Aus: Ausgabe vom 19.09.2018, Seite 16 / Sport

Auf dem umgedrehten Plastikeimer

Marcelo Bielsa gilt trotz weniger Titel als Ausnahmetrainer im Fußballsport. Aktuell versucht er sich bei Leeds United

Von Rouven Ahl
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Marcelo Bielsa, »El Loco«, betrachtet das Spiel aus einer ganz besonderen Perspektive

FC Millwall gegen Leeds United – so lautete eine der Begegnungen vom letzten Spieltag der Championship, Englands zweiter Liga. Klingt nach biederem Arbeiterfußball von der Insel. Für Millwall mag das auch zutreffen. Auf der Bank des dreimaligen englischen Meisters Leeds sitzt jedoch seit diesem Sommer mit dem Argentinier Marcelo Bielsa ein Trainer, der für die eher gehobene Fußballschule steht.

Die Partie endete am Sonnabend übrigens 1:1. Das zweite Unentschieden in Folge für den Leeds United, der aber dennoch nach sechs Spieltagen die Tabelle mit 15 Punkten anführt. Bielsas Team erzielte dabei in dieser Saison die meisten Tore (15) und musste mit fünf die wenigsten Gegentreffer nach dem FC Middlesbrough hinnehmen; zudem ist Leeds noch ungeschlagen.

Dabei wurde die Verpflichtung des 63jährigen Bielsa in West Yorkshire zunächst mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Schließlich sind die letzten Engagements von Bielsa in Europa alles andere als erfolgreich verlaufen. In Frankreich, beim OSC Lille, musste er nach nicht einmal einem halben Jahr im November 2017 seine Koffer packen, während er bei Lazio Rom 2016 nach nicht einmal einer Woche freiwillig hinschmiss: Die Vereinsführung hatte ihm einen gewünschten Transfer verwehrt.

Vielleicht ist es jene Kompromisslosigkeit, die Bielsa im Weg stand. Denn bis auf die argentinische Nationalmannschaft stehen keine Jobs bei großen Teams in seiner Vita. Und er kann bis dato in Sachen Titeln nur zweimal den Gewinn der argentinischen Meisterschaft vorweisen, mit dem Team seines Heimatlandes errang er bei Olympia 2004 die Goldmedaille.

Dennoch hat er sich inzwischen den Ruf eines Ausnahmetrainers erworben. Für Pep Guardiola ist er gar »der beste Trainer der Welt«. Diego Simeone, Trainer von Atlético Madrid, oder Mauricio Pochettino, Trainer von Tottenham Hotspur, sehen dies ähnlich.

Während der Mangel an Bereitschaft zu Kompromissen im Umgang mit Verantwortlichen eher hinderlich zu sein scheint, ist er für Bielsas Idee vom Fußball quasi unabdingbar. Denn auch bei seiner taktischen Ausrichtung ist der Trainer zu keinerlei Zugeständnissen bereit. »Bielsas Taktik kennzeichnet ein ausgesprochener Drang nach vorne. Immer wieder starten Verteidiger zu Angriffsläufen, schießen Mittelfeldspieler in den Strafraum, bewegen sich Flügelspieler ins Zentrum«, beschrieb Taktikexperte Tobias Escher den Ansatz in seinem Buch »Die Zeit der Strategen«.

Auch bei Leeds ist seine Handschrift schon sichtbar. Wie es auf der Fußballanalyse- und statistikwebseite »StatsBomb« hieß, befinden sich zeitweise bis zu fünf offensive Spieler im gegnerischen Drittel, die auf Abpraller und zweite Bälle warten.

Aber genau daran krankt das Spiel von Leeds noch ein wenig. Zwar ist die Chancenverwertung gut jedoch nicht berauschend.

Doch Bielsa arbeitet sicher schon daran. Sein Spitzname »El Loco« (der Verrückte) kommt schließlich nicht nur daher, dass er Spiele seiner Mannschaft, statt von der Bank aus, auf einem umgedrehten Plastikeimer verfolgt. Sondern auch von seiner schier manischen Akribie, mit der er sich eben nicht nur Freunde macht.


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