Aus: Ausgabe vom 19.09.2018, Seite 12 / Thema

Der Geist der Nation

Ein gehässiger Chauvinismus, der sich immer noch unterdrückt vorkommt. Und der Ausländerhass wird inzwischen nicht mehr dem rechten Rand überlassen

Von Peter Decker
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»Das Deutschtum besteht in nichts anderem als dem Anspruch, von der politischen Herrschaft, der man gehorcht, besser behandelt zu werden als Nichtdeutsche« (Demonstration in Chemnitz am 7. September)

Mehr denn je scheinen Deutschland und die Deutschen keine anderen und schon gleich keine wichtigeren Probleme zu haben als die Anwesenheit von ein paar hunderttausend Flüchtlingen im 80-Millionen-Volk. Die Zahlen der Neuankömmlinge sind drastisch zurückgegangen, die Balkanroute ist, der Seeweg übers Mittelmeer wird blockiert, Durchgangsländer internieren Migranten, die nach Europa wollen; diejenigen, die es dennoch hierher schaffen, werden in »Anker-Zentren« eingesperrt und in Zukunft nur mehr mit »Sachleistungen« versorgt – alles, was abschreckt, ist willkommen und wird gemacht. Der CSU und dem Bundesinnenminister aus dieser Partei reicht das nicht. Seit dem ersten Tag in seinem Amt befolgt Seehofer die Lehre aus der misslungenen Bundestagswahl des vergangenen Jahres, dass die Demokraten den Ausländerhass nicht den Rechtsradikalen überlassen dürfen, und fährt eine Endloskampagne gegen eine deutsche Großzügigkeit gegenüber Hilfesuchenden, als ob etwas Derartiges bis dahin Regierungslinie gewesen wäre.

Über Monate wird die Bremer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an den Pranger gestellt, die zu viele Asylanträge anerkannt haben soll. Der Amtsleiterin wird nicht nur vorgeworfen, aus Sympathie für die Antragsteller ihre Kompetenzen ausgereizt zu haben – was Seehofer allein schon zur Verletzung ihrer Amtspflicht erklärt; man bezichtigt sie der Korruption, konstruiert ganze Netzwerke krimineller Asylantenhelfer aus Anwälten und Behördenvertretern, bis die Regierung auf eine parlamentarische Anfrage hin einräumen muss, eine Nachprüfung der Bremer Praxis durch das übergeordnete BAMF habe zu dem beruhigenden Ergebnis geführt, dass eine vom Amt und seinen Leitlinien nicht gedeckte Freundlichkeit gegen Asylbewerber nicht vorgelegen habe. Der große BAMF-Skandal hat seine stille Beerdigung noch vor sich, da bricht die CSU, im Bewusstsein, dass Abweisen und Rausschmeißen von Flüchtlingen populär ist, über einen lächerlichen Unterpunkt der Ausländerfernhaltepolitik eine Regierungskrise vom Zaun, droht mit Missachtung der Richtlinienkompetenz der Kanzlerin und operiert mit Ultimaten, die nur auf den Sturz Merkels zielen können.

Innenminister Seehofer kündigt an, aus eigener Machtvollkommenheit an der deutschen Grenze Asylsuchende, die schon in einem anderen EU-Staat registriert worden sind, zurückzuweisen und einen Antrag gar nicht erst stellen zu lassen. Er fordert einen fundamentalen Kurswechsel der deutschen Politik in einer Frage, die – wie er selbst einräumt – höchstens drei bis fünf Personen pro Tag betrifft, also praktisch, was Zuwanderung wie ihre Unterbindung angeht, irrelevant ist. Von dem Einwand, dass er wegen einer Detailfrage den Bestand der gerade gebildeten Regierungskoalition, die Fraktionsgemeinschaft der Unionsparteien und überhaupt die Schlagkraft der Konservativen gefährde, lässt er sich nicht beeindrucken. Er beruft sich dagegen auf Überzeugungen, die er habe und für die man in der Politik auch mal kämpfen müsse. Gezielt macht er aus dem unbedeutenden Punkt des deutschen Grenzregimes eine Prinzipienfrage und besteht auf einer Korrektur der nationalen Moral, des Geistes, in dem von oben Politik gemacht und von unten verstanden und beurteilt wird.

