Aus: Ausgabe vom 17.09.2018, Seite 12 / Thema

Willkommene Lückenfüller

Vorabdruck. Infolge einer rabiaten Kürzungspolitik fehlen im Sozialbereich allerorten Arbeitskräfte. Die werden durch unentgeltlich tätige Freiwillige ersetzt. Eine Kritik der Ehrenamtsökonomie

Von Claudia Pinl
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Ohne eine Vielzahl von Ehrenamtlichen wären die Flüchtlinge des Sommers 2015 vermutlich nicht einmal mit dem Nötigsten versorgt worden (Freiwillige verteilen Nahrungsmittel vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin, September 2015)

In diesen Tagen erscheint im Kölner Papy­rossa-Verlag von Claudia Pinl das Buch »Ein Cappuccino für die Armen. Kritik der Spenden- und Ehrenamtsökonomie«. Wir veröffentlichen daraus in gekürzter Fassung und mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autorin das Kapitel »Ehrenamt – ›Ressource für kommunale Entwicklungsprozesse‹«. (jW)

»Ich weiß nicht, wie viele Wände in Kitas, Grundschulen und Gymnasien ich gestrichen habe, Fenster geputzt, Gardinen genäht und aufgehängt, Schränke besorgt, Feste organisiert und durchgeführt, Ausflüge begleitet«, schreibt eine Mutter in einem Leserbrief an den Kölner Stadtanzeiger im Juli 2017. Stadtteilmütter und Quartierlotsen sind in sozialen Brennpunkten unterwegs, Bildungspaten helfen bei der Übermittagsbetreuung in Schulen und bei der Leseförderung, Ehrenamtliche steuern den Bürgerbus; Bäckereien und Lebensmittelhändler haben sich schon lange aus dem ländlichen Raum verabschiedet, ehrenamtlich betriebene Dorfläden versuchen, sie zu ersetzen. Fördervereine betreiben städtische Schwimmbäder, Büchereien und Museen, Freiwillige speisen Obdachlose, Flüchtlingsinitiativen machen Dienst in Unterkünften, Familienpartner unterstützen belastete Familien bei der Kinderbetreuung, »Grünflächenpaten« und »Weiherpaten« kümmern sich um städtische Parks. Überhaupt: Der Begriff »Patenschaft« ist sehr beliebt, das klingt so viel besser als das, was es ist, nämlich Gratisarbeit. Eltern und manchmal sogar Lehrerinnen oder Lehrer streichen Klassenzimmer. »Wenn man engagierter Lehrer ist, kann man sich doch mal einbringen und einen Raum streichen«, sagte die damalige Kieler Kultusministerin Waltraud Wende in der Schleswig-Holsteinischen Zeitung im Mai 2013.

Kurzum, die »aktive Bürgerschaft« ist gefragt. Und wie sie konkret aktiv werden kann und soll, illustrierte eine 2007 von der »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« herausgegebene Schrift »Deutschland zum Selbermachen«, in der 22 als vorbildlich gepriesene Projekte vorgestellt wurden: Im rheinischen Langenfeld übernahmen Anwohner die Straßenreinigung, im bayerischen Wolfratshausen wurde das Rathaus mit Spendengeldern und in Eigenarbeit renoviert, in einem Leipziger Vorort gar bauten Bürger ihre eigene neue Kanalisation. Die Broschüre sollte weitere Menschen ermuntern, Spaten oder Besen in die Hand zu nehmen oder gar Bagger und Betonmischer in Gang zu setzen, um ihre Kommune aufzupeppen, was auch gelang. Im westfälischen Altena erneuerten Bürger das Pflaster in der Fußgängerzone, und in der Thüringer Gemeinde Niederzimmern konnte man gegen Einzahlung von 50 Euro in die Stadtkasse zur Sanierung eines Schlaglochs eigener Wahl beitragen und eine Plakette mit Wunschaufschrift in den renovierten Asphalt einlassen.

Klamme Kommunen

Nach dem Motto »Nicht meckern, sondern machen« feiern die Medien auch heute immer wieder mal Gemeinden, in denen die Bürger ihre Straßenlaternen aus eigener Tasche bezahlen oder den Innenhof der Kita umgebaut und gestaltet haben. Die Liste der segensreichen Folgen ist lang, werden wir informiert, wenn wir Bürgerinnen und Bürger erst einmal die Pflege der lokalen Infrastruktur selbst in die Hand nehmen. Denn das alles führe nicht nur zu besseren, lebensnäheren Diensten, sondern auch zu mehr Demokratie und stabilerem sozialem Zusammenhalt, sei also eine Win-Win-Situation in jeder Hinsicht.

