Aus: Ausgabe vom 08.10.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Diagnose Kapitalismus

Suitbert Cechura zeigt, dass im Gesundheitswesen nicht einfach etwas »schiefläuft«: Geschäftszwecke haben Vorrang

Von Renate Dillmann
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Krankenhausbetten auf dem Flur: »Gesundheitsmarkt« deklassiert Prävention und Heilung zur Nebensache

Über Ärzte, Medikamente und Krankenhäuser wird in Deutschland gerne geredet und viel geklagt. Suitbert Cechura, Rehabilitationswissenschaftler, langjähriger Psychotherapeut und zuletzt Professor für Gesundheitswesen und Sozialmedizin, hat nun eine ziemlich umfassende Untersuchung des Gesundheitswesens in Deutschland vorgelegt. Die Ergebnisse seiner Analyse sind klar und gewichtig: 1. Ein durchaus relevanter Teil der Krankheiten, an denen heute gelitten und gestorben wird, haben ihre Ursachen in der kapitalistischen Ökonomie dieser Gesellschaft; 2. Der Staat hat die Behandlung der Krankheiten einem letztlich von ihm geschaffenen Gesundheitsmarkt überantwortet und damit verschiedene Geschäftsmöglichkeiten eröffnet, die im Widerspruch zu Zwecken wie Prävention und Heilung stehen.

Die klassischen Seuchen der Vergangenheit (Tuberkulose, Diphterie, Typhus usw.) sind mehr oder weniger besiegt. Das heißt aber nicht, dass die Menschen heute gesünder leben. Im Gegenteil: Der Gesundheitsmarkt wird als einer der größten »Zukunftsmärkte« gehandelt. Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs, Erkrankungen des Bewegungsapparats und der Atemwege sowie psychische Leiden (Burnout und Depressionen) sind die neuen »Volkskrankheiten«, die im Mainstream-Diskurs (auch im wissenschaftlichen!) auf die moderne »Zivilisation« zurückgeführt werden. Das muss – so der Autor – merkwürdig anmuten, da man mit »Zivilisation« ja zunächst Fortschritt verbinde und Studien darüber hinaus zeigten, dass keineswegs diejenigen kränker sind und früher sterben, die es in dieser Zivilisation am weitesten gebracht und den größten Reichtum erworben haben, sondern »diejenigen, die wenig von dieser Zivilisation haben und deshalb als arm gelten«.

An dieser Stelle zeigt sich exemplarisch eine der wesentlichen Stärken des Buchs: Die Dekonstruktion von Phrasen, die im öffentlichen Sprachgebrauch fest eingewurzelt sind. Warum soll man beim Essen ständig darauf achten, dass es gesund ist und nicht darauf, dass es gut schmeckt? Warum soll man sich dauernd »bewegen«? Was bedeutet »Stress« eigentlich, und warum machen sich Menschen, die davon genug erleben, auch in ihrer Freizeit noch welchen? Cechura greift Bekanntes und täglich Praktiziertes auf und geht diesen Dingen auf den Grund.

Im etwas längeren ersten Teil seiner Untersuchung weist er eindringlich nach, dass die Ursachen für die heutigen Leiden nicht bei einem Geistersubjekt namens »Zivilisation« oder den stets vorwurfsvoll ins Feld geführten privaten Sünden wie Alkohol, Rauchen oder Bewegungsmangel zu suchen sind. Stattdessen ist die Subsumtion von Arbeit, Konsum und Freizeit unter den gesellschaftlichen Zweck des Wirtschaftswachstums verantwortlich für viele (selbstverständlich nicht alle) moderne Krankheitsverläufe. Der Leser wird dabei nicht nur in einfacher und verständlicher Weise über die wichtigsten Krankheiten aufgeklärt, mit denen er und seine Mitmenschen konfrontiert sind. Sondern auch darüber, welche Rolle dabei die kapitalistische Lebensmittelproduktion, die standortübliche Emission von Schadstoffen, die an Profit und nicht an der möglichst schonenden Arbeit orientierte Einrichtung von Arbeitsplätzen, die stets dazugehörende Konkurrenz um Bildungsabschlüsse und Karrieren und nicht zuletzt der den Standort verwaltende Staat mit seinen gesetzlichen Vorgaben, Verboten und Erlaubnissen (die in Deutschland geltenden Grenzwerte etwa sind deutlich weniger scharf als die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen) spielen. Das alles wird gut belegt (zitiert wird aus allgemein zugänglichen Quellen) und verständlich formuliert.

Der zweite Teil widmet sich der Behandlung der Krankheiten. Auch hier beeindruckt die ebenso schlichte wie überzeugende Art des Autors, aus zunächst banalen Beobachtungen Rückschlüsse zu ziehen, die am Ende den eher unschönen Zweck des Gesundheitswesens zutage fördern. Der Sozialstaat sorgt zwar mit der Einrichtung einer gesetzlichen Kranken- (und inzwischen auch Pflege-)versicherung dafür, dass sich seine lohnarbeitende Mehrheitsbevölkerung medizinische Versorgung leisten kann – was angesichts der umfassenden Beanspruchung ihrer Gesundheit dringend nötig ist. Die Behandlung kranker Menschen und ihrer Leiden ist in dieser Gesellschaft allerdings selbst als Geschäft organisiert, an dem Ärzte, Apotheker, Pharmafirmen und inzwischen auch die Krankenhäuser verdienen. Das bringt, und zwar nicht erst seit den neuesten »Reformen«, allerhand Konsequenzen mit sich – von unaufmerksamen Ärzten, überlasteter und deshalb schlechter Pflege, Hygieneproblemen in Krankenhäusern, Mode-Medikamenten bis hin zu verweigerter wie überflüssiger Dia­gnostik und Behandlung.

Jedem von uns ist, entweder aus persönlicher Erfahrung oder aus der bei Freunden bzw. Verwandten, bekannt, dass im Gesundheitswesen allerhand »schiefläuft« – jedenfalls vom Standpunkt der betroffenen Patienten aus. Und auch die entsprechenden Dokumentationen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bringen Woche für Woche ihre Skandalberichte.

Suitbert Cechura hat nun in seinem Buch unmissverständlich nachgewiesen, dass und wie diese Skandale System haben. Und: Die Hoffnung auf eine Bewältigung des »Problems« durch den Gesetzgeber und seine Behörden ist illusionär. Schließlich hat der Staat diesen »Gesundheitsmarkt« mit seinen heute gültigen Parametern als seine Betreuung der Volksgesundheit eingerichtet und gleichzeitig zu einem nicht unwesentlichen Bestandteil seines nationalen Wirtschaftswachstums gemacht.

Suitbert Cechura: Unsere Gesellschaft macht krank. Die Leiden der Zivilisation und das Geschäft mit der Gesundheit. Tectum, Baden-Baden 2018, 280 Seiten, 21,95 Euro


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