Seehofer will die Verschonung vor Flüchtlingen als das gute Recht der Deutschen festgeschrieben und den Bruch mit allen humanistischen Tönen und Verpflichtungen offiziell vollzogen sehen, obwohl letztere von der Praxis der Asylpolitik ohnehin längst überholt sind. Er wirft Merkel vor, weniger praktisch als ideell immer noch an der Political Correctness von gestern festzuhalten und das Bekenntnis zum ungebrochenen nationalen Egoismus als der fälligen neuen Ehrlichkeit zu verweigern. Die Medien verstehen Seehofers Prinzipienfrage sehr wohl und nehmen sie auch auf, wenn sie ihm die Vorhaltungen machen und seinen zerrüttenden Machtkampf auf niedere Motive wie den Parteiegoismus der CSU im bayerischen Landtagswahlkampf oder eine alte Privatfehde mit der Kanzlerin zurückführen. Sie werfen ihm den Missbrauch des Themas für persönliche oder Parteiinteressen vor und nehmen sich dessen selbst an, indem sie täglich das Pro und Kontra der heißen Frage diskutieren, wie schäbig und rücksichtslos Hilfesuchende an den deutschen Grenzen zu behandeln seien, damit dem Recht der Deutschen auf Identität und Heimat Genüge getan ist.

Wille zur nationalen Identität

Das politische Bedürfnis der Deutschen, dem sich die CSU empfiehlt und das sie aktiv aufrührt, besteht schlicht darin, sich mit dem eigenen Stall zu identifizieren, in dem Ausländer als Fremdkörper auffallen, und alle politischen Fragen vom Gegensatz des Vaterlands zum Rest der Welt her zu denken: »wir« und »die anderen«. In diesem Sinn haben die Deutschen an den Flüchtlingen, die der Staat ins Land lässt, über deren Aufenthalt er entscheidet und die er, solange er sie nicht wieder hinauswirft, wie schäbig auch immer versorgt, die leibhaftige Infragestellung ihres geglaubten Rechts, dass ihr Staat mit seiner Gewalt über sie für sie und nur für sie da zu sein hat.

Große Teile des Hausherrenvolks nehmen der Kanzlerin die kurzfristige Grenzöffnung 2015 übel und pflegen giftige Meinungen dazu, wie »wir« mit den ungebetenen Gästen zu verfahren haben, die bloß stören. Es gibt kaum mehr ein Problem im Land, bei dem nicht die Flüchtlinge als Verursacher oder wenigstens als verschärfende, zusätzliche Belastung ins Visier geraten. Die Kriminalität zum Beispiel, die der Statistik zufolge zurückgeht, wird zugleich immer bedrohlicher. Denn Straftaten, wenn sie von Flüchtlingen begangen werden, sind Angriffe auf uns, sie richten sich gegen die Deutschen. Die üblichen Frauenmorde, die von lupenreinen Biodeutschen begangen werden, bremsen die Hetze gegen Ausländer überhaupt nicht. Eine Beziehungstat ist nämlich ganz etwas anderes, wenn der verschmähte Liebhaber ein Flüchtling aus einem islamischen Land ist: Dessen Opfer ist unnötig gestorben, dessen Tat hätte nicht stattgefunden, wenn nicht eine volksvergessene Politik die Vagabunden der Welt ins Land gelassen hätte.

