Aus: Ausgabe vom 15.09.2018, Seite 8 / Kapital & Arbeit

»Medikamente dürfen kein Luxus sein«

Einspruch gegen europäisches Patent auf Wirkstoff gegen Hepatitis C abgewiesen. Berufung angekündigt. Gespräch mit Marco Alves

Interview: Gitta Düperthal
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»Leben hat keinen Preis«: Demonstranten vor dem Europäischen Patentamt in München (13.9.18)

Am Donnerstag hat das Europäische Patentamt in München einen Einspruch mehrerer Organisationen, darunter »Ärzte ohne Grenzen«, abgewiesen. Dabei ging es um das Patent des US-amerikanischen Pharma-Unternehmens Gilead auf ein Hepatitis-C-Medikament. Wie bewerten Sie das?

Derzeit sind wir noch in der Auswertung der Begründung dafür, das Patent weiter aufrechtzuerhalten. Die Bewertung der Entscheidung wiederum ist klar: Wir sind zutiefst enttäuscht über die Entscheidung des Patentamts. Man kann an dem Fall erkennen, wie stark Pharmaunternehmen dazu in der Lage sind, das Patentsystem auszuhöhlen und für sich zu nutzen. Das Patent hätte aus unserer Sicht nie erteilt werden dürfen. Wir werden auf jeden Fall in Berufung gehen.

Es ist völlig klar, dass Gilead mit seinen völlig überhöhten Preisen seine Monopolsituation ausnutzt. Menschen, die das Medikament dringend benötigen, wird dadurch der Zugang verwehrt.

Um was für ein Medikament handelt es sich genau?

Dieses Medikament gegen Hepatitis C, das den patentierten Wirkstoff Sofosbuvir enthält, steigert die Heilungschancen auf mehr als 90 Prozent. Anders als vorherige Präparate ist es einfach oral zu verabreichen. Es hat eine verkürzte Behandlungsdauer von nur zwölf Wochen und weniger Nebenwirkungen. Da das Medikament in einigen Ländern extrem teuer ist, ist der Zugang dort nur eingeschränkt möglich. Mit Hepatitis C infizierte Menschen wird teilweise signalisiert, zwar krank zu sein – aber nicht genug, um das teure Medikament zu erhalten.

Was kann einem Patienten passieren, wenn er keine Therapie bekommt?

Hepatitis C ist eine Leberentzündung, die chronisch werden kann. Zunächst sind nur die Symptome der Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen zu merken. Die laufende Entzündung der Leber steigert sich mit Übelkeit, Erbrechen, Fieber, stärkeren Schmerzen. Bis dahin, dass sich Krebs entwickeln kann oder die Leber ihre Funktion ganz aufgibt – und Menschen sterben.

Wie teuer ist das Medikament?

Die Preise sind in den Ländern Europas sehr unterschiedlich. Die Behandlung mit Sofosbuvir kann bis zu 43.000 Euro kosten. In Deutschland haben etwa 300.000 Menschen eine Hepatitis-C-Infektion. Würden die Krankenkassen sie alle mit dem Wirkstoff versorgen, würde das nach Schätzungen zu Kosten von rund zehn Milliarden Euro führen – das entspricht etwa einem Drittel des gesamten Budgets der Kassen im Jahr 2016. Dies ist selbst in den Gesundheitssystemen im globalen Norden nicht mehr finanzierbar.

Weshalb kostet die zwölfwöchige Behandlung in einigen Ländern nur 52 Euro?

Das sind Länder, in denen kein Patentschutz für Sofosbuvir besteht. Unter bestimmten Bedingungen können wirkstoffgleiche Medikamente, sogenannte Generika, legal produziert und günstiger gehandelt werden. Ein patentgeschütztes Präparat darf wiederum nicht kopiert und dann verkauft werden. Der Hersteller kann so exorbitante Preise verlangen, weil er eine Monopolstellung auf dem Markt hat – so wie Gilead. In Ländern wie Ägypten, die den Patentantrag abgelehnt hatten, gibt es das Problem nicht.

Ein Sprecher des Europäischen Patentamtes hatte im Vorfeld betont, in der Verhandlung gehe es nur darum, ob das Patent »aus rein technischer Sicht« zu Recht vergeben wurde. Wie sehen Sie das?

Überhöhte Preise treffen uns als Hilfsorganisation massiv, weil wir so viele Patienten wie möglich behandeln wollen. Es hat auch klar eine politische Dimension. Medikamente dürfen kein Luxus sein, sondern sind ein Menschenrecht, um ein würdevolles, gesundes Leben führen zu können.

Was muss die Bundesregierung unternehmen?

Die Bundesregierung sollte Diskussionen über Monopolstellungen von Pharmaunternehmen in Europa unterstützen. Länder wie Großbritannien, Frankreich, Griechenland, Portugal und Italien stehen vor großen Herausforderungen, wenn sie notwendige Medikamente nicht mehr finanzieren können.

Marco Alves ist Koordinator der Medikamentenkampagne von »Ärzte ohne Grenzen« in Deutschland


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