Aus: Ausgabe vom 24.09.2018, Seite 8 / Ausland

»Offenbar sind alle Formen von Willkür möglich«

Kolumbianischer Journalist wurde mehrfach von US-Behörden an Einreise nach Kuba gehindert. Ein Gespräch mit Hernando Calvo Ospina

Interview: Carmela Negrete
S 08Int.jpg
Hernando Calvo Ospina am 12. Januar 2013 auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt in Berlin

Sie wollten jüngst nach Kuba reisen, doch das wurde Ihnen verwehrt. Was ist passiert?

Am 8. September wurde ich daran gehindert, in eine Maschine Richtung Havanna einzusteigen. Das geschah am Flughafen Paris-Orly. Mein Visum war in Ordnung, ich hatte es erst am Vortag im kubanischen Konsulat erworben. Auch meine französischen Papiere waren gültig. Dennoch hatte ich bereits mit Problemen gerechnet, weil ich mich zuvor nicht bei der Fluggesellschaft »Corsair« registrieren konnte. Dies sei nicht möglich, musste ich im Internet lesen. Daraufhin rief ich bei der Firma an. Mir wurde erklärt, die kubanische Regierung erlaube mir nicht, diesen Flug zu nehmen. Ich dürfe nicht ins Flugzeug einsteigen.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich fragte bei der kubanischen Botschaft nach. Dort gab man mir einen Namen und zwei Telefonnummern – aber keine kubanischen, sondern US-amerikanische. Bei Corsair erzählte man mir, ich könne an einem anderen Tag fliegen. Ich wusste da aber schon genau, dass die Vereinigten Staaten hinter dem Einreiseverbot stecken. Als meine Begleitung bei einer der Nummern anrief, sprach sie mit einem Mitarbeiter der »Transportation Security Administration«, die zum FBI gehört. Auf die Frage, warum ich nicht Richtung Kuba fliegen dürfe, hieß es: Auskünfte werden nur gegenüber den Fluggesellschaften erteilt.

Das war nicht das erste Mal, dass Ihnen so etwas passierte.

Nein. Im Mai 2012 bin ich von Paris nach Madrid gereist, um dort in ein Flugzeug von »Air Europa« nach Havanna zu steigen. Ein Verantwortlicher der Gesellschaft erklärte mir, ich könne dieses Flugzeug nicht nehmen: Ich stehe auf der »No Fly List«, und die Maschine würde sich auf ihrer Route fünf Minuten lang über US-Territorium bewegen.

Hat Sie das damals überrascht?

Natürlich nicht. Schon im April 2009 hatten die Autoritäten der Vereinigten Staaten ein Flugzeug von »Air France« gezwungen, von der geplanten Route abzuweichen. Sie rechtfertigten dies damit, dass sich eine Person in der Maschine befinde, die eine Gefahr für die Sicherheit der Nation darstelle. Das Flugzeug sollte den US-Luftraum übrigens ebenfalls nur überfliegen, das eigentliche Ziel war Mexiko. Stunden später erfuhr ich, dass es dabei um mich ging. Auf diesem Wege wurde mir damals klar, dass ich auf der »No fly list« stehe. Dabei handelt es sich um eine Liste, die vom »Terrorist Screening Center« und der US-Regierung seit 2003 angewandt wird.

Damals musste ich miterleben, dass das Flugzeug nicht nur abweichen, sondern sogar an einem anderen Ort landen musste – für den aufgezwungenen Umweg war nicht genug Benzin an Bord. Die Airline musste für viele Passagiere Hotelübernachtungen bezahlen. Einige Tage später bekam ich einen Brief von Air France. Darin wurde mir mitgeteilt, dass sie mich nicht mehr transportierten, wenn ich mit ihnen in an die USA grenzende Länder fliegen wolle oder die Route das US-Territorium beinhalte. Und das alles nur wegen der unbegründeten Angst der USA mir gegenüber. Dabei ist die einzige Waffe, die ich nutze, das geschriebene Wort.

Wie reisen Sie heutzutage nach Kuba?

Dieses Jahr könnte ich mit »Air Caraïbes« fliegen. Diese Fluggesellschaft gibt die Liste von Passagieren nicht an die US-amerikanischen Behörden weiter. Das löst aber das eigentliche Problem nicht: Die Länder der EU haben gehorsam akzeptiert, dass alle möglichen Fluglinien die Listen der Namen ihrer Passagiere an die USA weitergeben. Und es geht nicht einmal darum, dass man dorthin fliegen will, sondern schon darum, dass der Luftraum kurz überflogen wird. Das alles geschieht unter dem Vorwand des »Kampfes gegen den Terrorismus«, bei dem offenbar alle Formen von Willkür möglich sind.

Hernando Calvo Ospina ist Journalist, Schriftsteller und Filmemacher. Er kommt aus Kolumbien und lebt in Paris


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Cuba Libre Die Insel, die Revolution und die Zukunft

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland
  • Mindestens 25 Menschen bei Anschlag im Iran getötet. Europäische Botschafter einbestellt
  • Tarifverhandlungen in Österreichs Metallindustrie: Gewerkschaft verzichtet auf Kampf gegen Arbeitszeitverlängerung
    Michael G. Mair, Wien
  • Ein Imperium, das sich selbst nicht vernünftig regieren kann, wird kaum in der Lage sein, andere Staaten zu kontrollieren
    Mumia Abu-Jamal
  • Lateinamerika warnt vor Militärintervention in Venezuela. Exberater Obamas erwartet Aggression noch vor US-Wahlen im November
    Modaira Rubio, Caracas
  • Indischer Menschenrechtsaktivist Azad wird nach Freilassung von Oppositionsparteien umworben
    Aditi Dixit und Silva Lieberherr, Mumbai