Aus: Ausgabe vom 13.09.2018, Seite 12 / Thema

In Frieden für Wahrheit und Fortschritt

Die Akademie der Landwirtschaftswissenschaften war eine der größten Forschungseinrichtungen der DDR. Eine neue Publikation stellt ihre Geschichte vor – differenziert und sachlich

Von Hubert Laitko
b.jpg
Der Landwirtschaftsakademie waren zahlreiche Sektionen und Institute angegliedert – Qualifizierung der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen am Institut für landwirtschaftliches Versuchs- und Untersuchungswesen in Jena (7.4.1956)

Der überwiegende Teil der in der DDR betriebenen außeruniversitären Agrarforschung, die das wissenschaftliche Hinterland der landwirtschaftlichen Praxis bildete, war in einer zentralen Institution konzentriert: der 1951 gegründeten Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften zu Berlin (DAL) bzw. der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR (AdL, Umbenennung 1972). 1991 wurde sie unter Berufung auf den Einigungsvertrag per Dekret aufgelöst. Mit am Ende über 12.000 Mitarbeitern (davon 3.400 Wissenschaftlern) zählte sie zu den größten Forschungsorganisationen der DDR. Durch ihre über das ganze Land verteilten Einrichtungen trug sie wesentlich dazu bei, dass die auf genossenschaftlichem und staatlichem Eigentum basierende Landwirtschaft im Verlauf ihrer Entwicklung ein beachtliches Produktions- und Produktivitätswachstum erzielte. Dass das Niveau der Bundesrepublik dennoch nicht erreicht wurde, steht auf einem anderen Blatt und geht weitgehend auf Defizite in der materiell-technischen Ausstattung zurück; ohne die Leistungen der Agrarwissenschaft, die diese Defizite teilweise kompensierten, wäre der Rückstand der DDR im deutsch-deutschen Landwirtschaftsvergleich wohl erheblich größer ausgefallen.

Umfassende Dokumentation

Zur Erforschung der DAL/AdL hat Siegfried Kuntsche, seit Jahrzehnten als Agrar- und Wissenschaftshistoriker bekannt, mit seinem nun vorliegenden Werk einen exzellenten Beitrag geleistet. In zwei Teilbänden mit insgesamt fast eintausend Seiten wird die Geschichte der Akademie in ihrem Gesamtzusammenhang erörtert und dokumentiert. Diese Publikation ist zugleich die erste Darstellung der Geschichte einer wissenschaftlichen Großorganisation der DDR, die von der Gründung bis zur Auflösung reicht. Mehr als ein Dutzend Jahre intensiver ehrenamtlicher Arbeit hat Kuntsche in dieses Vorhaben investiert, das eigentlich ein gut besetztes und angemessen finanziertes Forscherteam erfordert hätte. Entstanden ist eine gediegene Übersicht, die den Charakter eines Kompendiums hat. Künftige Detailforschungen über einzelne Institute, Forschungsrichtungen oder Persönlichkeiten der Akademie finden darin ein solides Fundament.

Der erste Halbband enthält eine chronologisch geordnete Darstellung der Akademiegeschichte und eine ausführliche Zeittafel; beide reichen von 1950 bis 1991. Den größten Teil des zweiten Halbbandes nimmt eine aufschlussreiche Dokumentensammlung ein. Aus der Fülle der von ihm durchgesehenen Archivalien hat Kuntsche 96 Schriftstücke ausgewählt, die bisher größtenteils unveröffentlicht waren und ein lebendiges Bild davon vermitteln, was in der Akademie und in ihrem Umkreis vor und hinter den Kulissen geschah. Man könnte das ganze Werk auch als eine kommentierte und mit einer ungewöhnlich ausführlichen historischen Einführung versehene Dokumentenedition auffassen; diese Sichtweise liegt dem Autor, der zugleich ein versierter Archivar ist, persönlich nahe. Durch Querverweise sind die durchgehende historische Darstellung und die einzelnen Dokumente aufeinander bezogen. Ferner enthält der zweite Halbband ein problemorientiertes Resümee des Verfassers, ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Register. Die großzügige, klare und ästhetisch ansprechende äußere Gestaltung, die dem Leipziger Universitätsverlag zu danken ist, erleichtert die Arbeit mit diesem Werk und lässt sie zu einem intellektuellen Vergnügen werden.

