Aus: Ausgabe vom 14.09.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Ihr Alltag ist dauerhaft davon geprägt«

Geflüchtete leiden unter der Vergangenheit und jetzigen Zuständen. Gespräch mit Silvia Schriefers

Von Milan Nowak
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Ein Flüchtling am 31. Mai 2016 in einem Düsseldorfer Flüchtlingsheim. Vielen machen die fehlende Privatsphäre und die Ausgrenzung zu schaffen

Sie arbeiten als Psychotherapeutin mit Geflüchteten. Warum kommen diese Menschen zu Ihnen?

Zum einen zur Beratung, was sie bei Asylverfahren beachten sollen. Außerdem belastet es sie, in Gemeinschaftsunterkünften mit anderen Menschen auf engem Raum zu wohnen. Viele merken, dass es ihnen psychisch schlecht geht. Sie fühlen sich anders als früher, haben Spannungszustände, Ängste, [...]. Dann kommen sie von selbst zur Beratung oder über Hausärzte oder Sozialarbeiter.

Was macht Ihre Arbeit als Kritische Psychologin mit Geflüchteten aus?

Die Kritische Psychologie sieht Subjekt und Gesellschaft in gegenseitigem Vermittlungsverhältnis. Die Gesellschaft prägt unsere Handlungsmöglichkeiten, aber wir können unsere Lebensbedingungen mitgestalten. Diese Verständnis beeinflusst, wie ich psychisches Leid fasse, die Behandlung plane, Probleme erkenne und wie ich interveniere. Die Menschen kommen nicht zu mir, weil sie zu wenig aushalten oder vermeintlich »verrückt« werden, sondern weil sie unter konkreten Erfahrungen leiden.

Noch bis morgen richten Psychologen und Studenten an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf die Ferienuni Kritische Psychologie aus. Dort referierten Sie am gestrigen Donnerstag über die psychosoziale Situation von Geflüchteten. Was bewirken Gewalterfahrungen, Flucht und Exil?

Dass sie die Heimat verlassen haben und alles, was ihnen dort lieb war, löst bei Geflüchteten starke Trauer aus. Häufig leiden Opfer von Folter, Gewalt und anderen Menschenrechtsverletzungen unter der (nach einer auch psychischen Verletzung auftretenden, jW) Posttraumatischen Belastungsstörung. Doch auch Angststörungen, Depressionen oder (auf Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper beruhenden, jW) psychosomatische Beschwerden können auftreten. Sie fühlen sich nicht mehr sicher in der Welt, trauern über ihren Verlust und fürchten weitere Bedrohung. Nach der Flucht denken viele zuerst, sie seien endlich außer Gefahr. Doch das erlittene Unrecht wird nicht gesehen, zum Beispiel durch Anerkennung in ihrem Aufenthaltsstatus. Statt dessen wird ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt. Und prekäre Unterkunft, Geldmangel und beschränkte Gesundheitsleistungen bedeuten auch alles andere als Sicherheit.

Welche Auswirkungen haben Ausgrenzung und Entrechtung auf die Geflüchteten?

Ihre schwerwiegenden Erfahrungen werden immer wieder »aufgemacht«. Zum Beispiel sagen mir viele Frauen, dass sie sich im Heim nachts nicht alleine auf die Toilette trauen. Weil ihre Ängste stets neu getriggert werden, können sich die Betroffenen nicht beruhigen. Viele beschuldigen sich dann selbst. Das verhindert die Heilung und schmälert die Chancen, hier »anzukommen«.

Angesichts des großen Leids – können die Betroffenen die gesellschaftlichen Ursachen dafür erkennen?

Ihr Alltag ist dauerhaft davon geprägt, darum halten sie es nur schwer aus. Viele wissen nicht, warum sie auf einmal bestimmte Symptomatiken haben. Dann wähnen sie sich nicht mehr stark genug. In der Therapie können wir erlittenes Unrecht als solches markieren, Leidursachen ergründen und trotz Einschränkungen nach Handlungsmöglichkeiten suchen. Geflüchtete können sich zum Beispiel mit anderen austauschen, um zu erfahren, dass es denen ähnlich geht, und sich zusammentun.

Worauf sollte man in der Diskussion über Geflüchtete mehr achten?

Dass man sie wieder als Menschen wahrnimmt. Sie haben gute Gründe, hierherzukommen. In politischen Debatten sind Geflüchtete jedoch inzwischen eher eine abstrakte Kategorie. Statt nach Zahlen und Obergrenzen zu rufen, sollten die Menschenrechte von Geflüchteten anerkannt werden. Man sollte mehr fragen: Was sind ihre Fluchtgründe? Wie geht es ihnen jetzt, und was brauchen sie?

Silvia Schriefers ist Psychotherapeutin bei Xenion e. V. Berlin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAFF) e. V.


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