Aus: Ausgabe vom 14.09.2018, Seite 15 / Feminismus

Emanzipation in früherer IS-Hochburg

Rakkas Frauen beginnen, sich zu organisieren und übernehmen Funktionen in der syrischen Stadt, die vier Jahre von Dschihadisten besetzt war

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Kämpferin der SDK mit dem Banner der syrisch-kurdischen Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) am Tag nach der Befreiung von Rakka im Oktober 2017

Frauen übernehmen im nordsyrischen Rakka, der ehemaligen Hochburg der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS), nach und nach wichtige Funktionen. Nach einem Bericht der kurdischen Nachrichtenagentur ANF, der am Dienstag auf Deutsch veröffentlicht wurde, begannen Frauen nach der Befreiung der Stadt durch die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) im Oktober 2017, sich dort an neu gegründeten Volksräten und Komitees zu beteiligen.

Allen Zerstörungen zum Trotz gründeten sie autonome Fraueneinrichtungen, Räte und Kommunen. Auch die Zabita, die Ordnungskräfte der Stadtverwaltung von Rakka, bestünden nun zu knapp einem Drittel aus Frauen. »Es mussten sehr viele Unterdrückungsstrukturen und traditionelle Sichtweisen durchbrochen werden, damit Frauen ihre historische Rolle in der Gesellschaft spielen können«, erklärte die Kovorsitzende des Zabita-Komitees, Seher Al-Ei, laut ANF die Ausgangssituation. Bereits im August war in Rakka ein Frauenzentrum eröffnet worden. Schon vor der Befreiung der Stadt hatte sich 50 Kilometer nördlich von ihr in Ain Issa ein »Ziviler Rat von Rakka« gegründet und für die Zeit nach der US-Besetzung beschlossen, dass »die Frauen und die Jugend« eine Vorreiterrolle beim Aufbau von Selbstverwaltungsstrukturen spielen sollten. An dem Gründungskongress hatten neben SDK-Vertretern Delegierte der arabischen, kurdischen und turkmenischen Bevölkerung Rakkas teilgenommen. Der Rat bekam eine Doppelspitze aus einer Frau und einem Mann, wie es bereits in den Gremien des nordsyrischen Selbstverwaltungsgebiets Rojava üblich war.

Rakka war Mitte 2013 von den Dschihadisten eingenommen worden. Vor dem Krieg hatte die Einwohnerzahl bei mehr als 220.000 gelegen. Das änderte sich durch Massenflucht und Kriegshandlungen. Neuere Schätzungen gehen von rund 61.000 Bewohnern aus. Den SDK gelang es im Oktober 2017 mit Luftunterstützung der USA und der internationalen »Anti-IS-Koalition«, die Dschihadisten aus Rakka zu vertreiben. Große Teile der Stadt waren danach zerstört – ein syrischer Journalist sprach im Dezember gegenüber der Taz von 90 Prozent der Gebäude. Tausende Zivilisten waren während der IS-Herrschaft oder durch die Kämpfe um die Stadt umgekommen. Noch Monate später musste mit scharfen Sprengfallen gerechnet werden. (jW)

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