Aus: Ausgabe vom 15.09.2018, Seite 14 / Feuilleton

Es muss nicht immer scharf sein

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Walter Liepe (67), Berlin, Titel: »Flucht«, 2016

Unschärfe ist kein Beinbruch. Ganz im Gegenteil. Eher ein Stilmittel, das die Dynamik eines Motivs deutlich erhöhen kann und sich dadurch sehr positiv auf die Bilddramaturgie auswirkt. Es waren viele Herausforderungen, denen sich Walter Liepe aus Berlin, der mit diesem Bild von einer Demonstration am »Blende-Wettbewerb« 2016 teilnahm, gestellt hat: Dunkelheit, hektisch durcheinanderlaufende Personen und ein Wasserwerfer in Aktion – nicht die besten Vorraussetzungen zum Fotografieren. Walter Liepe hielt trotzdem drauf, als Polizisten mit schwerem Gerät in eine Menschenmenge stürmten, und gab seiner Aufnahme den Titel »Flucht«.

Ob ein fokussiertes Objekt vor einem unruhigen Hintergrund isoliert wird oder, wie Walter Liepe es getan hat, das Motiv gänzlich unscharf abgelichtet wird, ist eine Wahl, die man in einer tumultartigen Situation manchmal gar nicht hat. Wer sich bewusst dafür entscheidet: Es eignen sich Aufnahmen im Gegenlicht besonders gut, weil die Spitzlichter in der Unschärfe durch den Bokeh-Effekt sehr schön zur Geltung kommen. Die Bezeichnung Bokeh stammt aus Japan und bedeutet in etwa »verschwommen«. Gemeint ist damit der Effekt, der entsteht, wenn eine Linse auf einen bestimmten Bereich scharfgestellt wird, der Rest des Bildes bleibt dann im Ungefähren. So bekommt das Motiv eine besonders plastische Anmutung. Mit der Unschärfe zu experimentieren kann sich also lohnen. Dazu sollte der Schärfepunkt ganz nah eingestellt und die Blende geöffnet (Offenblende, kleinster Blendenwert) oder stufenweise geschlossen werden. Die Effekte werden äußerst unterschiedlich ausfallen. (jW)

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