Siegfried Kuntsche vereint in seiner Person zwei Perspektiven: die des forschenden Historikers, der auf die durch Interviews und Gespräche mit zahlreichen Zeitzeugen angereicherte schriftliche Überlieferung und dabei vor allem auf die umfassende Auswertung der einschlägigen Aktenbestände zurückgreift, und die des Insiders, für den die untersuchte Akademie rund ein Jahrzehnt lang unmittelbares Arbeitsumfeld war. Beide Perspektiven ergänzen sich auf glückliche Art: Die schriftlichen Quellen bewahren davor, den eigenen Erinnerungen blind zu vertrauen, und das Insiderwissen hilft, die Vorgänge hinter der vielfach gestanzten und normierten Sprache der Akten zu rekonstruieren.

Hinzu kommt, dass Kuntsche nicht nur eigenes, sondern in erheblichem Maße auch kollektives Wissen aus der von ihm untersuchten Institution zu Gebote stand. Das jähe Ende der Landwirtschaftsakademie hatte viele Wissenschaftler, deren Lebensweg mit dieser Einrichtung verbunden war, zu eigenen historischen Rückblicken mit mehr oder minder ausgeprägten autobiographischen Zügen veranlasst. Dieser Fundus wuchs immer weiter. Auch deshalb hätte eine Geschichte der Akademie mit dem Reifegrad der jetzt vorliegenden nicht schon zwanzig Jahre früher geschrieben werden können.

Die Integration der beiden Perspektiven fördert die Annäherung an die außerordentliche Komplexität des Gegenstandes. Schnellschüsse bei der Be- und Verurteilung der DDR-Geschichte hat es hinreichend gegeben. Jetzt ist differenziertes und vielschichtiges Urteilen angesagt, und der Autor hält sich konsequent an diese Maxime. Überhaupt lässt er lieber »die Fakten sprechen«; insofern ist dieses Werk auch eine Bekundung des Vertrauens in eine kritische Leserschaft und zugleich eine Herausforderung für diese.

Institutionengeschichte

Das Buch ist in erster Linie eine institutionalgeschichtliche Untersuchung der DAL/AdL. Es geht darin weniger um den Inhalt der in ihrem Rahmen geleisteten mannigfachen Forschungsarbeiten als vielmehr um die historische Analyse ihrer Struktur und Funktion, um ihren Platz in der Gesamtgeschichte der DDR und darum, was diese aus einer großen Zahl geographisch verteilter Einheiten bestehende Einrichtung zu einem Ganzen formte. Das war in erster Linie ihre Orientierung auf die Landwirtschaft als ihren Gegenstand und ihren hauptsächlichen Wirkungsbereich – eine grundlegende Sphäre der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens, in der natürliche, technische und sozioökonomische Komponenten zweckmäßig zusammenwirken und die sich auf den Systemzusammenhang der Biosphäre stützt. Damit ist zugleich angedeutet, wie viele und wie unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen bereitstehen und zusammenwirken müssen, um dem Wissensbedarf dieses hochkomplexen gesellschaftlichen Tätigkeitsfeldes zu genügen. Kuntsche zeigt, dass die DAL in der deutschen (nicht nur der ostdeutschen) Agrargeschichte die erste Forschungsinstitution war, die schon von ihrem Ansatz her versuchte, das durch diesen Erkenntnisbedarf nahegelegte Maß an Multidisziplinarität der Zusammensetzung und Interdisziplinarität der Arbeitsweise in einem einheitlichen Rahmen zu verwirklichen. Insofern hätte sie ein unschätzbares Erbe der DDR für das vereinigte Deutschland sein können. Die Darstellung schließt mit einer Skizze der Bemühungen, dieses Erbe wenigstens partiell in den Vereinigungsprozess einzubringen, und der Entscheidung der politisch maßgebenden Kräfte, es auszuschlagen und die agrarwissenschaftliche Forschungslandschaft auch im Osten ausschließlich nach dem von der alten Bundesrepublik vorgegebenen Muster zu gestalten.

