Aus: Ausgabe vom 10.10.2018, Seite 16 / Sport

Plötzlich auf Diagonal

Volleyball-WM: Ivana Vanjak überzeugt als »Hybridspielerin«

Von Jens Walter
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»Was immer dem Team hilft«: Ivana Vanjak (l.) im Spiel gegen Serbien

Um Medaillen werden die deutschen Volleyballerinnen bei der Weltmeisterschaft in Japan nicht spielen. Soviel steht nach der Partie gegen Serbien vom Montag fest. Man habe gegen die »wahrscheinlich derzeit beste Mannschaft der Welt« verloren, sagte Bundestrainer Felix Koslowski nach dem 0:3 gegen die Europameisterinnen, die bei dem Turnier noch keinen einzigen Satz abgeben mussten. »So wie sie spielen, sind sie unglaublich nah am Männer-Volleyball dran«, fügte Koslowski an. »Ich denke, dass dies auch die Zukunft sein wird.«

In der näheren Zukunft geht es für die noch unerfahrene Auswahl des Deutschen Volleyballverbands (DVV) um das erklärte Ziel, bei dem Turnier unter die besten zehn zu kommen. Es ist auch dank eines spektakulären 3:2-Erfolgs gegen Brasilien in Reichweite. Heute, 9.10 Uhr MESZ, treffen die Deutschen in ihrem vorletzten WM-Spiel auf Puerto Rico. Wahrscheinlich wird die 23jährige Ivana Vanjak, die ihr erstes großes internationales Turnier spielt, wieder auf der Mittelblocker-Position zum Einsatz kommen. Als Aushilfe. Es ist nicht ihre angestammte Position, aber Bundestrainer Koslowski hat sie bereits als »absoluten Glücksfall« bezeichnet. Wohl nicht zuletzt, weil die gebürtige Frankfurterin so eine Art Allzweckwaffe ist. »Wir reden bei Ivana immer von unserer Universalspielerin, unserer Hybridspielerin«, meint Koslowski. »Ivana hat alle Möglichkeiten, sie kann von allen Positionen angreifen.«

Für den Mittelblock qualifiziert sie ihre Körperlänge von 1,90 Metern. Aber es braucht auf dieser Position, im Männer- wie im Frauenvolleyball, noch einige andere Fähigkeiten. Vor allem muss man die gegnerischen Spielzüge lesen, seinen eigenen Anlaufrhythmus und seine Schläge jederzeit sowohl verzögern als auch beschleunigen können. Außerdem geht es darum, den Mittelblocker auf der anderen Seite des Netzes möglichst lange zu binden. Vanjak ist gelernte Außenangreiferin. In dieser Rolle sammelte sie erste Erfahrungen in den Auswahlmannschaften Kroatiens, dem Heimatland ihrer Eltern. Sie ist im Besitz beider Staatsbürgerschaften. Nach dem Abitur auf der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach erhielt sie 2013 einen Studienplatz an der Stanford-Universität und spielte für die College-Mannschaft in der höchsten Spielklasse NCAA.

»Ich fand die USA total interessant, weil sie ein anderes Spielverständnis haben, ein bisschen physischer spielen, ein bisschen mehr Wert auf Power, auf Sprungkraft legen«, sagt Vanjak. »Das war einfach eine Riesenerfahrung für mich, erwachsen zu werden, alleine da auszukommen.« Nach vier Jahren und einem Bachelor in Chemie-Ingenieurswesen kehrte Vanjak nach Deutschland zurück und unterschrieb einem Vertrag beim Bundesligisten USC Münster.

Im kalifornischen Palo Alto machte sie Bekanntschaft mit der Mittelblocker-Position, aushilfsweise für drei Monate. »Damit habe ich mir diese Geschichte hier wohl eingebrockt«, meinte sie in Japan, nachdem sie mehrfach vorn am Netz den verletzungsbedingten Ausfall von Marie Schölzel wettgemacht hatte. Ihre besten Szenen in der Partie gegen Brasilien hatte Vanjak allerdings weder am Netz noch im Außenangriff: »Für mich persönlich war es ein schöner Moment, als ich plötzlich auf Diagonal reingekommen bin und wir den Satz noch gedreht haben.« Diagonalangreifer ist noch mal was anders.

»Ich fühle mich auf jeden Fall auf Außen viel wohler, das ist die Position, die ich am längsten gespielt habe«, fasst sie ihre bisherigen Turniererfahrungen zusammen. »Aber hier mache ich halt das, was dem Team in welchem Moment auch immer am meisten hilft. Das war für mich auch megacool zu sehen, wie schnell man umschalten kann auf den ganzen Positionen.«

Koslowski meint, sie sei »sehr zielstrebig, hochintelligent, ein absoluter Teamplayer«. In Japan hat Vanjak bisher 43 Punkte gemacht (Angriff: 29, Block: 12, Aufschlag: 2). Das straffe Programm mit sechs Spielen in sieben Tagen macht ihr nicht zu schaffen. Ihr großer Traum ist eine Olympiateilnahme, am besten schon 2020 in Tokio.


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