Aus: Ausgabe vom 15.09.2018, Seite 15 / Geschichte

Zwischen den Fronten

Vor 70 Jahren wurde der UN-Vermittler für Palästina von Angehörigen der Terrororganisation »Lechi« ermordet

Von Knut Mellenthin
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Die israelische Regierung nahm den Mord an Bernadotte zum Anlass, »Lechi« zu verbieten. Juristisch belangt wurden die Attentäter aber nicht (Schlagzeile der New York Times vom 18.9.1948)

Am 17. September 1948, wurde der Vermittler der Vereinten Nationen für Palästina, Folke Bernadotte, von israelischen Terroristen ermordet. Der schwedische Diplomat war zum Zeitpunkt seines gewaltsamen Todes 53 Jahre alt. In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs hatte er durch Verhandlungen die Freilassung von mehr als 30.000 Menschen, darunter auch zahlreiche Juden, aus deutschen Konzentrationslagern erreicht.

Der Ernennung des Schweden zum UN-Vermittler am 20. Mai 1948 war die Proklamation des Staates Israel am 14. Mai und die Kriegserklärung durch mehrere arabische Staaten am folgenden Tag vorausgegangen. Gekämpft wurde in Palästina aber schon Monate zuvor, besonders seit dem Teilungsvorschlag, der am 29. November 1947 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen beschlossen worden war. Zwischen dem 1. April 1948 und dem Tag der Unabhängigkeitserklärung hatten die späteren israelischen Streitkräfte in einer raschen Folge großer Militäroperationen nicht nur den Großteil des Gebiets gesichert, das dem jüdischen Staat nach dem Teilungsplan zufallen sollte, sondern waren auch darüber hinaus vorgestoßen.

Bernadotte erreichte zunächst einen Waffenstillstand, der am 11. Juni begann und bis zum 8. Juli 1948 dauerte, aber von keiner Seite vollständig eingehalten wurde. Israel nutzte diese Zeit, um seine Waffenkäufe zu verstärken. Hauptlieferant war, mit sowjetischer Ermunterung, die Tschechoslowakei. Während des Waffenstillstands präsentierte der UN-Vermittler den Kriegsparteien seinen ersten Friedensplan. Unter anderem schlug er die Bildung einer Föderation aus Israel und Jordanien vor. Beide Staaten sollten die volle Kontrolle über ihre eigenen Angelegenheiten, einschließlich ihrer Außenpolitik, behalten. Die Palästinenser wären auf diese Weise unter die Herrschaft des jordanischen Königs gekommen. Der größte Stein des Anstoßes war aus israelischer Sicht: Jerusalem sollte, mit kommunaler Selbstverwaltung für die jüdische Bevölkerung, dem arabischen Teil der Föderation zugeschlagen werden. Der UN-Teilungsvorschlag sah vor, die Stadt als separates Gebiet bis zu einer endgültigen Einigung unter die Kontrolle der Vereinten Nationen zu stellen. Bernadottes erster Friedensplan enthielt außerdem weitere territoriale Veränderungen, die überwiegend nicht der für Israel bereits sehr günstigen militärischen Lage entsprachen.

Rundum angelehnt

Beide Seiten lehnten die Vorschläge des schwedischen Diplomaten rundum ab. Bernadotte und sein Stellvertreter, der US-Amerikaner Ralph Bunche, arbeiteten daraufhin einen zweiten Friedensplan aus, der im Vergleich zum ersten dem zionistischen Staat deutlich entgegenkam. Fertiggestellt wurde dieser erst am 16. September 1948, einen Tag vor der Ermordung des UN-Vermittlers. Es ist davon auszugehen, dass diese neue Fassung weder den Attentätern noch der israelischen Regierung bekannt war.

In seinem zweiten Friedensplan hatte Bernadotte die Idee einer arabisch-israelischen Föderation fallengelassen. Bezüglich des Status der Stadt Jerusalem war er zum Teilungsvorschlag der UNO zurückgekehrt. Stärker als in seinem ersten Entwurf betonte er aber nun das Recht der vertriebenen und geflüchteten Palästinenser auf Rückkehr in ihre Heimatorte oder auf eine Entschädigung für ihre Verluste.

Am späten Nachmittag des 17. September 1948 kehrte Bernadotte in einem Konvoi, der aus drei Wagen bestand, von einem Arbeitsessen mit israelischen Vertretern in Jerusalem zurück. Kurz nachdem sie einen Kontrollpunkt der israelischen Streitkräfte passiert hatten, stellte sich ihnen ein mit vier Personen besetzter Jeep in den Weg. Drei Attentäter sprangen aus dem Fahrzeug. Während zwei von ihnen die Reifen der Fahrzeuge zerschossen und dem dritten Mann Feuerschutz gaben, ging dieser zu dem Auto, in dem sich Bernadotte befand, und tötete den Schweden ebenso wie einen neben ihm sitzenden französischen Offizier mit zahlreichen Schüssen aus einer Maschinenpistole.

