Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 2 / Feuilleton

»Hinter jeder Zahl steht ein Mensch«

Buchprojekt dokumentiert Todesopfer durch europäische Abschottungspolitik. Ein Gespräch mit Anja Tuckermann

Interview: Gerd Bedszent
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Das Ergebnis europäischer Abschottungspolitik: Die Leichen von ertrunkenen Migranten am Strand von Sizilien (30.9.2013)

Gemeinsam mit der Münchener Journalistin Kristina Milz und dem Berliner Hirnkost-Verlag arbeiten Sie an der Herausgabe des Buches »Todesursache: Flucht. Eine unvollständige Liste«. Dieses dokumentiert die über 35.000 Todesopfer der europäischen Migrationspolitik in den letzten 25 Jahren – also die Fälle derjenigen, die auf ihrer Flucht gestorben sind, weil sie etwa im Mittelmeer ertranken. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?

Im Jahr 2014 lernte ich einen jungen Afrikaner kennen, der ein Bootsunglück überlebte, weil er an Land schwimmen konnte. Über 30 andere waren ertrunken, einige hat er sterben sehen. Auch als er schon ein Jahr lang in Deutschland war, trauerte der junge Mann noch und sah sich immer wieder die Fotos der aufgereihten Leichen am Strand an. Er erzählte mir, wie er sich zusammen mit einem anderen Mann zunächst an Land vor der Polizei versteckt hatte. Trotz der zu erwartenden Schwierigkeiten gingen sie zum Strand zurück, um den Hilfskräften die Namen der Toten zu nennen.

Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken. Im Internet stieß ich darauf, dass vereinzelt Tote verzeichnet werden, jedoch ohne Namen. Über Pro Asyl lernte ich Kristina Milz kennen – zusammen beschlossen wir, das Buch herauszugeben.

Wer finanziert das Buch?

Noch bis zum 25. Oktober können uns Unterstützer über das sogenannte Crowdfunding Geld dazugeben. Dafür erhält man Gegenleistungen, je nachdem, wieviel man ausgeben möchte: Bücher, andere Sachen und sogar gespendete Originalwerke von Künstlern. Dieses Geld soll einen Teil der Druckkosten decken. Ein anderer Teil kommt vom Verlag oder von Spendern. Wir hoffen noch auf viele Förderinnen und Förderer.

Woher stammen die dokumentierten Fakten?

Die Amsterdamer Organisation »United for Intercultural Action« führt seit 25 Jahren in ehrenamtlicher Tätigkeit eine Liste, in der belegte Fälle aus der internationalen Presse und Meldungen internationaler Organisationen zusammengetragen werden. Die meisten Toten sind ohne Namen dokumentiert. Wir fügen der Liste Namen hinzu, die wir von Überlebenden oder Angehörigen erhalten. Von einigen der gestorbenen Menschen schreiben wir Porträts. Wir möchten zeigen, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht, der liebte, Träume und Pläne hatte.

Was wollen Sie mit Ihrem Projekt erreichen?

Zuerst einmal wollen wir erreichen, dass wir alle in Europa Herz und Verstand zusammenbringen und Leben retten. Mit diesem Buch wollen wir auch den gestorbenen Menschen ein Denkmal setzen, uns an sie erinnern, um sie trauern und sie ehren.

Das Buch wird am 10. Dezember 2018, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, in ganz Deutschland kostenlos verteilt. Wir wünschen uns, dass überall Leute an diesem Datum selbst etwas veranstalten: sei es eine Marathonlesung in einem Theater oder auf einem öffentlichen Platz, eine Podiumsdiskussion oder ein Konzert. Wir wünschen uns, dass in vielen Geschäften mitverteilt wird, in Buchhandlungen, Schulen, Bibliotheken und Organisationen.

Die extreme Rechte spricht im Zusammenhang mit Flucht von einer angeblichen Invasion zwecks Übernahme Europas.

Das finde ich einerseits lächerlich. Andererseits werden solche Untergangs- und Kriegsszenarien benutzt, um die vermeintlich anderen, die neuen, erst zu entmenschlichen, um sie dann zu Feinden deklarieren zu können. Menschen rotten sich zusammen, verbunden durch Ressentiments und diffuse Ängste. Aus so einem Zusammenrücken unter dem Vorzeichen des Hasses entstehen Aggressionen. Und dann sind diese Leute gefährlich.

Können Sie sich eine Welt ohne Migration vorstellen?

Menschen haben sich immer weiterbewegt, allein schon aus Entdecker- und Tatendrang. Ohne Migration gäbe es hier nur Wald und Sumpf. Vom Morgenland aus ist das Abendland besiedelt worden. Daher kommen wir. Ein abgeriegeltes Land wird schnell eines werden, aus dem viele nichts als wegwollen. Menschen brauchen andere Menschen, sie brauchen den Austausch – nicht nur von Waren, sondern auch von Ideen, Gedanken, Geschichten, Bildern, Musik.

Anja Tuckermann ist Schriftstellerin

Crowdfunding: visionbakery.com/Hirnkost


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