Aus: Ausgabe vom 14.09.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Gas, Kupfer, Soja

Fixierung auf Rohstoffe: Beim Wirtschaftsforum in Wladiwostok präsentiert Russland Pläne für den Fernen Osten

Von Reinhard Lauterbach
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Zwei Chefköche bereiten Großes vor: Xi und Putin in Wladiwostok. Die Kellner-Frage ist noch ungeklärt

In Wladiwostok versammelten sich vom Dienstag bis Donnerstag Politiker und Geschäftsleute zum diesjährigen »Östlichen Wirtschaftsforum«. Bei dieser Konferenz begegnen sich regelmäßig Staats- und Regierungschefs der meisten Länder des Fernen Ostens und Repräsentanten Russlands. Wladimir Putin traf hier zum zweiten Mal in diesem Jahr seinen chinesischen Amtskollegen Xi Jinping. Aus Japan war Ministerpräsident Shinzo Abe angereist, aus Südkorea der Industrieminister, ebenso sein Kollege als Nordkorea. Vertreten waren auch die Mongolei, Indien und Indonesien. Parallel demonstrierten Russland und China mit dem Großmanöver »Wostok 2018« Waffenbrüderschaft. Von russischer Seite beteiligten sich 300.000 Soldaten.

Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, wurden eine Menge Startknöpfe gedrückt und Grundsteine gelegt. Etwa bei den Aufschlussarbeiten für ein neuentdecktes Kupfererzvorkommen auf der Halbinsel Tschukotka in Russlands subarktischem Nordosten. Ebenso wurde der Bau eines Flüssiggast­erminals auf der Halbinsel Kamtschatka offiziell begonnen. Und schließlich war Putin per Videokonferenz zugeschaltet, als das staatliche Agrarunternehmen »Rusagro« den Produktionsbeginn in dem größten Schweinemastbetrieb der russischen Fernostregion feierte. Diese soll in der Perspektive den gesamten Schweinefleischbedarf der Föderation jenseits des Baikalsees decken und auch das erforderliche Futter für die Tiere selbst produzieren. Falls das Unternehmen Erfolg hat, würde dies die – wegen der enormen Transportkosten – im Fernen Osten höher als in Moskau liegenden Lebensmittelpreise senken. Damit, so hofft die Regierung, könnte auch die Abwanderung aus der Region gebremst werden. Bisher wird Viehfutter für die Farmen im pazifischen Gebiet per Bahn aus dem europäischen Teil Russlands herantransportiert.

Der Start dieser Fleischversorgungsfabrik stellt ein anderes Großprojekt mit geopolitischem Hintergrund in Frage. Russland hat chinesischen Investoren eine Million Hektar Land (das entspricht etwa einem Drittel der Fläche Belgiens) für den Sojabohnenanbau angeboten. China muss die Deckung seines Bedarfs umstellen, nachdem es in Reaktion auf US-Sanktionen und -Strafzölle seinerseits den Import von Sojabohnen aus den USA gestoppt hat. Den größten Teil des dadurch derzeit fehlenden Soja wird wohl Brasilien liefern.

Ob Russland von dem Sojaboom zusätzlich profitieren kann, ist nach Darstellung von Experten zweifelhaft. Erstens ist nicht klar, woher das entsprechende Areal kommen soll – es wäre doppelt so groß wie die gesamte derzeitige Anbaufläche im fernöstlichen Föderationskreis. Von diesen 450.000 Hektar werden in der Region jetzt schon 70 Prozent mit Sojabohnen bestellt, insbesondere für den Export nach China und für den Bedarf veganer Moskauer Yuppies. Das hat alle Merkmale einer Monokultur. Den Anbau extensiv auszudehnen, ist nicht möglich, weil der russische Ferne Osten zwar eine durchschnittliche Bevölkerungsdichte von nur einem Menschen pro Quadratkilometer aufweist, aber viel mehr auch nicht ernähren kann. Denn der größte Teil des Gebietes ist gebirgig oder sumpfig und eignet sich allenfalls für kleinen Gartenbau, nicht aber für industrielle Agrarproduktion. Die fruchtbaren Böden haben längst ihre Eigentümer gefunden. Im übrigen entgeht auch die russische Sojaproduktion nicht den bekannten agrarökologischen Zwängen: Der seit dem Ende der UdSSR stark ausgedehnte Anbau laugt die Böden aus. Der Düngemitteleinsatz pro Hektar hat sich bei dieser Produktion in der Region seit 1990 von 70 auf 300 Kilogramm mehr als vervierfacht. Die Privatbauern, die die auch wertvolle Eiweiße liefernde Pflanze im Auftrag der großen Händler und Weiterverarbeiter kultivieren, unterlassen meist den zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit nötigen Fruchtwechsel. Denn ihnen fehlen im Frühjahr oft liquide Mittel, so dass sie sich gegen Vorkasse verpflichten lassen, auch im laufenden Jahr wieder Sojabohnen anzupflanzen – zum Knebelpreis von umgerechnet 0,25 Euro pro Kilo.

Auch wenn das Vorhaben gelingen sollte, vom Standpunkt Russlands aus ist es nichts als eine Diversifizierung seiner traditionellen Rolle als Lieferant natürlicher oder niedrig veredelter Rohstoffe. Neben Erdöl, Erdgas und Holz nun eben auch Sojabohnen und Kupfererz. Selbst wenn rund um die reichen Öl- und Gasvorkommen auf Sachalin die einstige Straflagerinsel zu einem Archipel des Petrodollar-Wohlstands geworden ist, steht der Sprung auf eine Entwicklungsstufe, in der an der russischen Pazifikküste Produkte mit höherer Wertschöpfung produziert werden, noch aus. Zu diesem Zweck hat Moskau seinen Fernen Osten zum »Territorium überholender Entwicklung« erklärt. Das ist faktisch eine gigantische Sonderwirtschaftszone mit Steuerbefreiungen und Steuerermäßigungen für Investoren, Zollfreiheit für Exporte und mit einer vom Staat geschaffenen Infrastruktur. Die dort initiierten Projekte zielen auf die asiatisch-pazifische Region. So versucht Russland, die Schwierigkeit zu umgehen, die es mit dem Fernen Osten im Rahmen seiner eigenen Volkswirtschaft hat. Der ist von den sonstigen Wirtschaftszentren des Landes so weit entfernt, dass der Transport seiner Produkte dorthin diese unwirtschaftlich macht. Ein zweites, auf Asien zentriertes, Wirtschaftszentrum im Fernen Osten aufzubauen birgt indes die Gefahr, dass gerade bei Erfolg dieses Vorhabens über kurz oder lang dort mit regionalen Autonomiebestrebungen zu rechnen sein wird.

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