Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 7 / Ausland

Belauscht und ausgespäht

Türkei hat angeblich Beweise für die Ermordung des saudischen Journalisten Chaschukdschi

Von Gerrit Hoekman
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Protest vor dem Konsulat Saudi-Arabiens in Washington am Mittwoch

Ist die Türkei im Besitz von Beweisen für den Mord an dem regierungskritischen Journalisten Dschamal Chaschukdschi im Konsulat von Saudi-Arabien in Istanbul? Die Washington Post berichtete am Donnerstag, türkischen Offiziellen lägen Ton- und Bildaufnahmen vor, die das Verbrechen belegen. Das Problem: Die Türkei hatte das saudische Konsulat heimlich belauscht und ausgespäht.

Bei den Tätern soll es sich um 15 Männer handeln, die in den frühen Morgenstunden des 2. Oktober mit zwei Privatmaschinen aus Riad kommend in Istanbul landeten. Ein Van holte sie nach der Landung direkt am Rollfeld ab. Im Laufe des Vormittags tauchte ein Wagen gleichen Modells und gleicher Farbe vor dem Konsulat von Saudi-Arabien auf. Das belegen Aufzeichnungen von Überwachungskameras am Flughafen und vor der Botschaft. Unter den Männern soll auch ein Forensiker und Autopsieexperte gewesen sein, berichtete ein großes Boulevardblatt aus Hamburg am Donnerstag.

Chaschukdschi wurde um 13 Uhr in einer familiären Angelegenheit auf dem Konsulat erwartet. Er brauchte Papiere für seine bevorstehende Hochzeit. Wie es scheint, lief er ahnungslos in die Falle. »Es ist zu hören, wie er verhört, gefoltert und dann ermordet wurde«, zitiert die Washington Post eine anonyme Quelle. Mit einer Säge sei die Leiche schließlich zerstückelt und vermutlich in Koffern aus dem Konsulat geschafft worden. Das alles hätten die Filme der Überwachungskamera aufgezeichnet.

Die türkische Regierung zögert offenbar, die Aufnahmen zu veröffentlichen, weil es das Eingeständnis wäre, dass in der Türkei ausländische Vertretungen ausspioniert werden. Ein diplomatischer Affront auch gegenüber anderen Staaten. Die Beziehungen zu Saudi-Arabien könnten im Moment nicht schlechter sein. Die Türkei flirtet seit einiger Zeit heftig mit dem Scheichtum Katar und dem Iran – beides Erzfeinde von Saudi-Arabien.

Die türkischen Ermittler gehen davon aus, dass Kronprinz Mohammed persönlich die Ermordung befohlen hat. Der designierte nächste König gibt sich nach außen gerne als liberaler Reformer und Hoffnungsträger, der den Frauen des Landes neuerdings sogar das Autofahren erlaubt. Wenn es allerdings um Meinungsfreiheit geht, versteht er keinen Spaß. Wer kritisiert, landet im Gefängnis. Zahlreiche Blogger und unliebsame Journalisten sitzen bereits ein.

Chaschukdschi hatte Saudi-Arabien vor einem Jahr Richtung USA verlassen, weil er sich nicht mehr sicher fühlte. Aus dem Exil kommentierte er für die Washington Post die Politik in seinem Heimatland. Er prangerte den Krieg im Jemen an und den Boykott Katars. Sein Wort hatte besonderes Gewicht, weil er früher als Direktor der Tageszeitung Al-Watan eng mit der Herrscherfamilie verbunden gewesen war.

Doch die Sache schlägt inzwischen hohe Wellen: Der republikanische Senator Randal Paul fordert, die Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien einzufrieren, sollte sich das Mordkomplott bestätigen. »Keine Ölgeschäfte und Waffendeals rechtfertigen unsere Komplizenschaft mit einem Regime, das den Dschihadismus in der ganzen Welt sponsort«, sagte er am Donnerstag laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu.

Donald Trump wäre ähnliche Klarheit zu wünschen. Doch der US-Präsident irrlichtert einmal mehr durchs Dunkel. »Wir haben Ermittler da drüben, und wir arbeiten mit der Türkei zusammen und natürlich auch mit Saudi-Arabien«, sagte er dem Sender Fox, wie Anadolu berichtete. »Das ist nicht wahr«, teilte eine nicht mit Namen genannte Quelle in der türkischen Regierung der Nachrichtenagentur daraufhin mit.


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