Bestenfalls nebenbei wird erwähnt, dass die Mobilisierung der Bürgergesellschaft auch bezweckt, die Löcher in den kommunalen Haushalten zu stopfen. Kommunen, vor allem Großstädte, wurden durch Steuerreformen um die Jahrtausendwende finanziell ausgetrocknet. Bereits 1997 wurde die Gewerbekapitalsteuer abgeschafft, so dass die Haupteinnahmequelle der Gemeinden, die Gewerbesteuer, zu einer ertragsabhängigen Einnahmequelle wurde, die konjunkturbedingt schwankt und sich außerdem nach Bedarf kleinrechnen lässt. Der Ausgleich, die Beteiligung der Gemeinden an der Umsatzsteuer, konnte die Einbußen nicht wettmachen. Die Steuerreform von 2000 ließ städtische Einnahmen weiter schrumpfen, die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 tat ein übriges.

Der Ökonom Achim Truger hat errechnet, dass die Kommunen zwischen 2000 und 2011 insgesamt Einnahmeeinbußen von 42 Milliarden Euro erlitten.¹ Drei Viertel aller Kommunen in Deutschland sind mit über 2.500 Euro pro Einwohner mittelmäßig bis hoch verschuldet.² Gleichzeitig stiegen die Ausgaben für soziale und andere Pflichtleistungen, die durch Bundes- und Landesgesetze festgelegt und die von kommunalen Ausgabestellen verwaltet werden: Grundsicherung, Wohngeld, Eingliederungsleistungen für Menschen mit Behinderung, Unterbringung von Flüchtlingen und Obdachlosen. Allein die kommunalen Ausgaben für die Grundsicherung haben sich nach Angaben des Deutschen Städtetags zwischen 2004 und 2010 in Magdeburg verdoppelt, in Dresden und Stuttgart verdreifacht. Die Städte versuchten durch Einsparung von hauptamtlichem Personal und Reduzierung freiwilliger kommunaler Leistungen gegenzusteuern. In den eher »weichen« Aufgabenbereichen der freiwilligen Leistungen, aber nicht nur dort, stützt man sich auf das Bürgerengagement. In den Großstädten sind Ehrenamtliche vor allem in vier Bereichen gefragt: in der Bildung, in der Kultur (zum Beispiel Museumsdienste), bei der Grünpflege und, last not least, im Sozialen – von der Flüchtlingsbetreuung bis zur Quartiersarbeit, von der Suppenküche für Obdachlose bis zum Besuchsdienst für Seniorinnen und Senioren.

»Engagementlandschaften«

Die Zahl armer Menschen in den Städten wächst. In Nordrhein-Westfalen gilt im Schnitt ein Viertel der Großstadtbewohner als arm, d. h. sie verfügen über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens, das 2016 für einen Ein-Personen-Haushalt bei 1.615 Euro netto lag. Die Sozialverwaltungen versuchen mit verschiedenen Konzepten gegenzusteuern, die zum Teil aus Bundes- und/oder Landesmitteln bezuschusst werden, aber immer von kommunaler Kofinanzierung abhängen; schwierig, wenn die Kommune kein Geld hat und sich mit sogenannten Kassenkrediten über Wasser hält. In den benachteiligten Stadtteilen vieler Großstädte sind hauptamtliche Sozialarbeiter als Sozialraumkoordinatoren und Streetworker unterwegs, die zum Teil bei Vereinen oder Wohlfahrtsorganisationen angestellt sind, zum Teil aus städtischen Töpfen bezahlt werden.

