Aus: Ausgabe vom 14.09.2018, Seite 15 / Feminismus

Solidaritätsaktion »Saïda«

Gewalt und Missbrauch auf spanischer Erdbeerplantage: Erntehelferinnen kämpfen für menschliche Arbeitsbedingungen – mit deutscher Unterstützung

Von Eleonora Roldán Mendívil
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Erdbeerernte in Spanien (hier 2009 in Palos de la Frontera)

Die Reportage »Vergewaltigt auf Europas Feldern«, veröffentlicht im April 2018, hat den Berliner Verein Interbrigadas dazu veranlasst, eine Solidaritätsbrigade in die spanische Provinz Huelva zu schicken. Durch Recherchen der Journalisten des Internetportals Correctiv in Kooperation mit Buzz Feed News war der Alltag der Erntehelferinnen aus Marokko und Rumänien in Huelva publik geworden.

Am 25. August machten sich nach Angaben des Vereins sechs junge Menschen aus Deutschland auf den Weg nach Andalusien, um dort die Arbeit der »Sindicato Andaluz de Trabajadores« (SAT) zu unterstützen – mit einem »frisch polierten Bus«, der dort bleiben soll, um die Mobilität der Gewerkschafter in der ländlichen Region zu gewährleisten. Das Fahrzeug trägt den arabischen Frauennamen »Saïda«.

Die Reporterinnen hatten dort mit Dutzenden Frauen gesprochen, die in der rund eine Stunde südwestlich von Sevilla liegenden andalusischen Region als Erntehelferinnen tätig waren. Rund 80 Prozent der importierten Erdbeeren in Deutschland stammen aus genau dieser Gegend. Die Ernte der zarten Beeren ist maschinell unmöglich, da sie sehr schnell beschädigt werden können. Sie müssen also per Hand gepflückt werden. Andalusien ist der größte Erdbeerproduzent Europas. Kilometerweit erstrecken sich Plastegewächshäuser. 300.000 Tonnen Erdbeeren werden hier jedes Jahr mit einem Umsatz von 320 Millionen Euro geerntet. Das Geschäft mit dem »roten Gold« ist lukrativ. In der Erdbeerenernte werden nur Frauen beschäftigt. Es herrscht die Meinung, dass sie sich dieser Arbeit besser anpassen, so Pastora Cordero Zorrilla von der »Federación de Industria de Comisiones Obreras de Andalucía« (Industrieverband der Arbeiterkommissionen von Andalusien). Sie würden viel arbeiten, sich selten beschweren und viel vorsichtiger mit den Beeren umgehen. Die Erntehelferinnen sind in Baracken zwischen den Feldern unterbracht. Hier haben sie keine Verbindung zur lokalen Bevölkerung. Die Arbeiterinnen unterschreiben Dreimonatsverträge. Ihre Überfahrt nach Spanien und ihre Unterkunft werden bezahlt. Für den Rest müssen sie selbst aufkommen. Nur Frauen zwischen 25 und 45 Jahren mit familiären Bindungen werden unter Vertrag genommen. Ausgenommen sind übergewichtige Frauen und Schwangere. Nach Vertragsende müssen sie eigenständig in ihre Herkunftsländer zurückreisen. Die Arbeitswoche umfasst sieben Tage von Montag bis Sonntag. Von 8.00 bis 15.30 Uhr sind sie mit einer halbstündigen Pause auf den Feldern im Einsatz. So steht es im Vertrag. Tatsächlich fangen die Frauen jedoch um sechs Uhr morgens mit der Arbeit an und verdienen gerade mal 30 Euro am Tag. Die Unternehmen bezahlen sie nicht, wenn das Wetter zu schlecht für die Ernte ist oder die Produktion kurzzeitig heruntergefahren wird. Willkürlichen Lohnentzug gibt es auch als Bestrafung für Fehler.

Seit langem erzählen die Erntehelferinnen von Huelva von Schikanen, Vergewaltigungen, Erpressungen sowie verbaler und körperlicher Misshandlung von Seiten der Fahrer, der Vorarbeiter und ihrer Chefs. »Juan schreit, weil wir Arabisch reden, weil wir kein Spanisch können. Er beleidigt uns ständig«, erzählt Sabiha über ihren Chef. Hinzu kommen willkürliche Repressionen wie tagelange Duschverbote. Dies sei »ein Alptraum« bei körperlicher Arbeit und täglich 40 Grad im Schatten. Der Chef schlägt und tritt die Arbeiterinnen, wie Sabiha und ihre Kollegin erzählen. Auch Kalima durchlebte eine Odyssee der Ohnmacht. Neben der täglichen Qual aller Arbeiterinnen in Huelva wurde sie von einem Vorarbeiter vergewaltigt. »Weit weg vom Haus, mitten im Feld. Ich sollte mich hinknien. Er hat mich zum Analsex gezwungen« erzählte Kalima weinend dem Kamerateam von Correctiv. »Ich kannte niemanden. Ich konnte noch nicht mal die Sprache. Er sagte, wenn ich jemandem davon erzähle, wird er uns beide umbringen«.

In Interviews mit Journalisten von Correctiv leugnen und ignorieren Frauenrechtsorganisationen die Situation und Rechte der migrantischen Erntehelferinnen in Huelva. Kein Wunder, dass letztere Angst haben, sich an Gewerkschaften oder andere Institutionen zu wenden. Da sie kein Spanisch sprechen und den Missbrauch vor Gericht nur schwer beweisen können, wenden sich die Frauen auch nicht an die Justiz. Auf die Frage von Correctiv-Reportern nach laufenden Ermittlungen oder Statistiken in bezug auf sexualisierte Gewalt und Missbrauch antwortete ein örtlicher Polizeibeamter in Palos de la Frontera, nahe Huelva: »Sexueller Missbrauch ist keine spanische Sache.« Die Abtreibungsrate in Palos de la Frontera ist jedoch sehr hoch. Die meisten Frauen, die eine Abtreibung vornehmen lassen, sind migrantische Erntehelferinnen, so die örtliche Sozialarbeiterin. Die einzige Gewerkschaft, die sich gemeinsam mit den Erntehelferinnen für die Wahrung ihrer Rechte und menschenwürdige Arbeitsbedingungen einsetzt, ist die SAT. Zehn ehemalige Erntehelferinnen haben die Täter im Frühjahr angezeigt. Sie verloren ihren Arbeitsplatz, mussten in ihre Herkunftsländer zurückkehren oder halten sich ohne Einkommen weiterhin in Spanien auf, um die Gerichtsverfahren verfolgen zu können.

Unterdessen hat die internationalistische Brigade an diesem Freitag einen Termin beim spanischen TÜV, um den Bus »Saïda« möglichst bald einsatzbereit der Gewerkschaft übergeben zu können.

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