Aus: Ausgabe vom 12.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Kerniges Eheleben

Die Entertainer und das Wunderwerk. Eindrücke von der Buchmesse

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In welcher Sekte war noch mal die Hunziker? Besucher an einem Verlagsstand

Gesprächsstoff bot am Donnerstag auf der Buchmesse in Frankfurt am Main ein Versprechen der CDU-Kulturstaatsministerin vom Vortag. Zur Förderung unabhängiger Verlage sollen Preise eingeführt werden, Gesamtbudget: eine Million Euro jährlich. Ist aber, wer sich von Monika Grütters retten lässt, noch unabhängig?

Weitgehend unbeachtet blieb in den weitläufigen Messehallen gestern die Vorstellung des Ehrengastlandes 2019, das mit der Bestsellerautorin Maja Lunde aufwartete (richtig: Norwegen). Von einem öffentlichen Interesse, wie es Michelle Hunziker entgegenschlug, konnte aber auch Götz Kubitschek nur träumen. Unter großer Anteilnahme präsentierte die Schweizer Entertainerin ein Buch über ihren Ausstieg aus einer Sekte, während der Vordenker der »neuen Rechten« Erwartungen an ein Buch mit dem Titel »Home Story« zu schüren suchte, geschrieben von seiner Wenigkeit nebst Gattin.

Erscheinen soll das Werk über das kernige Eheleben auf dem Rittergut Schnellroda in Sachsen-Anhalt – wo der AfD-Vorsitzende Björn Höcke nicht nur frische Ziegenmilch zapft, sondern auch »geistiges Manna« – im ominösen Loci-Verlag des badischen AfD-Funktionärs Thomas Veigel. Dem will Kubitschek am Dienstag seinen Antaios-Verlag verkauft haben, um sich künftig ganz der Politikberatung auch von CDU-Bundestagsabgeordneten zu widmen. Wenn das nur ein PR-Gag war, dann gab es wohl Probleme mit dem Zünder. So richtig sprang jedenfalls niemand drauf an. Womöglich wird die »Home Story« der Kubitscheks mit ihrem fast schon postmodernen Untertitel »Selbstinszenierung als Strategie« eines nahen Tages wie Blei in den Regalen liegen.

Völlig fremd sind Absatzschwierigkeiten mittlerweile der Erfolgsautorin Juli Zeh, die ja schon länger in einer Aufmerksamkeitsliga mit Michelle Hunziker spielt, auch weil sie so gerne gegen den Strom planschen geht. Am Donnerstag sprach Zeh im Exklusivinterview mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung nicht über Bücher, sondern über das deutsche Gerichtswesen, das für sie mit einer wie auch immer gearteten Klassenjustiz, gelinde gesagt, nicht viel zu tun hat: »Es mag pathetisch klingen, aber ich liebe das demokratische Rechtssystem. Es ist ein Wunderwerk.«

Anlass dieser Eröffnung: Zeh wurde von der SPD, deren Mitglied sie ist, als Verfassungsrichterin in Brandenburg nominiert: »Für mich ist es eine große Freude und Ehre, wenn ich in der Mitte des Lebens noch einmal die Chance bekomme, der Demokratie und dem Rechtsstaat als Richterin zu dienen. Da brauche ich gar keine Überredung, da scharre ich gewissermaßen mit den Hufen.« (jW)


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