Sozialraumkoordinatoren versuchen, in den Quartieren, die als problematisch gelten, Netzwerke aufzubauen: aus Gruppen von Jugendlichen und Senioren, aus Vertretern von Moschee- und Kirchengemeinden, Geschäftsleuten, Vereinen und Wohnungsunternehmen. Um die Nachbarschaften zu aktivieren, müssen Ehrenamtliche angeworben werden – z. B. Quartiershelfer in Stadtteileltern- bzw. Stadtteilmütter-Projekten: »Dabei wurden gut integrierte Migrantinnen und Migranten qualifiziert, um als Brückenbauer und Multiplikatoren in ihre Communities hineinzuwirken, indem sie z. B. über das deutsche Gesundheits- und Bildungssystem informieren und das Kölner soziale Hilfesystem mit seinen vielfältigen Beratungsangeboten vorstellen«, schreibt die Kölner Stadtratsfraktion von Die Linke.³ Die Stadtteilmütter erhalten zum Teil Aufwandsentschädigungen für ihre Arbeit. Aber sowohl die hauptamtliche wie die ehrenamtliche Arbeit in den abgehängten Quartieren sind ständig bedroht, weil Projektmittel auslaufen, Förderungen gekürzt werden und hauptamtliche Stellen befristet sind.

Solches »Community Organizing«, ein basisdemokratisches Vernetzungsmodell nach Vorbildern der US-amerikanischen Gewerkschafts- und Bürgerrechtsbewegung, soll dazu führen, dass Abgehängte sich mit eigener Stimme Gehör verschaffen können. Das geht aber nicht, wenn Anlaufstellen und Integrationsfaktoren wie Bürgerzentren, Jugendzentren, freie Theater, Stadtteilbüchereien von einer kommunalen Haushaltsperiode zur nächsten um ihre Existenz bangen müssen; wenn im Landeshaushalt Schulsozialarbeiterstellen eingespart werden, Projekte wie Mieterräte, offene Kinder- und Jugendarbeit, Stadtteilbüros, die nach »Anschubfinanzierung« mit viel Idealismus, auch von Ehrenamtlichen, aufgebaut wurden, nicht institutionell gefördert werden, sondern dichtmachen, sobald Projektmittel auslaufen oder sich nicht rechtzeitig eine Stiftung bzw. ein Sponsor zur Weiterfinanzierung findet.

Das zugrundeliegende Problem ist ohnehin nicht durch Gemeinwesenarbeit lösbar: Es fehlt an Erwerbsarbeit, vor allem für wenig Qualifizierte, weil die Mittel für den zweiten Arbeitsmarkt drastisch zusammengestrichen wurden; es fehlt an qualifizierter frühkindlicher Bildung; es fehlen bei allen Schulformen Lehrerinnen und Lehrer; es gibt kein oder zu wenig Geld für Übermittagsbetreuung von Schulkindern; es fehlt an bezahlbarem Wohnraum für Normal- und Geringverdiener; es fehlt an Zugriffsmöglichkeiten auf die Eigentümer heruntergekommener Hochhaussiedlungen; es fehlt an Unterkünften für Obdachlose, es fehlt an hauptamtlichen Kräften für die Arbeit mit Geflüchteten, mit Alten, mit Pflegebedürftigen, mit Drogenabhängigen, es fehlt an Ordnungskräften, an Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten.

Ehemals von Kommunen betriebene Einrichtungen wie Jugendzentren oder Jugendwerkstätten wurden unter Haushaltszwängen zunächst in teilprivatisierte gemeinnützige GmbHs oder eingetragene Vereine (e. V.) überführt, die mit ABM-Kräften weiterarbeiteten. Nach der Einstellung der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ist man jetzt von Spenden und ehrenamtlich geleisteter Arbeit abhängig und hangelt sich notdürftig von Projektfinanzierung zu Projektfinanzierung.

Verarmte Menschen und die sozial benachteiligten Quartiere, in denen sie leben, werden nicht mehr als Anstoß für grundlegende gesellschaftspolitische Veränderungen betrachtet, sondern sie gelten als nicht mehr hinterfragbare, weil im Prinzip als nicht änderbar eingeschätzte Ausprägungen einer »gesellschaftlichen Vielfalt«. Diese gilt es möglichst kostengünstig zu managen. An die Stelle politisch initiierter gesellschaftlicher Veränderungen treten »Engagementlandschaften«.

