Aus: Ausgabe vom 14.09.2018, Seite 4 / Inland

Neue Spur im »Fall Peggy«

Nach Justizskandal und spätem Leichenfund könnte Mord an Schülerin doch noch aufgeklärt werden

Von Claudia Wangerin
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Bayerische Bereitschaftspolizisten im Mai 2001 auf der Suche nach Peggy Knobloch

Im Fall der getöteten Grundschülerin Peggy Knobloch aus Oberfranken gibt es mehr als 17 Jahre nach ihrem Verschwinden und zwei Jahre nach dem Fund ihrer Knochen im Thüringer Wald eine neue Spur. Die Polizei hat nach eigenen Angaben mehrere Anwesen eines 41 Jahre alten Beschuldigten durchsucht. Der Mann sei bereits früher zum »relevanten Personenkreis« im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Peggy gezählt worden, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. Nun sei er wieder in den Fokus der Ermittler gerückt, weil inzwischen Untersuchungsergebnisse zu Spuren vom Fundort der Knochen vorliegen und frühere Erkenntnisse neu bewertet wurden. Allerdings reichten die Verdachtsmomente wohl nicht für einen Haftbefehl: Der 41jährige sei vernommen und danach wieder entlassen worden, hieß es. »Zum Inhalt der Aussage können wegen der andauernden Ermittlungen keine Angaben gemacht werden«, so die Strafverfolgungsbehörden. Die Durchsuchungen im oberfränkischen Lichtenberg und im rund 50 Kilometer entfernten Marktleuthen hätten bereits am Mittwoch stattgefunden.

Am 7. Mai 2001 war die damals Neunjährige auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Der geistig behinderte Ulvi K. galt bald darauf als Hauptverdächtiger und schließlich als Täter im »Fall Peggy«. Insgesamt 13 Jahre lang wurde ihm das Verbrechen angelastet. Als er 2004 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und in der Psychiatrie untergebracht wurde, fehlte zwar jeder materielle Beweis für den Tod des Mädchens, weil bis dato keine Leiche gefunden worden war – aber angeblich hatte Ulvi K. den Mord gestanden. Welche Vernehmungsmethoden dazu geführt hatten, ist bis heute unklar. Das Aufnahmegerät, das die Polizeibeamten bei der vorausgegangenen Befragung benutzt hatten, lief im entscheidenden Moment jedenfalls nicht. Der Verteidiger sei telefonisch benachrichtigt worden, aber erst eingetroffen, als Ulvi K. sein Geständnis schon beendet habe, sagten die Beamten später aus.

Die Journalisten Ina Jung und Christoph Lemmer recherchierten jahrelang. 2013 wurde ihr Buch über den nach wie vor ungeklärten Mordfall und den Justizskandal zum Nachteil von Ulvi K. veröffentlicht. 2014 wurde er in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen.

Erst Anfang Juli 2016 fand ein Pilzsammler Teile des Skeletts von Peggy Knobloch in einem Waldstück bei Rodacherbrunn in Thüringen – knapp 20 Kilometer von ihrem Heimatort Lichtenberg entfernt.

Am Fundort von Peggys Skelett hatten die Ermittler auch DNA des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt entdeckt. Später wurde dies mit der Verunreinigung eines Geräts der Spurensicherung erklärt, obwohl mehr als viereinhalb Jahre zwischen dem Auffinden der Leiche von Böhnhardt in Eisenach und dem der Knochen von Peggy lagen. Nach Angaben der Ermittler ist eine Täterschaft Böhnhardts auszuschließen. Kurzzeitig war Peggys Tod allerdings auch Thema im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe bestritt dort in einer ihrer schriftlichen Antworten auf Fragen des Gerichts, etwas über den Mord an dem Mädchen gewusst zu haben.

Im April 2017 hatte sich eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern aus Lichtenberg mit einem »Hilferuf« an die Öffentlichkeit gewandt. Darin warfen die elf Unterzeichner den Ermittlungsbehörden gravierende Fehler und Schlamperei vor. Sie sprachen von einem »Polizei- und Justizskandal« und einseitigen Ermittlungen. Viele Hinweise aus der Bevölkerung seien ignoriert worden und Zeugenaussagen aus den Akten verschwunden. Unter den Unterzeichnern waren Lichtenbergs Bürgermeister Holger Knüppel (CSU/Unabhängige Lichtenberger Bürger) und mehrere Stadträte. Der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel wies die Vorwürfe zurück.


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