Die DAL war in einem für die Agrargeschichte der DDR ausgesprochen sensiblen Zeitabschnitt gegründet worden. Nachdem mit der 1945 begonnenen und 1950 abgeschlossenen Bodenreform durch die Enteignung der Großgrundbesitzer in erheblichem Umfang Großbetriebe aufgelöst und mit der Verteilung des Bodens an Neubauern statt dessen zahlreiche Kleinbetriebe geschaffen worden waren, erfolgte Anfang der 1950er Jahre mit der Orientierung auf die Bildung von Genossenschaften die Wendung zum (Wieder)aufbau großbetrieblicher Strukturen auf neuer sozialer Basis. Wie in der Industrie, so bieten auch in der Landwirtschaft die herkömmlichen Kleinbetriebe nur wenig Ansatzpunkte für die Wissenschaft, während Großbetriebe und deren Vernetzungen ausgesprochen wissenschaftsaffin sind. Die Führung der SED bewies mit ihrer Entscheidung, in der DDR etwa gleichzeitig mit dem Start der Kollektivierung auf dem Lande ein leistungsstarkes integriertes Potential der Agrarforschung zu schaffen, Gespür für diesen Zusammenhang.

Die Notwendigkeit eines solchen Potentials lag auf der Hand, doch für seine institutionelle Ausformung bestanden unterschiedliche Möglichkeiten. Die Entscheidung zwischen diesen Möglichkeiten war ein für das Verhältnis von Wissenschaft und Politik in der frühen DDR außerordentlich aufschlussreicher Vorgang, den Kuntsche sorgfältig nachzeichnet. Zunächst war daran gedacht, der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (DAW) ein agrarwissenschaftliches Forschungszentrum (Zentralinstitut) zuzuordnen. Die DAW war im Prinzip darauf vorbereitet; 1946 hatte sie das Recht erhalten, der akademischen Gelehrtengesellschaft Forschungsinstitute anzuschließen, und 1949 hatte sie eine besondere Klasse »Landwirtschaftliche Wissenschaften« eingerichtet. Es wäre auch denkbar gewesen, beim Landwirtschaftsministerium eine große Ressortforschungseinrichtung ohne Akademiebezug zu gründen.

Tatsächlich aber kam eine dritte Variante zum Zuge: eine Akademie, deren geistiges und personelles Zentrum eine immer wieder durch Zuwahlen ergänzte Gesellschaft hervorragender Gelehrter (Plenum) war. Der Gelehrtengesellschaft waren Institute und andere Forschungseinrichtungen zugeordnet; diese Kombination von Instituten nannte man in der DDR eine Forschungsakademie. Zugleich war sie eine Zweigakademie, da sie im Unterschied zur universal angelegten Akademie der Wissenschaften auf einen konkreten Wirtschaftszweig orientiert war. Eine solche Akademie, die in der deutschen Geschichte ein Novum war, gab es bereits in Moskau, und deren Präsident war der Züchter, Scharlatan und parteilose Stalinist Trofim D. Lyssenko. Unter seiner Leitung wurde diese Akademie zum Zentrum des Kampfes gegen die moderne Genetik im Namen der von ihm verfochtenen pseudowissenschaftlichen »materialistischen Biologie« – eine schwere Hypothek für die weitere Entwicklung der Agrar- und Biowissenschaften in der Sowjetunion. Es war zu erwarten, dass von sowjetischer Seite der von ihr in jeder Hinsicht abhängigen DDR die Übernahme dieser Akademiestruktur nachdrücklich empfohlen werden würde.

Gegen Lyssenko

Statt des Erwartbaren aber gab es eine Sensation. An die Spitze der DAL trat kein Lyssenkoist, sondern der international renommierte Pflanzengenetiker Hans Stubbe, ein unpolemischer, aber konsequenter Gegner der Lehren Lyssenkos. Niemals wurde ein Lyssenkoist Mitglied der DAL, auch wenn diese Irrlehre zu jener Zeit an den Schulen und in den Medien ausgiebig unter dem Schlagwort »Sowjetwissenschaft« propagiert wurde. Zu beachten ist außerdem, dass auch das Organisationsschema der sowjetischen Landwirtschaftsakademie mit dem Lyssenkoismus nichts zu tun hatte. Sie war bereits 1929 gegründet worden, und zwar unter der Präsidentschaft des weltberühmten Pflanzengenetikers Nikolai I. Wawilow, der im Rahmen der stalinistischen Repressalien 1940 unter einer erfundenen Anschuldigung verhaftet wurde und 1942 im Gefängnis umkam. Ein kleiner Kreis führender Fachleute um Stubbe gestaltete das allgemeine Schema für die Bedingungen der DDR konkret aus, und dieser Vorschlag wurde 1951 im wesentlichen unverändert umgesetzt. Die diffizile Behandlung dieses komplexen Geschehens, seiner Umstände und Folgen ist ein Glanzstück der von Kuntsche vorgelegten Untersuchung.

Die Gründung der DAL erfolgte noch zu Lebzeiten Josef W. Stalins. Letztlich muss Walter Ulbricht als Generalsekretär der SED diesen Affront gegenüber Stalins Günstling Lyssenko bei der sowjetischen Führungsmacht verantwortet und durchgesetzt haben. Ein Vorgang dieser Tragweite zwingt geradezu, das Verhältnis von SED und Agrarwissenschaft als ein kompliziertes und vielschichtiges zu betrachten, dem mit einem schlichten Totalitarismuskonzept nicht beizukommen ist. Genau diese Differenzierungsarbeit leistet Kuntsches Akademiegeschichte mit Bravour. Sie verschweigt die Ein- und Übergriffe der Parteiführung und des Parteiapparates mit ihren schädlichen Folgen für die Wissenschaft ebensowenig wie die fördernden Impulse für die Landwirtschaftswissenschaften. Im Kontrast zu den insgesamt eher positiven Noten für die Zeit der Präsidentschaft Stubbes legt Kuntsche beispielsweise eingehend dar, wie das Verhältnis von Akademie und Parteiführung in den 1970er Jahren einen Tiefpunkt erreichte, als der Autokrat Gerhard Grüneberg Sekretär des ZK der SED für Landwirtschaft war. Der gelernte Maurer Grüneberg, der weder über agrarwissenschaftliche Kenntnisse noch über nennenswerte landwirtschaftliche Praxiserfahrungen verfügte, spielte die ihm mit seiner Funktion gegebene Macht gegenüber der Akademie voll aus, und Hans Stubbe, der als parteilose Koryphäe von Weltruf imstande gewesen wäre, unbefangen dagegenzuhalten, war schon längere Zeit im Ruhestand. So setzte Grüneberg, der sich als allmächtiger Gestalter der Agrarpolitik sah, entgegen allen Warnungen aus der Akademie die betriebliche Trennung von Tier- und Pflanzenproduktion durch, an deren antiökologischen Folgen die Landwirtschaft der DDR bis zu deren Ende zu leiden hatte.

Nicht minder aufschlussreich aber ist Kuntsches Schilderung des Wandels im Verhältnis von Parteiführung und Akademie, der fast unverzüglich eintrat, nachdem Werner Felfe den verstorbenen Grüneberg abgelöst hatte. Unter seiner Ägide wurden die schlimmsten Willkürentscheidungen Grünebergs abgemildert oder zurückgenommen. Auch Felfe war kein Agrarspezialist, doch er blieb als ein Funktionär in Erinnerung, der zuhören konnte und Respekt vor der Wissenschaft und ihren Vertretern hatte. Die Akademie konnte in den 1980er Jahren wieder selbstbestimmter arbeiten, als es ihr zuvor möglich gewesen war. Diese und weitere Differenzierungen, die von Kuntsche bis in die Details hinein verfolgt werden, machen eines deutlich: Um dem wirklichen Geschehen in einer Institution wie der Landwirtschaftsakademie näher zu kommen, genügt es nicht, mit Pauschalurteilen über Partei und Wissenschaft zu arbeiten – in vielen Fällen ist es unumgänglich, die Untersuchung bis auf die Ebene einzelner Personen und ihrer habituellen Unterschiede herunterzubrechen.

Unter institutionalgeschichtlichem Aspekt war das Verhältnis zu dem von der SED gesteuerten politischen System der DDR ein für die Entwicklung der Akademie entscheidendes Moment. Die SED-Führung verhielt sich zu ihr, wie überhaupt zur Wissenschaft, grundsätzlich ambivalent. Einerseits förderte sie den Aufbau wissenschaftlicher Kapazitäten, deren Arbeitsergebnisse eine durchgreifende Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft ermöglichen sollten. Andererseits verfolgte sie ein Programm der Transformation der sozioökonomischen Strukturen auf dem Lande, das politisch vorgegeben war, nicht auf Forschung beruhte und zumindest in seinen Grundlagen der wissenschaftlichen Kritik entzogen war. Etwas zugespitzt und in klassischen marxistischen Begriffen ausgedrückt, könnte man sagen, dass die Akademie zwar die agrarischen Produktivkräfte aktiv beeinflussen, die agrarischen Produktionsverhältnisse aber in ihrer von der Partei gesteuerten Struktur und Dynamik als gegeben hinnehmen sollte. Letzteres wirkte hemmend und begrenzend auf ihre Tätigkeit. Für die naturwissenschaftlichen Komponenten der Agrarwissenschaften war der Spielraum wesentlich größer als für ihre gesellschaftswissenschaftlichen. Auch dann, wenn keine Grundsatzkritik an der Parteilinie geübt, sondern lediglich diese oder jene Modifikation vorgeschlagen wurde, führte das zu Maßregelungen. Dieser Widerspruch durchzog die gesamte Tätigkeit der Akademie, und Kuntsche verfolgt ihn bis in die kleinsten Verästelungen hinein.

Politische Einflüsse

Während bis gegen Ende der 1960er Jahre in den Führungspositionen der Akademie (Präsidium, Institutsdirektoren) Mitglieder der SED nur vereinzelt vorkamen, änderte sich das mit dem sukzessiven Ausscheiden der »alten Intelligenz« aus dem Berufsleben und dem wachsenden Zustrom junger Wissenschaftler, die ihre Sozialisation bereits unter DDR-Bedingungen erfahren hatten. So war es auch politisch gewollt. Auf eine Akademie, die überwiegend von parteilosen Gelehrten mit über die DDR hinausreichendem Renommee vertreten wurde, konnte das politische System nur mittels allgemeiner Rahmenbedingungen wie Gesetzen oder Institutionalstrukturen Einfluss nehmen. Diese Rahmenbedingungen waren gewöhnlich für längere Zeit gültig, die Wissenschaftler konnten sich darauf einstellen und Formen entwickeln, in denen sie ihre Interessen gegenüber dem politischen System artikulieren und sich der Möglichkeiten dieses Systems bedienen konnten. Das wechselseitige Verhältnis näherte sich dem von Mitchell G. Ash entworfenen Modell der Wechselwirkung von Wissenschaft und Politik, demzufolge sich beide Seiten als »Ressourcen füreinander« betrachten und jede Seite bestrebt ist, die Ressourcen der anderen für ihre eigenen Interessen zu mobilisieren. Die Gelehrten des Stubbe-Kreises und die Vertreter des politischen Systems verhandelten miteinander »auf Augenhöhe«.