Flüchtlingshilfe – die große Not

Als sich im Herbst 2015 immer mehr Menschen auf den Weg nach Europa machten und die Bundesrepublik erreichten, waren die deutschen Behörden anscheinend völlig überrascht, jedenfalls überfordert. Die Flüchtlinge trafen auf ein Gemeinwesen, in dem zwanzig Jahre lang öffentliche Leistungen systematisch heruntergefahren worden waren. In den Gemeinden fehlt es an Verwaltungsfachkräften, an Sozialarbeiterinnen, Lehrern, Dolmetscherinnen, Sozialpädagogen, Schulpsychologinnen und Erziehern. Zigtausende freiwillige Helfer und Helferinnen fanden sich spontan an Orten wie dem Münchner Hauptbahnhof, dem »Drehkreuz« am Flughafen Köln/Bonn oder vor dem »Lageso« in Berlin ein, um die ankommenden Menschen wenigstens mit dem Nötigsten zu versorgen, mit Essen, warmen Getränken, Bekleidung. Alexandros Stathopoulos von Pro Asyl kommentiert: »Man hat es einfach über die Jahre verpasst, sich auf die Folgen der Krisen vor Europas Türen vorzubereiten. Auch hier ist es die Zivilgesellschaft, die das Fehlen einer angemessenen Aufnahmestruktur versucht auszugleichen. Freiwillige organisieren sich in Freundes- und Helferkreisen, geben ehrenamtlich Deutsch-Unterricht, begleiten Schutzsuchende zu Behörden und in Krankenhäuser, schaffen Begegnungsorte für Flüchtlinge und Eingesessene, helfen bei der Wohnungssuche und setzen sich für ihre Rechte ein (…) Viele der Probleme, mit denen Schutzsuchende in Deutschland und Europa zu kämpfen haben (…), müssen auf politischer Ebene gelöst werden.«⁴

Die politische Ebene blieb nicht ganz untätig. Der Bund zahlte für Flüchtlingshilfe ab 2016 »Integrationspauschalen« an die Länder, aber nur ein Teil der 1,5 bis zwei Milliarden Euro jährlich landet direkt bei den Kommunen, in NRW z. B. 866 Euro pro Monat und Flüchtling. Die jahrelange »Verschlankung« der Verwaltungen ist aber nicht von jetzt auf gleich allein durch Geld zu kompensieren. Viele der spontan handelnden Ehrenamtlichen vom Herbst 2015 sind inzwischen müde, ernüchtert und frustriert. Auch die meisten Einheimischen kennen sich mit Amtsdeutsch und Ämterdschungel nicht aus, sind überfordert, wenn es um psychosoziale Hilfen für Kriegstraumatisierte geht. Spracherwerb, Asylverfahren, Wohnungssuche, Ausbildungswünsche – das alles erfordert von denjenigen, die ehrenamtlich begleiten, ein hohes Maß an Energie, Langmut und Frustrationstoleranz. Helferinnen und Schützlinge erleben gegeneinander abgeschottete Ämter, die Urkunden aus Bürgerkriegsländern vorgelegt bekommen möchten oder Kostenvoranschläge für Übersetzungen aus dem Arabischen in dreifacher Ausfertigung anmahnen. Die wenigen hauptamtlichen Sozialarbeiter, die in den Flüchtlingsunterkünften zur Verfügung stehen und helfen könnten, sind selbst überlastet. Erst Ende 2016 beschloss z. B. der Rat der Stadt Köln, die Sozialarbeiterstellen in den Unterkünften zu erhöhen. Künftig soll eine Sozialarbeiterin für 60 statt bisher für 80 Geflüchtete zuständig sein. Den Rest der Arbeit machen nach wie vor die Ehrenamtlichen der örtlichen Initiativen. Deren Zahl schrumpft jedoch. In Köln sank die Zahl der freiwilligen Unterstützer von 11.000 Ende 2015 auf 5.000 ein Jahr später.

Der Versuch seitens der Politik, die ehrenamtliche Hilfe zu verstetigen und die Freiwilligen möglichst auf längere Zeit einzubinden, läuft in erster Linie über finanzielle Zuwendungen. Das Bundesfamilienministerium hat ein Programm »Menschen stärken Menschen« aufgelegt, mit dem bundesweit 23 Trägerorganisationen finanziell unterstützt werden, die Patenschaften zwischen Ehrenamtlichen und Geflüchteten organisieren. Zu den Aufgaben gehören Begleitung im Alltag, Unterstützung bei Behördengängen, Hilfe beim Zugang zu Sportvereinen, gemeinsame Freizeitunternehmungen und vieles andere. Unterstützt werden zum Beispiel auch Bildungsmentorenschaften für Schülerinnen und Schüler aus Flüchtlingsfamilien oder ein Begleitdienst für Schwangere des Sozialdienstes Katholischer Frauen in Trier.

