Aus: Ausgabe vom 14.09.2018, Seite 8 / Feuilleton

»Ziel ist, mit dem Stück in die Kieze zu gehen«

Ein Theaterstück thematisiert die Ursachen des Notstands an deutschen Krankenhäusern. Ein Gespräch mit Volker Lösch

Interview: Susanne Knütter
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Im besten Fall stößt Theater Debatten an. Es kann auf Dinge aufmerksam machen, irritieren, Meinungen hinterfragen. Theaterregisseur Volker Lösch am 17. September 2014 in Essen

Wo sind die Probleme größer: im Krankenhaus oder am Theater?

Die Gesundheit betrifft natürlich viel mehr Menschen. Insofern ist das ein deutlich größeres Problem. Im Gegensatz zum Gesundheitssystem ist das Theater ja auch nicht privatisiert worden.

Was wollen Sie mit dem Stück »Das Gesundheitstribunal. Wir klagen an!« bewirken?

Das, was Theater im besten Fall bewirken kann, ist Debatten anzustoßen; es kann auf Dinge aufmerksam machen, die vielen in der Konsequenz, in der Ausprägung der jeweiligen Thematik nicht bekannt sind. Im besten Fall führt das zu einer Veränderung von Meinungen und Sichtweisen oder zu Verunsicherung und Irritation, was letztlich auch Offenheit erzeugt.

Auffallend ist hier, dass ein Großteil der Bevölkerung nur wenig Wissen über das Gesundheitssystem hat. Irgendwie spüren alle, die ins Krankenhaus kommen oder die Altenpflege in Anspruch nehmen müssen, dass sich vieles zum Negativen verändert hat – vor allem diejenigen, die noch ein anderes Gesundheitssystem kennen. Aber sie können nicht festmachen, woran das liegt. Und sie nehmen – wie in fast allen anderen gesellschaftlichen Fragen auch – diese Entwicklung als naturgegeben hin.

Wir hoffen natürlich, dass Veränderungsimpulse von dieser Veranstaltung ausgehen. Dieses Schauspiel hat eine spezielle Form, es ist eine Mischung aus politischem Aktivismus und Theater.

Unter anderem arbeiten Sie mit Laiendarstellern. In diesem Fall mit Pflegekräften. War es schwierig, welche zu finden?

Es spielen fünf Schauspielerinnen und Schauspieler und sechs Pflegekräfte mit. Es war sehr schwierig, Pflegekräfte zu finden, da es die Arbeitsbedingungen eigentlich nicht zulassen. Und das Ganze ist ein regelrechtes Harakiri-Unternehmen, weil wir nur zweieinhalb Wochen geprobt haben. Normalerweise hat man für so ein Vorhaben acht Wochen Zeit. Aber die Spieler sind sehr gut, und auch die Laien sind begabt, ich bin da recht zuversichtlich. Sie hatten nur zehn Proben, aber selbst die waren bei dem stressigen Alltag und dem Schichtdienst kaum möglich.

Wie setzen Sie das Thema im Stück um?

Der Autor Ulf Schmidt hat das Stück als fiktive Gerichtsverhandlung geschrieben. Er konfrontiert darin die Befürworter der hiesigen Gesundheitspolitik mit den Kritikern und baut Zeugenaussagen ein. Uns interessiert die dialektische Darstellung beider Positionen, und es ist eine Spielform entstanden, die nicht nur aufklärt, sondern auch unterhält. Zusätzlich haben wir Interviews mit Pflegekräften an den Berliner Krankenhäusern geführt. Aus diesen Gesprächen wurden Texte generiert, die auf der Bühne von den Pflegekräften selber gesprochen werden. Man erfährt also Konkretes aus dem Lebensalltag der Beteiligten im Rahmen einer fiktiven Gegenüberstellung beider Positionen. Das Theoretische wird spielerisch von den Profis verhandelt, das Authentische von den Laien vorgetragen. Am Ende wird das Urteil durch die Zuschauer gefällt.

Das Theaterstück wird im Rahmen des Kongresses »über:morgen« der Rosa-Luxemburg- Stiftung aufgeführt. Man kann wohl davon ausgehen, dass das Publikum sich für die Abschaffung des unternehmerisch geführten Krankenhauses entscheidet. Wären 98 Prozent ein Problem?

Wir haben das Stück als mobiles Theater konzipiert und immer noch das Ziel, damit in die Berliner Kieze zu gehen. Anstelle einer Aufführung, die die Leute ins Theater kommen lässt. Denn dann wird es interessant: Wie stimmen die Zuschauer in Zehlendorf und Wannsee ab und wie in Neukölln oder Schöneberg? Die Ergebnisse werden sicher unterschiedlich sein. Die Aufführungen bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung sind jetzt erst einmal ein Probelauf. Wahrscheinlich werden 90 Prozent für die Abschaffung des Gesundheitssystems stimmen. Aber vielleicht wird es auch ein knapperes Ergebnis, denn die Gegenseite ist argumentativ wirklich nicht schlecht!

Wir hoffen, das Stück in ganz Berlin spielen zu können – auch im Rahmen des »Volksentscheids für gesunde Krankenhäuser«. Mit mehr Wissen über die doch sehr komplexe Thematik kann man einfach besser entscheiden, wie man da abstimmen möchte.

Volker Lösch hat u. a. zahlreiche ­Stücke an den Staatstheatern Dresden und Stuttgart inszeniert und ist Regisseur des Gegenwartstheaters


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