Zum Beweis der Zumutung, die die Fremden für »uns« darstellen, taugt aber auch sonst alles und jedes, ein materieller Schaden am einzelnen oder am allgemeinen Volkskörper ist dafür nicht erforderlich. Dass die Versorgung der Flüchtlinge bzw. die Vorbereitung derjenigen, die bleiben dürfen, auf ihre Rolle am unteren Ende des deutschen Arbeitsmarkts wie alles im Staat Geld kostet, beweist einen Raub an deutschen Lebenschancen, auch wenn niemandem Ansprüche auf Sozialleistungen wegen der Flüchtlinge gestrichen werden und obwohl ohne Flüchtlinge niemand ein Mehr an solchen Leistungen zu erwarten hätte. Diesen eingebildeten Raub nimmt man den Migranten persönlich übel – eine Tour und Tonart, die bisher Pegida und anderen Nazis vorbehalten waren. Nun ist es auch vom bayerischen Ministerpräsidenten zu hören: »Asyltourismus« legt den Bewerbern ein unverschämtes Ausnutzen der europäischen Rechtslage zur Last; »Anti-Abschiebe-Industrie« bezichtigt ihre Rechtsanwälte und Helfer der Sabotage der Behörden, die »uns« vor denen schützen.

Wer dieses »Wir« ist, zu dem »die« nicht gehören, ist für all die Ausländerfeinde oben und unten keine Frage: unsere Gemeinschaft der Deutschen eben, die schon immer, jedenfalls schon länger zusammenleben und einen Menschenschlag bilden, der zusammenpasst und gemeinsame Vorstellungen vom Richtigen und Guten und davon, worauf es im Leben ankommt, teilt. Werte und Symbole, die versinnbildlichen, was diese ureigene Zusammengehörigkeit der Deutschen ausmacht, gibt es genug; und es schadet ihrer verbindenden Kraft und ihrem Wiedererkennungswert überhaupt nicht, dass sie allesamt durchschaut sind: Kabarett und Feuilleton spotten über das christliche Abendland, in dem die Kirchen leer sind, und dessen stramme Verteidiger die Bedeutung der religiösen Feiertage nicht mehr kennen. Und wenn die CSU in staatlichen Behörden Kreuze aufhängt und kulturelle Identität demonstriert, protestieren Bischöfe beider Konfessionen gegen einen unchristlichen, ausgrenzenden Missbrauch ihres Markenzeichens. Das Bedürfnis nach nationaler Identität lässt sich durch die Absurdität der Angebote nicht erschüttern – es nähert sich nur seiner Wahrheit an: Abendland und Kreuz sind sowieso nur Chiffren für Deutschland als Wert, der ganz tief in Herz und Hirn der Landsleute verankert ist. Einen anderen verbindenden Willen, eine andere Gemeinsamkeit zwischen den verschiedenen Schichten, Reichtums- und Bildungsniveaus, Familien- und Lebensformen im Land gibt es nicht.

Besser als Nichtdeutsche

Der deutsche Staat schützt nicht irgendeine Gemeinsamkeit der Deutschen, er ist sie – und sein unbedingter Egoismus gegen den Rest der Welt ist ihr ganzes Interesse und Recht. Das Deutschtum besteht in nichts anderem als dem Anspruch, von der politischen Herrschaft, der man gehorcht, besser behandelt zu werden als Nichtdeutsche. Dieses Privileg wird erlebbar und bestätigt sich einzig durch Ausgrenzung und die schlechte Behandlung von Fremden – selbstverständlich nur der Fremden, die nicht als Touristen oder Investoren kommen, sondern die wie die ihnen gar nicht unähnlichen normalen Deutschen auch nur leben und Geld verdienen wollen.