Auch die »Goodwill-Industrie« bleibt nicht untätig: Die »Kölner Freiwilligenagentur« sucht für ihr Programm »Welcome Walks« Ehrenamtliche, die Geflüchtete auf Stadtspaziergängen begleiten und »Paten/Patinnen für die außerschulische Begleitung von Flüchtlingskindern«, denn die Wartelisten für Plätze in der Ganztagsbetreuung von Schulkindern sind in Nordrhein-Westfalen lang – eine Marktlücke. Die Patinnen gehen mit den Kindern Schwimmen, ins Kino, in die Stadtbibliothek, zum Minigolf, führen sie in die neue Umgebung ein.

Verewigung des Ehrenamts

Die Kürzungspolitik der vergangenen Jahrzehnte hinterlässt ihre Spuren. Das betrifft alle Bereiche, von der Kita bis zur Hochschule. Sanierungsbedürftige Schulgebäude, mit Umweltgiften belastete Klassenzimmer, schmutzige Fenster, kaputte Toiletten, fehlender Lärmschutz und vor allem fehlende Lehrerinnen und Lehrer. Nach dem katastrophalen Abschneiden Deutschlands in der PISA-Studie 2001 hat sich zwar einiges getan: Der Bund investiert in die frühkindliche Bildung, Ganztagsschulen werden ausgebaut, die Länder werben um pädagogisches Personal. Aber das Ziel »Bildungsrepublik Deutschland« liegt noch in weiter Ferne. Mit 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die in Bildungsausgaben investiert werden, bleibt die Bundesrepublik weiter unter dem OECD-Durchschnitt von 5,8 Prozent.

Lehrerinnen und Lehrer sehen sich immer mehr in der Situation, die mangelhaften Erziehungsleistungen vieler Eltern kompensieren zu müssen. Es gibt also genug zu tun für Ehrenamtliche, die von den unterschiedlichsten Trägern für die unterschiedlichsten Aufgaben ständig angeworben werden: Mittagessenkochen für Kinder aus armen Familien, deren Eltern das Schulmittagessen nicht bezahlen können oder wollen, Hausaufgabenbetreuung in der Offenen Ganztagsschule (OGS), mit Flüchtlingskindern Deutsch üben, damit diese am regulären Unterricht teilnehmen können, mit Grundschulkindern Lesen üben, Spiel- und Sportangebote in der OGS. Am Beginn und Ende der Schulkarriere das gleiche Bild: »Bildungspatenschaften« gibt es schon für Kitakinder; die pädagogisch gebotene individuelle Förderung dort und später in der Schule können die überlasteten Fachkräfte nur selten leisten; Schulabgänger brauchen Paten, um sie ins Berufsleben zu begleiten, denn Berufsvorbereitung ist an deutschen Schulen immer noch unterentwickelt, also Freiwillige vor!

Die »Engagementlandschaften« in Deutschlands Städten und Gemeinden gleichen einem Flickenteppich. Die unterschiedlichen Aufgabengebiete, Strukturen, Träger und Zielgruppen der 3.500 Organisationen und Initiativen, die die Körber-Stiftung 2015 allein auf kommunaler Ebene zählte, sind kaum überschaubar, zumal sich ihre Zahl seither noch mal deutlich erhöht haben dürfte. Was fast alle Organisationen kennzeichnet, ist »eine chronische Unterfinanzierung und Unterausstattung mit personellen Ressourcen«, stellt Gisela Jacob fest.5

Entsprechend hoch ist bisweilen die Konkurrenz untereinander, wenn es um die Rekrutierung neuer Ehrenamtlicher oder um die Bewilligung von Finanzierungen geht. Häufig entstehen Parallelstrukturen. So gibt es allein in Köln außer der selbständigen Freiwilligenagentur mindestens drei weitere Vermittlungsstellen bei Initiativen und Verbänden. Die Verantwortlichen in Bund und Ländern haben es sich zur Aufgabe gemacht, Struktur in diese Unübersichtlichkeit zu bringen – mit ein bisschen Geld und viel PR. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend versucht seit 2015, mit dem Programm »Engagierte Stadt«, die verschiedenen Initiativen zu vernetzten.6

