Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 8 / Ausland

»Müssen Gelegenheitsarbeiten annehmen«

Uganda: Dorfbewohner von Land verdrängt. Hamburger Konzern macht dort Profite. Ein Gespräch mit Peter Kayiira

Interview: Jan Greve
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Vertriebene in Mubende (Uganda), dokumentiert vom Netzwerk FIAN

Seit mittlerweile 17 Jahren kämpfen Sie gegen die Vertreibung von rund 4.000 Dorfbewohnern in Mubende, Uganda. Auf dem Land, auf dem sie einst lebten, betreibt die Hamburger »Neumann Kaffee-Gruppe«, kurz NKG, nun eine rund 2.500 Hektar große Kaffeeplantage (siehe jW vom 18.3.17). Was ist damals geschehen?

Der Konzern hat im April 2001 einen Deal mit der Regierung abgeschlossen. Im Juni stellte uns der »Resident District Commissioner«, RDC, ein Ultimatum, dass wir innerhalb von nur zwei Monaten unser Land verlassen sollen, weil dieses verpachtet worden sei. Wenig später wurde die Frist um zwei Wochen verkürzt. Das alles, ohne dass eine Kompensation oder Entschädigung in die Wege geleitet worden war. Zu diesem Zeitpunkt begannen bereits Bodenuntersuchungen im Auftrag der NKG. Wir ließen uns davon nicht beirren und blieben zunächst auf unserem Land. Einen Tag nach Ablauf der Frist schickte der RDC die Polizei, um mich festnehmen zu lassen. Dagegen gab es großen Protest von den Dorfbewohnern. Zwar ließen mich die Polizisten deswegen wieder frei, wenig später nahmen mich aber Soldaten der Armee fest. Sie zerrten mich in ihren Wagen, schlugen und beleidigten mich. Sie drohten mir, mich in ein Militärgefängnis zu stecken.

Zwei Tage später kamen erneut Soldaten auf unser Land. Sie verwüsteten und plünderten Läden, luden Waren auf ihre Laster, schlugen auf die Menschen ein, zerstörten Häuser, töteten Tiere. Als ich all das sah, rannte ich weg. Die gewalttätige Räumung dauerte eine ganze Woche und betraf vier Dörfer. Die Bewohner flohen und konnten nichts als ihr Leben retten. Wir waren gezwungen in nahegelegenen Wäldern zu campieren. Damals war Regenzeit: Es war kalt und wimmelte vor Moskitos.

Wie ist die aktuelle Situation der Menschen dort?

Die Lebenshaltungskosten steigen und steigen, zeitgleich nimmt die Armut unter den Menschen immer weiter zu. Wir, die Vertriebenen, sind komplett aus der landwirtschaftlichen Produktion gedrängt worden. Viele von uns sind gezwungen, Gelegenheitsarbeiten auf der Kaffeeplantage anzunehmen. Der Lohn für solche Jobs liegt unter einem Euro pro Tag – das reicht nicht zum Überleben. Etliche Kinder gehen nicht zur Schule, weil sie arbeiten müssen, um ihre Eltern zu unterstützen. Viele von ihnen sind unterernährt. Dadurch wird die Zukunft der nächsten Generation zerstört. Auch Krankheiten sind ein Problem für die Menschen. Medizinische Versorgung kostet Geld, das viele nicht haben.

Sie sind vor einigen Tagen in Genf gewesen. Weswegen?

Deutschlands Menschenrechtspolitik wurde am 24. und 25. September vor dem UN-Sozialausschuss untersucht. Zu diesem Anlass haben wir einen Bericht über unseren Fall eingereicht. Deutschland ist das Land, in dem der Konzern, der unsere Menschenrechte mit Füßen tritt, seinen Sitz hat. Die Bundesregierung muss etwas unternehmen, um solch eine Praxis zu verhindern. Das liegt in ihrer Verantwortung. Das haben wir bei verschiedenen Gelegenheit stets zu erklären versucht. Nur stoßen wir dabei auf taube Ohren.

Statt dessen mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass seit kurzem der deutsche Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller von der CSU, mit der Hanns-R.-Neumann-Stiftung zusammenarbeitet, um die »Entwicklung« in Uganda voranzubringen. Das sagt ja eigentlich schon alles über die enge Beziehung von Staat und Konzern aus.

Kommende Woche soll klar sein, ob der UN-Sozialausschuss Empfehlungen an die Bundesregierung verkündet. Wer ist aus Ihrer Sicht neben der BRD verantwortlich, und was muss nun geschehen?

Die Regierung von Uganda und die »Neumann Kaffee-Gruppe«. Der Konzern sollte unser Land verlassen, damit wir zurückkehren können. Auf beide Akteure muss Druck ausgeübt werden. Andererseits kann das FIAN Unterstützung gebrauchen – das Informations- und Aktionsnetzwerk, das sich für das Menschenrecht auf Nahrung einsetzt, ist uns eine große Hilfe.

Peter Kayiira ist Sprecher der rund 4.000 Dorfbewohner, deren Land in Uganda zur Kaffeeplantage gemacht wurde


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