Die Hassparolen im Namen des Rechts des deutschen Volkes auf sich selbst, die man vom rechten Rand kennt, nun aber von höchsten Repräsentanten des Landes zu hören bekommt, erschrecken manche, vor allem die Hüter der bisherigen politischen Anstandsregeln, den Bundespräsidenten sowie Vertreter der seriösen Presse. Sie widersprechen – nur wie! Sie definieren Söders und Seehofers Hetze als verbale Entgleisungen und mahnen zu Besonnenheit in der leidigen Frage, wie »wir« mit nicht willkommenen Flüchtlingen verfahren sollen. Noch der radikalste Widerspruch gegen die neue Tonlage kommt von einer Demonstration, die unter der Parole »Ausgehetzt!« das Hauptaugenmerk der Kritik auf die Stilfrage in der Ausländerpolitik richtet. Die Besonnenen bestehen darauf, dass Ernst in der ernsten Sache der Flüchtlingsabweisung nötig ist: Den Flüchtlingen sind keine Vorwürfe zu machen, sie verlassen ihre Heimat nicht zum Spaß; sie fliehen aus Kriegsgebieten, in denen das Leben unerträglich ist, sowie aus Elendsgebieten Afrikas, in denen es kaum besser ist. Ganz Besonnene erinnern daran, dass diese Kriege oft von westlichen Regime-Change-Interventionen ausgelöst, stets durch die Förderung dem Westen genehmer Warlords geschürt und, sobald eine unliebsame Kriegspartei die Oberhand zu gewinnen droht, mit neuem Geld und neuen Waffen in die Verlängerung geschickt werden – was alles nicht als Kritik des Imperialismus der kapitalistischen Nationen, sondern als Aufruf zum verantwortlichen Umgang mit den entwurzelten Menschen gemeint ist, »die wir nicht alle aufnehmen können«. Niemand darf »Absaufen lassen!« grölen und den Todesraten im Mittelmeer applaudieren; aber man sieht eben auch, dass die Seenotrettung ein kontraproduktiver »Pullfaktor« ist und ihre Unterlassung den Schleusern das Handwerk legen würde.

Bei aller Ablehnung der Sprache der CSU fragt sich mancher aus dem weltoffenen Lager ganz ohne Schaum vorm Mund, ob die Zuwanderung das Volk nicht tatsächlich überfordert und die Elite dessen Sorgen nicht ernst genug genommen hat bzw. gegen Fremdes allzu tolerant gewesen ist. Ohne menschenverachtende Häme, aber auch ohne Kritik haben die Deutschen die Unverträglichkeit ihres Lebens als Volk mit den Überlebensinteressen der Bewohner von halb Afrika und dem Nahen Osten zu konstatieren. Das ist sie schon, die besonnene Gegenposition gegen die inzwischen mehrheitsfähige nationalistische Hetze; ihre nähere Bestimmung gibt ihr die Frau, gegen die der Aufstand der CSU sich richtet. Merkel widersetzt sich Seehofers »Masterplan Migration« ausschließlich in dem einen Punkt der Zurückweisung anderswo registrierter Asylsuchender an den deutschen Landesgrenzen. So etwas will sie in der EU »nicht unilateral, nicht unabgestimmt, nicht zu Lasten Dritter« durchziehen. Der Gegensatz zwischen den C-Parteien dreht sich also gar nicht um die Frage, ob in Deutschland Platz für die Zuwanderer sein soll, sondern einzig darum, ob sie souverän deutsch an der deutschen oder europäisch an der EU-Außengrenze gestoppt bzw. über dieselbe zurückverfrachtet werden sollen. Die weltoffene, aufgeklärte Position, für die Merkel heute steht, ist die der europäischen Abschottung. Auch für die CSU hat die »Festung Europa« zwar einen guten Klang, sie ist aber nicht mehr bereit, sich von der dafür nötigen Kooperation der EU-Partner abhängig zu machen und auf deren Ergebnisse zu warten.

