Aus: Ausgabe vom 12.10.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Homer, König Otto und der Große Bär

Wie deutsche Staatschefs an die Verbrechen der Wehrmacht in Griechenland erinnerten

Von Hansgeorg Hermann
Bundespraesident_Ste_59008874.jpg
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender besuchen das ehemalige Konzentrationslager Chaidari westlich von Athen (11.10.2018)

Zu Beginn seines Staatsbesuchs in Griechenland hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch in einem ehemaligen deutschen Konzentrationslager in der Nähe von Athen der Opfer gedacht. Die deutschen Besatzer hatten während des Zweiten Weltkriegs im Lager Chaidari bis zu 25.000 Menschen eingesperrt, am 1. Mai 1944 erschossen Wehrmachtsoldaten dort 200 kommunistische Widerstandskämpfer.

Der Besuch ist eine Übung, die vor Steinmeier auch seine Amtsvorgänger routinemäßig absolvierten. Was sie dabei sagten oder nicht sagten, in welche Fettnäpfe sie traten und wie sie sich vor Gesprächen über griechische Reparationsforderungen drückten, dokumentierte der Historiker Hagen Fleischer, Professor an der Universität Athen, 2010 in seiner Denkschrift »Hellas verstehen – deutsch-griechischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert«. Eine eindrucksvolle Sammlung bundesdeutscher Arroganz und Ignoranz.

50 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Nazireichs, schreibt Fleischer, »registrierten Zeithistoriker eine rege Besuchsdiplomatie zwischen Deutschland und den ehemaligen Feindstaaten«. Mit »einer Ausnahme« hätten die Reisenden aus Bonn und Berlin es nie versäumt, »die schmerzliche Phase in der Beziehungsgeschichte und die Verbrechen der Nazibarbarei mehr oder weniger explizit zu erwähnen«. Fleischer: »Die eine Ausnahme betraf Griechenland. Beim Empfang des Präsidenten Konstantinos Stefanopoulos im Schloss Bellevue schwelgte Gastgeber Roman Herzog in Verweisen auf die ›traditionelle Freundschaft‹ (…) von den Philhellenen des 19. Jahrhunderts bis zu den Touristen der Gegenwart; an die Kriegsvergangenheit verschwendete er kein Wort.«

Bald darauf habe der schwerkranke Ministerpräsident Andreas Papandreou »umfassende Verhandlungen zum Kriegserbe gefordert«. Fleischer: »Auf allen Ebenen war die deutsche Reaktion negativ, die griechischen Vorstöße wurden als unberechtigt zurückgewiesen – mit Hinweis auf das (zunehmend umstrittene) Prinzip der Staatenimmunität.« Später habe sich dem Bundespräsidenten immerhin »die Chance zur verbalen Wiedergutmachung« geboten, »als Stefanopoulos zum ersten Staatsbesuch eines griechischen Präsidenten erneut nach Deutschland kam. Diesmal erwähnte Herzog ›die Zäsur des Zweiten Weltkriegs‹, ohne dies jedoch zu werten, und fuhr mit einem Satz fort: ›Der Zufall will es, dass der heutige Tag zugleich der Jahrestag des Massakers von Distomo ist, dessen Opfer wir in Ehrfurcht gedenken.‹ (…) Doch statt Klartext zu sprechen bezüglich der Identität von Tätern und Opfern, ließ er sich langatmig aus über Homer, König Otto und sogar das Sternbild des Großen Bären, der eigentlich eine Bärin und verwandelte Geliebte des Zeus war.«

Im April 2000 brachte Herzogs sozialdemokratischer Nachfolger Johannes Rau vor dem Mahnmal der Opfer von Kalavryta zwar »tiefe Scham und Trauer« zum Ausdruck. »Unbegreiflich«, schreibt Fleischer, »war, dass Rau anderentags bei seinem Aufenthalt in Saloniki jegliche Geste des Gedenkens im Zusammenhang mit der Ermordung von 50.000 Juden in der Stadt unterließ. Viele haben nach einer Erklärung hierfür gesucht, keine konnte befriedigen.«


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Schwerpunkt
  • Griechen fordern Kriegsschuld der Deutschen ein: Bundespräsident Steinmeier kommt mit leeren Händen
    Hansgeorg Hermann