Aus: Ausgabe vom 14.09.2018, Seite 5 / Inland

Der Schein trügt

Arbeitsbedingungen beim Berliner Nahverkehr sind nicht so gut wie ihr Ruf. Brandbrief von Beschäftigten

Von Susanne Knütter
Bevorstehender_BVG_S_30772890.jpg
Die Forderungen der Beschäftigten des Berliner Nahverkehrs sind eingängig: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Eine Betrieb – eine Belegschaft. Rettet unseren Nahverkehr

In einem Brief an die BVG-Vorstandsvorsitzende Sigrid Nikutta und die Geschäftsführerin der Berlin Transport GmbH (BT), Sylke Winter, kritisieren mehr als hundert Beschäftigte des Berliner Nahverkehrs, organisiert bei verschiedenen Gewerkschaften oder unorganisiert, die unhaltbaren Zustände im Berliner öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).

Die Verkehrsarbeiter – zumeist Fahrer und Fahrerinnen – weisen auf die schlechten Löhne und Arbeitsbedingungen hin und fordern ein Ende der Spaltung der Belegschaft. In allen Verkehrsbereichen der BVG leiden »wir« in zunehmend dramatischer Weise unter Personalmangel, defekten Fahrzeugen und Anlagen, extremer Arbeitsverdichtung bei unregelmäßigen Arbeitszeiten, verkürzten Wendezeiten, heißt es in dem Schreiben, das Ende August verfasst und am 11. September veröffentlicht worden ist.

»Bei der BT GmbH handelt es sich um ein Outsourcing-Projekt der BVG, das bereits unter dem schwarz-roten Senat durchgeführt wurde«, erklärte Lothar Erich Kurth, ehemaliger Betriebsrat bei der BT am Dienstag. Wie in vielen anderen Betrieben der öffentlichen Daseinsvorsorge im Verantwortungsbereich des Landes Berlin sei es darum gegangen, den gültigen Tarifvertrag zu unterlaufen. »Ab 2005 wurden dann die Löhne und Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten verschlechtert – mit Einführung des Absenkungstarifvertrags TV-N Berlin bei BVG und BT.

Der nun veröffentlichte Brief ist eine Neuauflage eines ähnlichen Brandbriefes der BVG-Straßenbahnfahrer von Anfang Juli dieses Jahres, wie Kurth im Gespräch mit jW am Donnerstag sagte. Damals antwortete die BVG-Chefin Sigrid Nikutta auf den öffentlichen Brief und räumten Missstände ein. Unter dem Titel »BVG verspricht Besserung für die Tramfahrer« ließ der Rundfunk Berlin- Brandenburg das Management der BVG am 6. Juli ausführlich zu Wort kommen. Kurth hält die positive Berichterstattung für fehl am Platz und zählt die größten Missstände auf: So habe das Fahrpersonal jeden Tag andere Dienste. Seit 13 Jahren hätten die Beschäftigten kein Urlaubsgeld bekommen, neu eingestellte Arbeitskräfte in der Steuerklasse eins kämen z.B. gerade einmal auf 1.200 Euro netto im Monat. Die Beschäftigten müssten gar Kredite aufnehmen, um mit ihren Familien in den Urlaub fahren zu können, teilte Kurth mit. Auch über die hohe Fluktuation bei den Berliner Verkehrsbetrieben müsse man sich da nicht wundern.

Noch schlimmer sei die Situation bei den Beschäftigten der BVG-Tochterfirma BT. 2.000 Kolleginnen und Kollegen sind hier angestellt gegenüber 13.000 bei der BVG direkt. Die Fahrer arbeiten bei ersterer zweieinhalb Stunden mehr, aber verdienen nicht mehr als »Altbeschäftigte« bei der BVG. Die Belegschaft würde so ökonomisch gespaltet. Aus Sicht der Unterzeichner des Briefes könnten die Beschäftigten der BT von heute auf morgen in die BVG überführt werden. »Sie haben die gleiche Ausbildung, machen die gleiche Arbeit«, betonte Kurth. Deshalb lauten zwei Forderungen der Beschäftigten: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit und allen Angestellten der BT müsse ein Arbeitsvertrag der BVG angeboten werden. Die dritte Forderung richtet sich indes gegen die Sparpolitik im öffentlichen Nahverkehr. In dem genannten Brief heißt es: »Ein zukunftsicherer ÖPNV muss sichergestellt werden. Das verlangt die Abkehr von einem Managementdenken, das sich auf den wirtschaftlichen Erfolg einer Firma beschränkt.« Tatsächlich werde aber nicht einmal das Notwendige zur Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs investiert.

Laut Kurth haben die Vorstände von BVG und BT nun zwei Wochen Zeit, auf den Brief zu reagieren, dann würde man die Öffentlichkeit in den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen, höhere und gleiche Löhne einbeziehen. Den Unmut der Nutzer kriegen die Fahrer jeden Tag mit.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Elgin Fischbach, Leimen: EU mitverantwortlich »Dank« einer Sonderregelung im Personenbeförderungsgesetz musste in der baden-württembergischen Großstadt Pforzheim ein ehemaliges kommunales Verkehrsunternehmen bereits endgültig für immer dichtmache...

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland
  • Nächster Prozess gegen Heidelberger Lehrer. AfD klagt wegen angeblicher Störung von Veranstaltung. Ein Gespräch mit Michael Csaszkóczy
    Gitta Düperthal
  • Verfassungsschutzpräsident Maaßen entzweit Koalitionsparteien im Bund
  • Sachsen-Anhalt: Neonazis rufen erneut zu Demonstration am Sonntag in Köthen auf. Polizei ermittelt wegen rechter Straftaten auch in Halle
    Susan Bonath
  • Nach Justizskandal und spätem Leichenfund könnte Mord an Schülerin doch noch aufgeklärt werden
    Claudia Wangerin
  • Bundesverband der IT-Branche sieht Industrie im Visier von Agenten und Saboteuren. Mehrheit der Fälle geht auf das Konto von Mitarbeitern
    Nico Popp