Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 10 / Feuilleton

Prinzessin, Prinz, dreifache Wucht

Von F.-B. Habel
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Christel Bodenstein

Nach einer langen Filmpause spielte sie vor zwei Jahren in einem Remake ihres größten Publikumserfolgs eine weise Kräuterfrau. Die Rolle wurde von einer unsensiblen TV-Redaktion gekürzt, doch viele Zuschauer freuten sich, Christel Bodenstein in »Das singende, klingende Bäumchen« wiederzusehen. 1957 war die Schauspielerin in dem Klassiker die hochmütige Prinzessin (Foto), die lernt, was Freundschaft bedeutet – nachvollziehbar für viele Kinder.

Bodenstein, ein DEFA-Star der 50er und 60er, wurde vor einigen Jahren vom Filmhistoriker Jim Morton aus den USA als »das klassische Beispiel eines ›Triple threat‹« charakterisiert, »einer dreifachen Wucht, einer seltenen Persönlichkeit, die spielen, singen und tanzen konnte«.

Am heutigen Sonnabend vor 80 Jahren in München geboren, wuchs sie in Leipzig auf, wurde von Kurt Maetzig für den Film entdeckt, studierte in Babelsberg und spielte bald unter der Regie von Kapazitäten wie Slatan Dudow oder Martin Hellberg, etwa 1962 als geerdete Kammerjungfer Franziska in »Minna von Barnhelm«. Hier bekam sie am Schluss Manfred Krug. Der Musikfilm »Revue um Mitternacht« war 1962 ebenso ein Erfolg für die beiden wie kurz darauf der Gegenwartsfilm »Beschreibung eines Sommers«, in dem sie als FDJ-Sekretärin Grit auf einer Großbaustelle ist.

Als die Rollenangebote in den 70ern schlechter wurden, trat Bodenstein republikweit mit Programmen auf, zur Gitarre singend, mal allein, mal mit dem Satiriker Hansgeorg Stengel. Im Friedrichstadtpalast gründete sie mit ihrem zweiten Ehemann Hasso von Lenski die kleine Bühne »Das Ei« und blieb dem Haus bis zur Rente als Regieassistentin und Regisseurin treu.

In erster Ehe war Bodenstein mit dem Regisseur Konrad Wolf verheiratet, der seine Frau lange nicht besetzte, bis er die richtige Rolle für sie gefunden zu haben glaubte: die Titelrolle in Saint-Exupérys »Der kleine Prinz« (1966), den Bodenstein nicht zu Unrecht heute als ihren besten Film betrachtet. Wer Christel Bodenstein in diesem Konrad-Wolf-Film nicht gesehen hat, hat etwas Außerordentliches versäumt!


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