Aus: Ausgabe vom 14.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Geschmack aus dem Mund kriegen

Wer will schon wie ein Junkie heißen, der sich in den Kopf geschossen hat? Der Film »Cobain«

Von André Weikard
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»Du musst dir keine Sorgen um mich machen«, sagt Cobains Mutter. »Mach ich mir etwa um dich Sorgen?«

Die Jungs sitzen auf dem Bett. »Ist ein cooler Name, Cobain«, finden sie. Cobain (Bas Keizer) findet das nicht: »Wer will schon wie ein Junkie heißen, der sich in den Kopf geschossen hat?« Damit ist klar, in Nanouk Leopolds Film »Cobain« geht es nicht um die Grunge-Ikone Kurt. Es ist vielmehr wie in dem Johnny-Cash-Song »A Boy Named Sue«, in dem der Vater, kurz bevor er sich aus dem Staub macht, seinem Sohn einen Mädchennamen verpasst, um ihm das Leben extra schwer zu machen. Nur so härtet das Kind ab, dachte der Alte, nur der Mädchenname macht den Jungen zum Mann.

Cobain hat allerdings größere Probleme als seinen ungewöhnlichen Vornamen. Der 15jährige lebt mal bei einer Pflegefamilie, mal kommt er bei einem schmierigen Zuhälter unter. Wer sein Vater ist, weiß niemand. Seine Mutter (Naomi Velissariou) prostituierte sich bereits als Teenagerin, lebt auf der Straße, spritzt Heroin – und ist wieder schwanger.

»Du musst dir keine Sorgen um mich machen«, sagt sie zu ihm. »Mach ich mir etwa um dich Sorgen? Nein. Siehst du.« Obwohl alle ihm raten, sich von ihr fernzuhalten, gibt Cobain seine Mutter nicht auf. Er, der erstarrt, wenn er umarmt wird, kaum spricht, keine Miene verzieht, er besorgt das Methadon, das die Ärztin der Schwangeren verschreibt, er verdient das Geld, von dem er glaubt, dass sein Geschwisterkind es brauchen wird, er trifft Vorbereitungen für die Geburt. Sie, die er nie Mama nennt, sondern immer mit ihrem Vornamen Mia anspricht, leidet an Schwangerschaftsübelkeit und erbricht. Dagegen hilft nur Bier. »Ich muss den Geschmack aus meinem Mund kriegen.«

Er, der nie beschützt wurde, nimmt in Schutz, weil er es für richtig hält und für seine Pflicht. Nicht mehr. Auf die Spitze treibt Regisseurin Leopold das unbeirrbare Gewissensheldentum Cobains in einer der Schlussszenen. Die ist blutig und verlangt dem Publikum einiges ab. Bei der Erstaufführung auf der Berlinale wendeten sich Zuschauer ab, schlossen die Augen, einige standen sogar auf und verließen den Saal.

»Cobain« ist ein Sozialdrama, eine Genrebezeichnung, die für Filme der belgischen Dardenne-Brüder erfunden wurde oder die von Ken Loach. Er ist aber keine Elendsschau. Der Schmutz der hässlichen Umstände perlt an Cobain ab. Er wirkt wie ein Heiliger, der, von irgendwoher eingeflüstert, unbeirrt das Richtige tut. Ein Kind zu retten, obwohl er doch selbst eines ist, das gerettet werden müsste, und sich dabei gleichzeitig auch von der Mutter abzunabeln, das führt tief in das Seelenleben des Heranwachsenden hinein.

Es geht um mehr als eine Art von Abhängigkeit, mehr als eine Art von Liebe. Laiendarsteller Keizer trägt mit einem intuitiv reduzierten Spiel dazu bei, den Zuschauer zu fesseln. Ganz nah folgt die Kamera ihm. Kaum eine Szene, in der er nicht im Bild ist.

Die Niederländerin Nanouk Leopold, die während der Recherche zum Film Obdachlosenunterkünfte besuchte, um herauszufinden, wie die Menschen reden, wie sie sich kleiden, ist dem Milieu nicht unbedingt nahegekommen. Die Sprinterfahrten zum Lkw-Parkplatz, auf dem der Goldkettchenzuhälter seine Huren ausschwärmen lässt, genügen dafür nicht. Dennoch schimmert in ihrer Arbeit beständig eine Liebe zum Menschen, zum einfachen Menschen durch. Die Schlacht, in die Leopold ihren Cobain mit ausrasiertem Nacken und hochgebundenem Zopf schickt wie einen Shaolinkämpfer in ein einsames Gefecht, kann er nicht gewinnen. Und gewinnt sie doch.

»Cobain«, Regie: Nanouk Leopold, Niederlande/Belgien 2018, 94 min, Start: 13.9.

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