Aus: Ausgabe vom 17.09.2018, Seite 7 / Ausland

Späte Entschuldigung

Frankreichs Präsident Macron erkennt Mord an Maurice Audin während des Algerien-Kriegs nach 61 Jahren als Staatsverbrechen an

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Erinnerung an Maurice Audin: Gedenkstätte für den Widerstandsaktivisten in Algier (20.12.2012)

Am 11. Juni 1957 wurde der 25 Jahre junge Mathematiker und Universitätsassistent Maurice Audin, Kommunist und Aktivist im Unabhängigkeitskampf Algeriens gegen die damalige Kolonialmacht Frankreich, in Algier von Soldaten des Generals Jacques Massu in seiner Wohnung verhaftet. Er wurde nie wieder gesehen, seine Leiche wurde nie gefunden. 2001, also 44 Jahre später, erklärte einer von Massus Schergen, der Fallschirmjägergeneral Paul Aussaresses: »Wir haben ihn mit dem Messer erledigt, es sollte so aussehen, als hätten ihn die Araber umgebracht.« Gut 61 Jahre später, am vergangenen Donnerstag, erkannte Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron die Tat als Staatsverbrechen an.

Macron besuchte Josette Audin, die Witwe des Mordopfers, in ihrer Pariser Wohnung und zeigte sich bestürzt über den Tod des Ehemanns und Vaters dreier Kinder: »Es ist an mir, Sie im Namen der Republik um Entschuldigung zu bitten.« Außerdem räumte er ein, dass »ein legal eingesetztes System, das Folter zu politischen Zwecken ermöglicht hat«, eingeführt worden war. »Das Gesetz, das 1956 vom Parlament verabschiedet wurde, war der Freibrief für die Regierung. Dieses System war der schlimme Nährboden für grässliche Taten und Folter, die durch die Affäre Audin ans Licht gebracht wurden.«

Verbunden ist die Geschichte des sogenannten Algerien-Krieges, der vom 1. November 1954 bis zum 16. März 1962 dauerte und mit der Unabhängigkeit des Landes endete, mit dem Namen eines ehemaligen Präsidenten: François Mitterrand. Unter dem rechtskonservativen Präsidenten René Coty war der sich schon damals Sozialist nennende Politiker und frühere Beamte des Vichy-Regimes zunächst zum Innenminister und danach zum Minister der Justiz aufgestiegen – er war die Nummer drei in der Regierung seines Parteifreundes Guy Mollet.

In ihrem 2010 veröffentlichten Dokumentarfilm »François Mitterrand und der Algerienkrieg« beschreiben der Journalist François Malye und der Historiker Benjamin Stora ihn als den Mann, der verantwortlich war für Folterung und Tötung von Kämpfern für die algerische Unabhängigkeit und das spurlose »Verschwinden« einiger tausend Menschen: »Der Regierungschef (Mollet, jW) war am 2. Januar 1956 von einem Besuch aus Algerien zurückgekommen, wo man ihn ausgebuht hatte. Mitterrand war nun entschlossen, den FLN (Front de Libération Nationale) zu zertreten. Im Gegensatz zu seinen (Minister-)Kollegen Pierre Mendès France, Alain Savary oder Gaston Defferre wollte er die Todesstrafe für jene, die in den algerischen Kerkern warteten.«

In der Amtszeit des Justizministers Mitterrand starben 45 gefangene Unabhängigkeitskämpfer unter der Guillotine. »In 80 Prozent der Fälle«, sagt der Historiker Stora heute, »hat Mitterrand Gnadengesuche abgelehnt.« Prozesse gegen Aufständische wurden zivilen Richtern entzogen und an Militärgerichte weitergereicht. Nicht nur das: Regierungschef Mollet ließ seine mörderischen Spezialtruppen, wie Malye 2010 in einem Interview mit dem Journal Le Point erklärte, vorzugsweise auf Muslime los und schonte europäische Algerier.

Die Ausnahme: Maurice Audin, der zwar nicht mit der Waffe in der Hand kämpfte, dessen Wohnung in Algier aber zum Drehkreuz für die Bewegung geworden war. Im September 1956 hatte er die Flucht Larbi Bouhalis organisiert, des Ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei Algeriens. Im März 1957 hatte Audin einen anderen hohen Funktionär der Partei in seinem Haus aufgenommen, den verletzten Paul Caballero. Im Juni 1957 wurde dessen Arzt Georges Hadjadj nach einem FLN-Attentat auf das Casino de la Corniche festgenommen und verriet – unter der Folter –, dass er Caballero im Haus Audins behandelt habe.

Freunde des Ermordeten, die im »Comité Audin« Jahrzehnte für die Veröffentlichung der Wahrheit über den Mord an Audin kämpften, sehen sich seit Donnerstag »erleichtert«, weil Macron auch die Öffnung der Archive angeordnet hat. Das Problem: Wie Stora und Malye bezeugen, wurde ein Großteil belastender Akten längst vernichtet.


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  • Sigrid Krings: Eine Kehrseite der Republik Die Entschuldigung Macrons machte Schlagzeilen. Es war sicherlich ein Akt politischen Mutes, aber das Bedauern des Präsidenten ersetzt kaum die Verantwortung für die lange zurückliegenden Fakten. Nur ...

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