Auftraggeber und Ausführende des Attentats waren Mitglieder der Kampf- und Terrororganisation Lochamei Cherut Jisrael (Kämpfer für die Freiheit Israels), die nach den Anfangsbuchstaben ihres hebräischen Namens üblicherweise als Lechi bezeichnet wurde. Diese Gruppe, vermutlich nur einige hundert Kämpfer stark, hatte sich 1940 von einer ähnlich operierenden Organisation, der Irgun Tzwai Le’umi, meist nur Irgun genannt, abgespalten. Ein zentraler Streitpunkt war, dass die Irgun-Führung für die Zeit des Krieges gegen Deutschland einen Waffenstillstand mit der britischen Mandatsmacht angeordnet hatte, an den sich Lechi jedoch nicht halten wollte.

Mitwisserschaft?

Nach gegenwärtigen Erkenntnissen war die Tötung Bernadottes am 10. September 1948 von der dreiköpfigen Lechi-Spitze beschlossen worden. Einer der drei war Jitzchak Schamir, der später, zwischen 1986 und 1992, als Premierminister amtierte. Der entscheidende Grund für den Mordbefehl war wahrscheinlich die Sorge, dass die israelische Regierung den Empfehlungen aus dem ersten Friedensplan des UN-Vermittlers, insbesondere hinsichtlich des Status von Jerusalem und der Rückkehr arabischer Flüchtlinge, folgen könnte.

Die israelische Regierung distanzierte sich und nahm das Attentat zum Anlass, Lechi zur Terrororganisation zu erklären und zu zerschlagen. Die Kämpfer wurden systematisch entwaffnet, viele von ihnen zunächst festgenommen, einige wegen anderer Delikte zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Durch eine am 14. Februar 1949 verkündete Amnestie kamen allerdings alle inhaftierten Lechi-Mitglieder wieder frei. Die Mörder Bernadottes wurden niemals angeklagt.

Es ist bis heute ungeklärt, ob das Attentat von Personen im Staatsapparat gebilligt und begünstigt worden war. Nur so wäre zu erklären, dass die Auftragsmörder genau über die Route und den Zeitplan von Bernadottes Konvoi, in dem sich eine unvorhergesehene Veränderung ergeben hatte, informiert waren.

1980 führte das israelische Verteidigungsministerium als militärische Auszeichnung das Lechi-Band ein. Es steht allen ehemaligen Mitgliedern der Organisation oder, sofern sie selbst nicht mehr leben, ihren Angehörigen zu.

Es ist unbestreitbar, dass keine Lösung gerecht und vollständig sein kann ohne die Anerkennung des Rechts der arabischen Flüchtlinge, in ihre Heimatorte zurückzukehren, aus denen sie durch (…) den bewaffneten Konflikt zwischen Arabern und Juden (…) vertrieben wurden.

Die Mehrheit dieser Flüchtlinge kam aus Gebieten, die gemäß der Resolution der UN-Vollversammlung vom 29. November (1947) Teil des jüdischen Staaten werden sollten. Die Flucht palästinensischen Araber wurde verursacht durch Kämpfe in ihrem Umfeld, durch Gerüchte über wirkliche oder angebliche Terrorakte oder durch direkte Vertreibung.

Es wäre ein Verstoß gegen elementare Rechtsgrundsätze, wenn diesen unschuldigen Opfern des Konflikts das Recht verweigert würde, in ihre Wohnorte zurückzukehren, während jüdische Einwanderer nach Palästina einströmen. Verbunden damit ist zumindest die Gefahr einer endgültigen Verdrängung der arabischen Flüchtlinge, die in diesem Gebiet jahrhundertelang verwurzelt waren.

Es gibt zahlreiche Berichte aus zuverlässigen Quellen über Raub und Plünderungen im großen Maßstab und über die Zerstörung von Dörfern ohne ersichtliche militärische Notwendigkeit. Die Verpflichtung der Provisorischen Regierung Israels, Privateigentum an seine arabischen Besitzer zurückzuerstatten und die Besitzer für mutwillig zerstörtes Eigentum zu entschädigen, ist eindeutig und unabhängig von Entschädigungen, die die Provisorische Regierung vielleicht von den arabischen Staaten fordern wird.

Aus dem Bericht Folke Bernadottes an die UN-Vollversammlung vom 16. September 1948


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