Aus: Ausgabe vom 28.09.2018, Seite 4 / Inland

Kampf um den Marktplatz

Neonazis mobilisieren zu Rechtsrockkonzert in Köthen, Hochschule und SPD wollen protestieren. Erneut fremdenfeindlicher Aufmarsch in Chemnitz

Von Susan Bonath
Kundgebung_Der_extre_58729325.jpg
Verhöhnung der Oper: Auch in Sachsen-Anhalt begründen rechte Bündnisse ihre Aufmärsche mit dem Tod eines jungen Mannes (Köthen, 16.9.2018)

Seit Wochen instrumentalisieren Neofaschisten den Tod von Markus B. für fremdenfeindliche Hetze. Er starb nach einem Streit mit zwei Afghanen im sachsen-anhaltischen Köthen an Herzversagen. Zu zwei »Trauermärschen« in der 25.000-Einwohner-Stadt konnte die rechte Szene mehrere tausend Menschen mobilisieren. Nun eskaliert sie weiter, ruft für Sonnabend zu einem Rechtsrockkonzert mit Kundgebung auf dem Köthener Marktplatz auf. Auftreten sollen die einschlägigen Szenebands »Kategorie C« aus Bremen, »Zeitnah« aus Gotha sowie »Legion Twierdzy Wroclaw« (Legion Breslauer Festung) aus Polen.

Die Hochschule Anhalt und der örtliche SPD-Verband beanspruchen den Markt für einen Aktionstag unter dem Motto »Weltoffene Hochschulen« als Protest gegen das braune Event. Damit ist ein Streit entbrannt, wer den Marktplatz bekommt. Die Entscheidung stand bei Redaktionsschluss noch aus. Ursprünglich sollte dies bereits am Dienstag bei »Kooperationsgesprächen« geklärt werden. Der Landkreis Anhalt-Bitterfeld als Versammlungsbehörde ließ das allerdings offen und vertröstete nachfragende Pressevertreter. Am Donnerstag nachmittag versicherte Kreissprecher Udo Pawelczyk gegenüber jW, man werde das im Laufe des Tages entscheiden, wollte aber noch keine Auskunft geben. Die Hochschule meldete derweil, dass sie den Platz für ihre Veranstaltung nutzen dürfe.

Auch die rechte Szene gibt sich siegessicher. Unter dem Motto »Wir sind Köthen« verbreitet sie seit Tagen im Internet die Botschaft: »Jetzt erst recht«. Das Konzert werde so oder so stattfinden. Bereits seit Mittwoch trommelt der Neonazi David Köckert in einem Videoclip: Sympathisanten mögen sich, komme was wolle, am Sonnabend um 15 Uhr auf dem Markt in Köthen einfinden. Köckert hat zusammen mit Jens Wilke (Die Republikaner) das Konzert als politische Versammlung angemeldet. Das bestätigte Kreissprecher Pawelczyk auf Nachfrage.

Wilke und Köckert sind als führende Köpfe des thüringischen Pegida-Ablegers »Thügida« aktiv. Köckert ist unter anderem wegen Volksverhetzung und Verleumdung vorbestraft. Vor allem durch seine Gesichtstätowierung mit dem Symbol der »Schwarzen Sonne« – drei übereinander gelegte Hakenkreuze in Gestalt eines »Sonnenrades« – fällt der 39jährige auf. In den 1990er Jahren war Köckert Kopf der neofaschistischen Kameradschaft »Braune Teufel«. Später verkaufte er Textilien und Tonträger der rechten Szene. 2013 wurde er Mitglied der AfD, trat ein Jahr später wieder aus und in die NPD ein, für die er seither im Stadtrat und Kreistag von Greiz (Thüringen) sitzt. Seit 2016 ist er parteilos. In diesem Jahr lehnte die rechte Partei »Die Republikaner« seine Aufnahme ab. Auf der jüngsten Kundgebung in Köthen sprach Köckert von einem »Rassenkrieg«, gegen den sich das »deutsche Volk« wehren müsse. Journalisten drohte er, man werde sie in »dunkle Keller« sperren, »wenn wir an die Macht kommen«. Die Thüringer Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss zeigte Köckert daraufhin wegen Volksverhetzung und öffentlichen Aufrufs zu Straftaten an.

Die AfD mobilisiert zwar nicht offiziell, allerdings gehört deren Berliner Parteimitglied Lutz Urbanczyk zu den Aufrufern, die sich mit Foto auf dem Veranstaltungsflyer präsentieren. Der rechte Aktivist Sven Liebich trommelt auf seiner Internetseite »Halle-Leaks« ebenfalls für das Konzert. Die Anmelder der Gegenproteste bezeichnet er als »Linksmaden« und »linkskriminelle Vereinsmafia«, die »Recht beugen« wollten. Liebich organisiert alle zwei Wochen die »Montagsdemo« in Halle. Aktuell klagt er gegen den linken Aktivisten Frank O., weil der ihn einen Faschisten genannt hatte, der »eine Schlägergruppe im Stil der nationalsozialistischen Schutzstaffel« aufbaue. Das Landgericht Halle will am 16. Oktober urteilen.

Auch im sächsischen Chemnitz mobilisiert die rechte »Bürgerbewegung Pro Chemnitz« hinter dem Szeneanwalt Martin Kohlmann weiter. Für den heutigen Freitag ist der mittlerweile siebte Aufmarsch seit der Tötung des Deutsch-Kubaners Daniel H. Ende August angekündigt. Jeweils mehrere tausend Menschen nahmen in der Vergangenheit daran teil. Immer wieder griffen Demonstranten Geflüchtete, Migranten und Linke an. Zuletzt wurde dabei vor zwei Wochen ein Opfer verletzt. Vergangenen Freitag warfen Unbekannte Steine in die Fenster des linken Zentrums »Rothaus«.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland