Aus: Ausgabe vom 15.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Anstreicher, Vertreter, Tellerwäscher

Zwischen traditioneller algerischer Musik und Punk: Rachid Taha ist tot

Von Gerrit Hoekman
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Zeit seines Lebens ein politischer Künstler: Der Sänger Rachid Taha

»Postmodernen, nordafrikanischen Tanzpunk« nannte die US-amerikanische Tageszeitung The New York Times einmal den Musikstil von Rachid Taha. Da ist etwas dran, denn die britische Punkband »The Clash« gehörte zu den großen Vorbildern des Musikers, der 1958 in Algerien geboren wurde und ab seinem zehnten Lebensjahr in Lyon aufwuchs. »Seine grimmige Mischung aus Rai, Stadion-Rock, Electronica und Agitprop ist ein Genre für sich«, so die NYT.

Als »The Clash« 1981 im Théâtre Mogador in Paris auftraten, steckte ihnen der damals 23jährige Taha ein Demoband zu. Die Briten nahmen aber keinen Kontakt zu ihm auf. »Dann, einige Monate später, hörte ich ›Rock the Casbah‹«, erzählte Taha vor vielen Jahren in einem Interview der britischen Tageszeitung The Guardian. »Vielleicht haben sie es sich doch angehört.« Das Stück wurde einer der größten Hits der Band aus London, und wer weiß, eventuell haben sich Joe Strummer und Co. wirklich durch die Musik von Rachid Taha inspirieren lassen.

Taha war Zeit seines Lebens ein politischer Künstler. Seine Texte waren vom britisch-jamaikanischen Reggae- und Dub-Poeten Linton Kwesi Johnson beeinflusst. Seine erste in Lyon gegründete Band nannte er »Carte de Séjour«, zu deutsch »Aufenthaltsgenehmigung«. In den teils französischen, teils arabischen Songs ging es um die Situation algerischer Migranten in Frankreich, um den alltäglichen Rassismus in der Gesellschaft, die Benachteiligung der Araber, die Hoffnungslosigkeit der Jugend in den Vororten.

Schnell wurden »Carte de Séjour« zum musikalischen Aushängeschild der französischen »SOS Racisme«-Bewegung. Auf ihrem zweiten Album, das 1986 herauskam, coverte die Band auch »Douce France«, den alten Gassenhauer der Résistance, was manche Franzosen angesichts der arabischen Klänge als ironische Provokation empfanden. Die meisten Radiostationen weigerten sich, das Lied zu spielen.

Die Gruppe schlug musikalisch eine Brücke zwischen der traditionellen algerischen Musik und westlichen Stilen wie Rock und Punk. Besonders deutlich zu hören ist der Einfluss, den der Rai auf die Band hatte, eine Art Sprechgesang, der an Hiphop erinnert, aber deutlich älter ist.

Ab den 1980ern wurde Rai, was auf Arabisch »Ansicht« oder »Standpunkt« bedeutet, zur Protestmusik der algerischen Jugend. Die Texte waren mäßig politisch, aber teilweise recht freizügig, was die Islamisten in Algerien aufbrachte. Protagonisten des Rai wie Cheb Khaled mussten das Land schließlich Richtung Frankreich verlassen, weil sie Morddrohungen erhielten.

»Carte de Séjour« ernährte die Musiker leider nicht, Rachid Taha arbeitete nebenbei als Anstreicher, Vertreter und Tellerwäscher. Nach dem dritten Album 1987 löste sich die Band auf, und Taha startete ein Solokarriere. Er zog von Lyon nach Paris, in das Viertel Barbès, in dem überwiegend Einwanderer aus dem Maghreb und Westafrika wohnen.

1998 gelang ihm mit dem Album »Diwan« ein erster kommerzieller Erfolg. Die Scheibe ist eine Hommage an den alten algerischen Schlager. Das ausgekoppelte Cover »Ya Rayah« kletterte bis auf Platz Elf der französischen Hitparade. Der kurz darauf erschienene Livemitschnitt »1, 2, 3 soleils« fand ebenfalls große Beachtung. In dem in Paris aufgenommenen Konzert teilt sich Taha die Bühne mit den Stars der Rai-Musik, Faudel und Cheb Khaled.

Inhaltlich setzte sich Rachid Taha zunehmend auch mit den politischen Verhältnissen in seinem Geburtsland Algerien auseinander. Er sang über Korruption, Repression und in »Barra, Barra« (Alle raus!) über den Bürgerkrieg gegen die Islamisten der Islamischen Heilsfront (FIS), der Anfang der 1990er das Land heimsuchte.

Rachid Taha starb in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in Paris an einem Herzinfarkt. Am 19. September wäre er 60 Jahre alt geworden. Algerien und Frankreich verneigen sich vor einem großen Musiker.


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