werden, aber niemand mehr weiß, was er damit anfangen soll..


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