Dass die deutsche Politik die Partner mit Blick auf die von ihnen verfolgten Interessen – sei es daran, selbst Flüchtlinge wieder loszuwerden, sei es Interesse an Geld für deren Unterbringung oder für sonst etwas – erst dafür gewinnen muss, ihnen also etwas zu bieten hat, dass sie sich zum Instrument der deutschen Flüchtlingsabwehr machen, greift die CSU als eine einzige Selbstfesselung der souveränen Republik an, die solche Rücksichten nicht länger nötig hat und auch nicht länger erträgt. Den vom gleichen Geist der Abschottung getragenen professionellen Einwand, ein nationaler Alleingang sei gerade in dieser Frage kontraproduktiv, würde die Partner aus den Pflichten des Dubliner Abkommens entlassen und dazu führen, dass sie Migranten wieder vermehrt unregistriert ins europäische Zentrum durchwinken, lässt sie nicht gelten, weil es ihr ums Prinzip geht: Deutschland zuerst und souverän.

Politischer Pragmatismus sei genau das, womit die deutsche Politik ihre Freiheit verspielt. Die äußerste Rücksicht auf die EU, die Seehofer Merkel mit seinem Ultimatum erlauben will, besteht darin, dass sie in kürzester Frist eine europäische Fernhaltepolitik aushandelt, die »wirkungsgleich« mit den nationalen Maßnahmen ist, die er andernfalls im Alleingang verordnen will. Nur als direktes und kostenloses Instrument rein deutscher Interessen lässt er die EU noch gelten. Dass sie das nicht ist, dass Merkel für denselben Abschottungszweck die europäischen Partner – zwar nicht mehr nach dem Brüsseler Kompromissverfahren, sondern bilateral – erst bearbeiten muss, um sie für Deutschland zu instrumentalisieren, legt ihr die christliche Schwesterpartei als Verrat am nationalen Auftrag aus.

Unser Geld

Außer der Pflege ihrer nationalen Identität und der dazugehörenden Achtung und Verachtung ihrer Mitmenschen haben sich die Deutschen noch praktisch um eine Kleinigkeit zu kümmern: um ihr Geld – auch das verbindet sie. Sein Erwerb ist Notwendigkeit und Interesse eines jeden, ironischerweise gilt es eben dadurch als ein gemeinsames. Dass die Bürger ihr Geld gegeneinander verdienen, dass die gefeierten Wachstumsraten, Exportbilanzen und Aktienkurse der letzten Jahre auf der Billigkeit und der für sie selbst unergiebigen Leistung der großen Mehrheit beruhen, trübt den die Landsleute verbindenden Geldmaterialismus einerseits gar nicht: Geld zu verdienen, d. h. sich an den dafür gegebenen Bedingungen zu bewähren, ist für alle gleichermaßen Recht und Pflicht, und anderes als Selbstverantwortung auf diesem Feld kommt sowieso nicht in Frage.

Andererseits ist die wachsende Armut, die zum wachsenden Reichtum der Reichen gehört, nicht vergessen. Auf Basis der Anerkennung der Bedingungen des Geschäftslebens betätigt sich die Unzufriedenheit mit seinem Ertrag als missgünstige Begutachtung der anderen: Verdienen der Hartzer und der Manager, die Hausfrau und der Lehrer auch, was sie verdienen? Der Materialismus des Geldverdienens wird in eine nationale Gerechtigkeitsfrage verwandelt; bescheidene Verhältnisse berechtigen zu nichts als Neid auf Leute, denen es besser geht, Erfolg berechtigt zu Stolz darauf, dass man zu den besseren Leuten gehört. Der Klassengegensatz wird mit dem Hubraum des SUV ausgetragen, das man sich leisten kann – und auf jeden Fall als Vergleich. Von der Mittelschicht heißt es, sie sei von sozialen Abstiegsängsten geplagt. Die Bedrohung ihrer materiellen Lage durch Globalisierung, Digitalisierung oder sonst etwas lässt sich die Schicht, die etwas zu verlieren hat, als Bedrohung ihres Ranges auf der sozialen Hühnerleiter verdolmetschen; die Hierarchie der Berufe und Einkommen als solche ist rundum affirmiert, wenn die Bessergestellten sich vor nichts so ängstigen, als dort unten zu landen, wo ein Drittel der Bevölkerung längst ist.

