Aus: Ausgabe vom 19.09.2018, Seite 7 / Ausland

Doch ukrainische Rakete?

Russland legt neue entlastende Belege zum Abschuss einer malaysischen Boeing vor

Von Reinhard Lauterbach
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Beweise vorgelegt: Ein Mitarbeiter des russischen Verteidigungsministeriums am Montag in Moskau

Das russische Verteidigungsministerium hat neue Belege im Streit um den Abschuss der malaysischen Boeing über dem Donbass am 17. Juli 2014 vorgelegt. Auf einer Pressekonferenz am Montag wurde unter anderem eine Kopie des Produktionsbuchs vom Hersteller der Rakete präsentiert, die das zivile Flugzeug traf. Danach wurde die Rakete mit der Seriennummer 886847379, deren Teile an der Unglücksstelle eingesammelt wurden und die das in den Niederlanden tagende »Gemeinsame Ermittlungsteam« für einen Beleg der Verantwortung Russlands hält, Ende 1986 in einem Betrieb bei Moskau produziert und am 29. Dezember jenes Jahres per Zug an die im westukrainischen Bezirk Tarnopol stationierte Militäreinheit Nummer 20152 ausgeliefert. Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion sei sie in den Besitz der ukrainischen Streitkräfte gelangt und zuletzt bei einer in Stryj im Bezirk Lwiw stationierten Einheit dokumentiert gewesen. Diese Einheit, heute die 223. Luftabwehrbrigade, habe wiederholt und auch zum Unglückszeitpunkt am Krieg im Donbass teilgenommen.

Die Reaktionen in Kiew und im Westen waren zu erwarten: Der ukrainische Sicherheitsratschef Olexander Turtschynow sprach vom »nächsten Kreml-Fake«, der auf die Weltöffentlichkeit losgelassen worden sei. Auch Eliott Higgins, Chef der mutmaßlich von westlichen Geheimdiensten gesponserten sogenannten Rechercheplattform »Bellingcat«, wies die russischen Anschuldigungen zurück, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Sie betrafen in anderen Aspekten auch die Veröffentlichungen dieses Portals. Dass die von »Bellingcat« präsentierten Fotos, die mutmaßlich russische Raketentransporter in der Stadt Lugansk und an anderen Stellen des ostukrainischen Aufstandsgebiets zeigen, gefälscht seien, hatte Moskau schon lange behauptet und nachzuweisen versucht.

Nun legt Russland nach: Die Raketentransporter seien nachträglich in ganz gewöhnliche Straßenbilder hineinmontiert worden. Als Beweis verwies das russische Ministerium auf die Gesetze der Linearperspektive, nach der die Darstellung räumlicher Objekte in zwei Dimensionen – so auch einem Foto – immer einen einzigen Fluchtpunkt aufweise. Die Fluchtlinien des Militärgeräts aber stimmten nicht mit denen der Straße überein, auf denen dieses angeblich unterwegs gewesen sei.

Als letzten Beleg für die These, dass ukrainische Militärs für den Abschuss verantwortlich gewesen seien, präsentierte das russische Verteidigungsministerium die Audioaufnahme einer abgehörten Äußerung, die angeblich von einem ukrainischen Offizier 2016 während einer Manöverkritik sein soll: Wenn sie weiter so herumschluderten, soll Oberst Ruslan Grintschak (um Kraftausdrücke bereinigt) Untergebene angepflaumt haben, würden sie noch eine zweite malaysische Boeing herunterholen. Grintschak war Kommandeur einer Luftüberwachungsbrigade, die zum entsprechenden Zeitpunkt im Donbass eingesetzt war. Freilich ist nicht klar, ob die Stimme in der Aufnahme wirklich die seine ist.

Russland kündigte an, seine Belege dem »Gemeinsamen Ermittlungsteam« vorzulegen. Das äußerte sich skeptisch: Russische Angaben seien in der Vergangenheit schon öfter »nur teilweise faktisch korrekt« gewesen. Tatsächlich stellt sich die Frage, warum Moskau über vier Jahre gebraucht haben soll, um ein zentrales Dokument wie die handgeschriebene Kladde zu den Auslieferungen der Raketenfabrik zu finden. Möglicherweise war das Dokument auch schon länger bekannt, und Russland hat erst jetzt entschieden, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Darauf deutet die Äußerung von Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow hin, man habe dafür »speziell den Geheimschutz aufgehoben«. Größte Schwäche der russischen Argumentation in der Sache des Abschusses ist aber die große Vielfalt der seit 2014 geäußerten Hypothesen, die sich teilweise gegenseitig ausschließen. Die ukrainische Argumentation dagegen krankt unter anderem daran, dass Kiew seit 2014 den Ermittlern die Aufzeichnungen der eigenen Flugsicherung und Informationen über Bewegungen von Truppen des Landes vorenthält.


Debatte

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  • Beitrag von Ivo Buchmann aus Tallinn (19. September 2018 um 16:23 Uhr)

    Es ist egal, wer letztlich an dem Abschuss schuld ist. Wobei mehr Fakten gegen die Ukraine sprechen. Doch warum durfte die Maschine über ein Kriegsgebiet fliegen? Warum haben die europäischen und die ukrainischen Luftfahrtbehörden dies zugelassen?

    Jedenfalls ist der offizielle Bericht der Niederländer nicht mal das Papier wert, auf das er geschrieben ist. Die ganze Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Florian Schaar: Sehr unsauber und in vielem faktisch falsch Lieber Herr Lauterbach, Sie sollten etwas sorgsamer formulieren und nicht Behauptungen in die Welt setzen, die unfundiert sind. Sie schreiben: »Als letzten Beleg für die These, dass ukrainische Militä...
  • Marius van der Meer: Ukrainisches Eigentor So sehr ich in aller Regel die um Objektivität und Abstand bemühten Beiträge von Reinhard Lauterbach zu Polen, Russland und der Ukraine als Ortskenner auch schätze, diesmal hat er wohl nicht genau mit...

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