Aus: Ausgabe vom 12.10.2018, Seite 16 / Sport

Die Unterschiedsspieler

Die Niederlande verfügen mit van Dijk, de Jong und de Ligt über die interessantesten Defensivspieler Europas

Von Rouven Ahl
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Foul oder nicht? Auf jeden Fall Elfmeter!

Fast wäre es noch so richtig schief gegangen. Kurz vor Ende des Premier-League-Spitzenspiels zwischen Meister Manchester City und Herausforderer FC Liverpool brachte deren Abwehrchef Virgil van Dijk Citys Leroy Sané im Strafraum zu Fall. Ob es sich dabei wirklich um ein Foul handelte, darüber ließe sich trefflich streiten. Schiedsrichter Martin Atkinson zeigte jedenfalls beim Stand von 0:0 auf den Elfmeterpunkt.

Liverpool und van Dijk konnten am Ende jedoch aufatmen: Riyad Mahrez jagte den Ball weit über das Tor. Es wäre auch etwas ungerecht gewesen, falls ausgerechnet der Niederländer am Ende als Sündenbock für eine etwaige Niederlage hätte herhalten müssen: Van Dijk war bis zu diesem Zeitpunkt maßgeblich dafür verantwortlich, dass sein Klub die Null hielt.

Genau dafür hat der FC Liverpool van Dijk im letzten Winter von Ligakonkurrent FC Southampton verpflichtet; und das für kolportierte 85 Millionen Euro, was den 27jährigen gleichzeitig zum teuersten Verteidiger der Welt machte. Eine Summe, die selbst für die heutige Zeit übertrieben wirkte, hatte van Dijk seine Fähigkeiten bis dato doch noch nicht auf der ganz großen Bühne nachgewiesen.

Doch Liverpool-Trainer Jürgen Klopp wollte van Dijk unbedingt. Koste es, was es wolle. Klopp wusste warum – und lag letztendlich goldrichtig. Der 193 cm große und 92 kg schwere Koloss ist nämlich ein echter Unterschiedsspieler; er verwandelte die zuvor so löchrige und zeitweise belächelte Abwehr der »Reds« mit seiner Ruhe am Ball und seiner Kopfballstärke in ein echtes Bollwerk. Auch Mitspieler wie Dejan Lovren oder der junge Joe Gomez profitieren bislang von der Ausstrahlung ihres Nebenmannes, wurden an seiner Seite zu besseren Verteidigern.

Auch die niederländische Nationalmannschaft, die im Rahmen der UEFA-Nations-League am Samstag auf Deutschland trifft, hofft auf den »Van Dijk-Effekt«. Mit Frenkie de Jong und Matthijs de Ligt (beide Ajax Amsterdam) verfügt Trainer Ronald Koeman über zwei der größten Defensivtalente im europäischen Fußball. Beide sollen von der Präsenz eines gestandenen Spielers wie van Dijk profitieren und sich dabei zu jenen Fußballern entwickeln, die sie aufgrund ihres riesigen Talentes werden können.

Der 19jährige de Ligt kommt dabei mit seiner Statur (188 cm, 89 kg) dem Kapitän der »Elftal« am nächsten. Wie van Dijk lebt er von seiner Physis, der Kopfballstärke, seiner Antizipation und seinem Aufbauspiel. All diese Fähigkeiten machten ihm zum jüngsten Kapitän in der langen Geschichte von Ajax Amsterdam und zum jüngsten Spieler, der je in einem europäischen Klubfinale (2017 Endspiel der Europa League gegen Manchester United) auflief.

Kein Wunder, dass die europäischen Topvereine Schlange stehen, um de Ligt zu verpflichten. »Der Junge macht Riesenschritte und steht vor einer wunderbaren Zukunft. Er ist sehr reif für sein Alter«, sagt zum Beispiel sein ehemaliger Trainer Peter Bosz über ihn.

Zwar läuft sein Vertrag bei Ajax noch bis 2021, doch dass de Ligt auch so lange beim niederländischen Rekordmeister spielen wird, ist eher unwahrscheinlich. Das gilt auch für seinen Mannschaftskollegen Frenkie de Jong. Dessen Kontrakt läuft sogar noch ein Jahr länger, doch der 21jährige gilt als der vielleicht aufregendste Spieler dieses jungen Ajax-Teams – und damit wird auch er bald den Weg zu einem der Eliteklubs finden. So läuft nun einmal das Geschäft.

In der letzten Saison spielte de Jong wie van Dijk und de Ligt noch in der Innenverteidigung. Durch den Transfer von Daley Blind, der vor der Saison von Manchester United zurück zu Ajax wechselte, wurde er jedoch zu einem defensiven Mittelfeldspieler umfunktioniert.

Die Rolle des Innenverteidigers interpretierte er dabei gänzlich anders als seine Kollegen in der niederländischen Nationalmannschaft. De Jong fungierte laut dem Youtube-Kanal »Tifo« eher als ein aggressiver Ballschlepper, der mit seinen Dribblings das Spielgerät aus der Abwehr in die offensiveren Bereiche beförderte.

Seine Statistiken aus der letzten Saison lesen sich für einen Innenverteidiger fast etwas unwirklich. Der nur 180 cm große de Jong ging pro Spiel 3,1 Mal ins Dribbling, von denen er 93 Prozent erfolgreich absolvierte – beeindruckende Zahlen. Das Onlineportal The Ringer betitelte einen Artikel über ihn gar mit der Überschrift »Frenkie is the future« (Frenkie ist die Zukunft), da er seine Position spielen würde wie ein Angreifer.

Durch seine eleganten Offensivausflüge weckte er Erinnerungen an Franz Beckenbauer, der einst den modernen Libero erfand und seiner Zeit durch die offensive Auslegung seiner Position voraus war. Doch auch im defensiven Mittelfeld zeigt de Jong bislang sein außergewöhnliches Talent. Durch seine Spielintelligenz weiß er immer, wo er sich gerade auf dem Platz befindet, und kann sich so auf dem Feld hervorragend positionieren; dank seiner Athletik verfügt de Jong zudem über ein ausgezeichnetes Pressing-Verhalten.

Virgil van Dijk gehört gegenwärtig zu den besten Verteidigern der Welt. Die Zukunft hat in den Niederlanden dank Frenkie de Jong und Matthijs de Ligt aber bereits begonnen.


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