Dass man anderen nicht gönnt, was sie haben, und sich selbst immer um das, was einem zusteht, betrogen wähnt, gehört zur Kultur einer gefestigten kapitalistischen Zivilgesellschaft und ist innerhalb weiter Grenzen ein unauffälliger privater Zeitvertreib. Politisch und wirksam wird der Neid, wenn er sich mit der nationalen Identität verbindet und die verbreitete Missgunst der Bürger sich gemeinsam gegen außen richtet. Das ist leicht zu haben, denn Ausländern und dem Ausland, die kein Teil der nationalen Gemeinschaft sind, steht im Sinn der nationalen Gerechtigkeit gar nichts zu. Der Geldmaterialismus der Deutschen präsentiert sich also national, er gilt unserem Geld, unserem Nationalprodukt und den anderen Parametern des Wirtschaftserfolgs. Sehr gleichmacherisch gegen den Umstand, dass die einen Volksgenossen den Erfolg haben und die anderen für ihn geradestehen müssen, betrachten sie ihn als gemeinsamen Besitz, von dem sie ihre privaten Umstände abhängig wissen und für den sie unbedingt parteilich sind. Es ist ihnen nicht unbekannt, dass die außergewöhnlichen deutschen Wirtschaftserfolge der letzten Jahre gegen andere Länder errungen wurden und auf deren Kosten gehen. Dass die Exportnation beständig gegen ihre Handelspartner in der EU und weltweit Überschüsse erzielt, an ihnen also immer mehr verdient, als sie die anderen an sich verdienen lässt, dass sie ihnen somit das Geld abnimmt und Arbeitslosigkeit exportiert, irritiert die deutsche Selbstgerechtigkeit überhaupt nicht: Schuld an ihrem Schaden sind die anderen Nationen – was sind sie auch weniger konkurrenzfähig als »wir«. Die Forderung der EU-Partner nach irgendeiner Form der Teilhabe an der Kreditmacht, die Deutschland durch seine sie ruinierenden Erfolge akkumuliert hat – und sei es nur, um diesen einseitigen Wirtschaftsverkehr fortzusetzen –, ist ein unberechtigter Griff in »unsere Taschen«; eine »Transferunion« in der Euro-Zone und alles, was in diese Richtung geht, kommen überhaupt nicht in Frage. Da ist das ganze Land ein geiziger Schwabe: »Mir gäbet nix!«

Wenn die Deutschen von der Gegenwehr anderer Staaten auf die Gegensätzlichkeit ihres Wirtschaftserfolgs gestoßen werden, animiert sie das nicht zum Nachdenken über die ökonomischen Antagonismen, an denen Normalbürger im Inneren ebenso laborieren wie das unterlegene Ausland; sie registrieren den Gegenwind schlicht als Bedrohung ihrer privilegierten Stellung. Niemand widerspricht, wenn die Kanzlerin sagt: »Es geht uns gut wie nie.« Dass in der deutschen Wirtschaft alles wohlbestellt und kaum besser zu machen ist, wird ihr für Vergangenheit und Gegenwart zugestanden. Aber wegen des Neids und der Obstruktion der anderen kursieren Zweifel an der Fortsetzbarkeit des deutschen Erfolgs: Das Land wartet auf den Handelskrieg Donald Trumps, die Folgeschäden des »Brexit«, die Solidaritätsforderungen von Emmanuel Macron und anderen, die allesamt diesen Erfolg gefährden, mindestens schmälern.

