Aus: Ausgabe vom 15.09.2018, Seite 7 / Ausland

Der Osten ist oliv

Russland hält in Sibirien mit chinesischer Beteiligung größtes Manöver seit 1981 ab

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Chinesische Soldaten haben am Donnerstag auf dem Übungsgelände »Tsugol« in Ostsibirien Aufstellung genommen

Für eine Woche sind derzeit Sibirien und Russlands Ferner Osten fiktiver Kriegsschauplatz. Fast 300.000 Soldaten des Zentralen und des Östlichen Militärbezirks sind für das Manöver »Wostok 2018« (Osten 2018) mobilisiert worden. Die am 11. September begonnene siebentägige Übung umfasst Land-, Luft- und Seestreitkräfte, darunter Schiffe der Nord- und der Pazifikflotte, die sich östlich der Halbinsel Kamtschatka Scheinkämpfe liefern. Es ist nach offizieller Darstellung das größte Manöver in dieser Region seit 1981. Zentrum ist der Truppenübungsplatz Zugol östlich des Baikalsees. Zu diesem Teil des Manövers steuert auch China 3.200 Soldaten der Volksbefreiungsarmee mit Panzern und Flugzeugen bei.

Es ist neu, dass russische und chinesische Soldaten in so relativ großer Zahl miteinander üben. Bisher waren gemeinsame Manöver wesentlich kleiner. Die Chinesen sind nach Moskauer Angaben voll in die Leitung der Übung einbezogen. Die Volksbefreiungsarmee soll offenbar von Russland dessen in Syrien gewonnene Erfahrung in moderner Kriegführung abschauen. Beijing ist seit einiger Zeit bestrebt, seine zahlenmäßig starke Armee nicht nur technisch zu modernisieren, sondern ihr auch praktische Einsatzerfahrung zu verschaffen. So hatte China immer wieder Interesse bekundet, im Rahmen einer eventuellen Friedenstruppe für Syrien einen größeren Beitrag zu leisten.

Dass sich Russland bei dem Manöver »Wostok 2018« von China so umfangreich in die Karten schauen lässt, zeigt, dass sich beide Länder zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht als Bedrohung sehen. Im Gegenteil: Deren politisches Schutz- und Trutzbündnis soll offenbar auf symbolischer Ebene um eine militärische Komponente ergänzt werden. Die offizielle Partnerschaft verdeckt aber auf russischer Seite nicht Bedenken über die strategische Lage im Fernen Osten. Militärfachleute bezeichnen die Ausrüstung des dortigen russischen Militärbezirks als »antiquarisch«. Noch seien Panzer und Schützenpanzer aus Sowjetzeiten im Einsatz, an die sich die Soldaten in den der NATO unmittelbar gegenüberstehenden Militärbezirken West und Süd kaum noch erinnern könnten, schrieb Alexander Chramtschichin im Sommer beim Internetportal Sputnik. Auch der zentrale Militärbezirk – er umfasst West- und Zentralsibirien vom Ural bis zum Baikalsee – sei gegenwärtig stiefmütterlich ausgestattet. Das sei nur dadurch vertretbar, dass dieser Teil Russlands im Augenblick keinen militärischen Bedrohungen ausgesetzt sei.

Wenn Russland jetzt bei dem Manöver auch gegenüber China seine militärischen Optionen demonstriert, dann hat das allerdings einiges mit der geopolitischen Gesamtlage an Russlands Pazifikküste zu tun. Das Östliche Wirtschaftsforum in Wladiwostok, das diese Woche gleichzeitig mit dem Manöver stattfand, demonstrierte zwar wieder grandiose Pläne. Aber die meisten Projekte betreffen wieder nur den Rohstoffabbau, ändern also an der strukturellen Hauptschwäche der russischen Wirtschaft wenig. Die geringe Bevölkerungsdichte im russischen Fernen Osten kontrastiert deutlich mit der intensiven Nutzung Nordchinas.

Nicht voran kommen überdies die russischen Bemühungen um einen Ausgleich mit Japan, das die russisch-chinesische Annäherung misstrauisch beäugt. Als Präsident Wladimir Putin dem in Wladiwostok anwesenden japanischen Ministerpräsidenten Abe – für diesen offenbar überraschend – vorschlug, bis zum Jahresende einen Friedensvertrag ohne Vorbedingungen zu schließen, lehnte der ab. Erst müsse über den Status von vier Kurilen-Inseln eine Einigung erzielt werden, über die beide Länder seit 1945 streiten. Die Sowjetunion hatte sie 1945 von Japan annektiert, nachdem sie in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs noch gegen Japan aktiv geworden war. Größeren wirtschaftlichen Wert haben die vier Vulkaninseln nicht. Ihr Vorteil für Russland liegt indes darin, dass sie die Ausfahrt von Wladiwostok in den offenen Pazifik ermöglichen. Japan ist umgekehrt nicht bereit, Russland zu garantieren, dass im Falle einer Rückgabe der Inseln dort keine US-Stützpunkte eingerichtet würden.


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