Dafür stehen etwas mehr als eine Million Euro pro Jahr zur Verfügung, 2016 meldete das Ministerium die Teilnahme von 55 Gemeinden bundesweit, von Ammerbuch bei Tübingen bis Zwickau in Sachsen, macht etwas über 6.000 Euro pro Jahr pro Gemeinde. Eine bescheidene Summe. Doch die gute Absicht soll zählen: »Welchen Weg die lokalen Engagementorganisationen dabei beschreiten wollen, entscheiden sie selbst. Sie sind die Experten für die Situation in ihrem Gemeinwesen, sie wissen, was gebraucht wird: Strategien, Fundraising, Themendebatten, Beteiligungsprozesse oder vieles andere. Erwartet wird auf jeden Fall, dass die lokalen Prozesse auf Kooperation, Vernetzung und Nachhaltigkeit ausgerichtet sind. Neben den Infrastruktureinrichtungen sollen die kommunale Verwaltung, Unternehmen, Vereine und Stiftungen an dem Prozess beteiligt werden, also möglichst alle, die mit dem Thema zu tun haben.«

So schreibt es Alina Mahnken von der federführenden Körber-Stiftung. 2018 haben sich weitere Stiftungen dem Projekt angeschlossen. »Engagierte Stadt« wurde noch einmal um zwei Jahre verlängert und die Mittel bis 2019 um weitere zwei Millionen Euro aufgestockt. Die finanziell darbenden Teile der »Engagementlandschaften« und die Gemeinden, in denen sie wirken, nehmen die Almosen dankbar an. Die Bundesländer blieben ebenfalls nicht untätig. Das Sozialministerium von Mecklenburg-Vorpommern legte bereits 2014 ein Modellprojekt »Mitmach-Zentralen« auf, das Freiwillige vermitteln und ehrenamtliches Engagement in den Landkreisen bündeln soll. Die CDU-FDP-Landesregierung von Nordrhein-Westfalen nutzt die neue Konjunktur des Begriffs »Heimat«, um ein Heimatförderungspaket von 113 Millionen Euro auf den Weg zu bringen, mit dem bis 2022 »Heimatschecks«, »Heimatpreise«, »Heimatwerkstätten«, »Heimatzeugnisse« und ein »Heimatfonds« finanziert werden sollen: »Heimat ist das, was in unserer Gesellschaft Menschen miteinander verbindet, was einen starken Zusammenhalt in einer aktiven Bürgergesellschaft ausmacht«, sagt Ministerin Ina Scharrenbach.7

Schade nur, dass der zum Auftakt eingeladene »Heimatsänger« Heino die Ministerin mit einer Schallplatte beschenkte, auf der mehrere Lieder zu hören sind, mit denen bereits die SS ihren Heimatgefühlen Ausdruck verliehen hatte. Die Begrifflichkeiten, die von der seit 2017 amtierenden CDU-FDP-Landesregierung eingeführt worden sind, markieren eine neue Drehung der Ideologieschraube – weg vom Subsidiaritätsgedanken des »fürsorglichen Miteinanders«, weg auch vom US-amerikanisch beeinflussten Kommunitarismus der Caring Community hin zur original deutschen Heimattümelei.

Anmerkungen

1 Achim Truger in: Taz, 31.3.2014

2 Ernst & Young: Verschuldung der deutschen Großstädte 2012–2016, November 2017; www.ey-verschuldung-der-deutschen-grossstaedte-2012-2016.pdf

3 Vgl.: »Platzjabbeck«, hrsg. v. Die Linke im Rat der Stadt Köln, Nr. 9, November 2016

4 Alexandros Stathopoulos, zitiert in: Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, Newsletter Nr. 2/2015

5 Gisela Jacob in: Bürger aktiv – Nachrichtendienst Bürgergesellschaft – Stiftung aktive Bürgerschaft, Sonderausgabe Januar 2015

6 Pressemitteilung des Familienministeriums vom 7.1.2015. Kooperationspartner sind sechs Stiftungen: Bertelsmann-Stiftung, Herbert-Quandt-Stiftung, Generali Zukunftsfonds, Körber-Stiftung, Robert-Bosch-Stiftung und BMW-Foundation; vgl. auch www.engagiertestadt.de

7 Zitate aus der Presseerklärung des Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW vom 15.3.2018

Claudia Pinl: Ein Cappuccino für die Armen. Kritik der Spenden- und Ehrenamtsökonomie. Papy-Rossa-Verlag, Köln 2018, 159 Seiten, 12,90 Euro


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