Beleidigte Patrioten

In Identifikation der persönlichen materiellen Lage mit den nicht mehr so zukunftssicheren Erfolgen des deutschen Kapitalismus bekommen seine Opfer, die von den Erfolgen nichts haben, ihre aktuellen Nöte als »Abstiegsängste«, also als vorgreifende Sorgen vor zukünftigen Zuständen, anerkannt und auf ausländische Angriffe auf den deutschen Erfolg und das Ausgenutztwerden des Vaterlands durch anwesende Ausländer zurückgeführt. Das Angebot, soziale Unzufriedenheit und das Gefühl erlittener Ungerechtigkeit mit der Bedrohung des deutschen Wohlstands gleichgesetzt und gerechtfertigt zu bekommen, wird massenhaft angenommen. Als beleidigte Patrioten dürfen sich die Schlechtergestellten im Recht und stark fühlen und frech werden: Daran, dass die Regierung zulässt, dass Deutschland von Fremden ausgenutzt wird – und nur daran –, lesen sie das Unrecht ab, das den Armen in Deutschland angetan wird. Nur an dem Geld, das ihr Staat für die Stabilisierung und Kontrolle der europäischen Nachbarländer und für Flüchtlinge ausgibt, ermessen sie, dass ihnen etwas vorenthalten wird. So zweifeln sie keinen Deut an ihrer absurden Anklage: »Die Flüchtlinge bekommen alles, wir nichts«, oder: »Den Griechen werden die Schulden gestundet, die Italiener bezahlt man für die Abwehr von Migranten – alles aus dem Geldbeutel des deutschen Steuerzahlers.« In der Missgunst gegen alles Fremde schließen sich oben und unten zusammen, wendet die Klassengesellschaft ihre Gegensätze und die Giftigkeit ihrer Konkurrenz nach außen.

Der AfD-Agitator Höcke hat einfach recht behalten: Die soziale Frage sieht heute niemand mehr als eine von Arm und Reich in der Gesellschaft, sie ist zu einer von innen und außen geworden. Darin steckt noch das Urteil über die Merkel-Jahre, dass die deutsche Gesellschaft für sich, die freilich überhaupt nicht bei sich bleibt, sondern den Weltmarkt erobert, perfekt eingerichtet wäre, wenn nur die störenden anderen nicht wären: Alles Schlechte kommt von außen. Dieser Zeitgeist verdächtigt die Kanzlerin, den nötigen und selbstverständlichen Kampf gegen eine feindliche Umwelt, die es aufs deutsche Geld abgesehen hat und »uns« unseren Erfolg stehlen will, nicht zu führen und mit ihrer auf Europa, Kooperation und supranationale Ordnung geeichten politischen Gesinnung auch gar nicht führen zu können: Stil und Inhalt der Politik Merkels passen nicht mehr zu diesem Land. Missmutig warten die Deutschen auf ihren Trump, der nicht in Sicht ist.

Peter Decker ist Redakteur der Zeitschrift Gegenstandpunkt. Der vollständige Aufsatz (mit den zusätzlichen Kapiteln »›Die Zeit des geordneten Multilateralismus ist vorbei‹ [Söder] – unrelativierter Nationalismus ist angesagt« und »Das bessere Deutschland – in der Defensive und selbst sehr defensiv«) ist im aktuellen Heft 3/2018 nachzulesen. Bestellung unter: de.gegenstandpunkt.com


Debatte

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  • Beitrag von Simon B. aus B. (19. September 2018 um 09:32 Uhr)

    Amen.

    Wir halten als Kern der Übung fest:

    Weil »das Volk« so idiotisch ist, wie es ist, müssen die »Linken« weder ihre sorgsam studierte Verachtung für die Arbeitskraftverkäufer aufgeben noch ihre Waffen entstauben und schon gar nicht nachsehen, ob diese überhaupt noch im Schrank stehen.

    Dann hol’ ich mir mal ’nen Kaffee.

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Peter Decker: Wer verachtet wen? Die beiden Zuschriften zum Artikel »Geist der Nation« (19.9.18) nehmen die »einfachen Menschen«, die sich von CDU, CSU und zunehmend von der AfD vertreten lassen und zum Teil auf »Ausländer raus!«-Dem...

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