Je höher der Anteil der SED-Mitglieder – generell und vor allem in Leitungsfunktionen – an der Mitarbeiterschaft der Akademie wurde, umso leichter wurde es für die Politik, direkt und operativ in den Betrieb der Akademie zu intervenieren. Das betraf beispielsweise zahlreiche personalpolitische Entscheidungen. Gegenüber solchen irregulären Eingriffen konnte die wissenschaftliche Seite nicht so leicht Anpassungs- und Abwehrstrategien entwickeln, wie es gegenüber den längerfristig geltenden Regelungen und Strukturen möglich war. Sollte in der Führung der SED allerdings jemand geglaubt haben, die Parteimitglieder in der Akademie würden einfach als unkritische Vollstrecker von Weisungen agieren, so war das eine Milchmädchenrechnung. Die Genossen Wissenschaftler waren in der Regel nicht minder hochqualifizierte Fachleute als ihre parteilosen Kollegen, und den Widerspruch zwischen Wissenschaftsbindung und Parteibindung mussten sie immer wieder in und mit sich selbst austragen. Die Unverzichtbarkeit hoher wissenschaftlicher Standards war die Mitgift der Gründergeneration der DAL an diejenigen, die nach ihr kamen. Stubbe hatte den Leitspruch »In Frieden für Wahrheit und Fortschritt« in das erste Statut der DAL geschrieben, und die nachfolgenden Kohorten hielten sich daran, ganz unabhängig von ihrer politischen Bindung und Aktivität. Zudem lässt sich aus manchen der von Kuntsche vorgelegten Dokumente herauslesen, dass es sowohl in der Abteilung Landwirtschaft des ZK als auch im Landwirtschaftsministerium agrarwissenschaftlich kompetente Mitarbeiter gab, die sich in gewissem Maße als Interessenvertreter der Wissenschaft verstanden und auch so handelten.

Abgewickelt

Das alles fand auch eine gleichsam negative Bestätigung: Weder wissenschaftliches Format noch Parteimitgliedschaft bewahrten vor politisch motivierten Maßregelungen, die Karrieren beeinträchtigten oder unterbrachen. Solche Maßregelungen trafen an der Landwirtschaftsakademie Vertreter der »jungen« wie der »alten« Intelligenz, Parteimitglieder wie Parteilose. Die Vielzahl solcher Fälle, die 1989/90 publik wurden, erweckt den Eindruck (ohne ihn hier durch einen Vergleich quantitativ erhärten zu können), dass sich das politische System gegenüber der AdL erheblich mehr disziplinierende Eingriffe erlaubte, als es etwa gegenüber der Akademie der Wissenschaften der Fall war. Ironischerweise endete der historische Weg der AdL mit der Rehabilitierung vieler von solchen Restriktionen Betroffener, ohne dass sich die damit verbundene Hoffnung erfüllte, durch rückhaltlose Auseinandersetzung mit den Lasten der Vergangenheit die Basis für eine Zukunft der Akademie geschaffen zu haben. Jene, die sich aufrichtig bemüht hatten, ihre Akademie für das vereinigte Deutschland fit zu machen, mussten schließlich erleben, dass deren sang- und klangloses Ende weitaus mehr Laufbahnen abgebrochen hat, als zuvor in der DDR politischer Ignoranz und Kurzsichtigkeit zum Opfer gefallen waren. So ist das von Kuntsche vorgelegte Werk nicht allein eine gelungene wissenschaftshistorische Untersuchung, sondern für alle jene, deren Leben mit der Akademie verbunden war, auch ein Monument der Erinnerung.

Siegfried Kuntsche: Die Akademie der Landwirtschaftswissenschaften 1951–1990. Dokumente und Untersuchungen. Zwei Halbbände. Leipziger Universitätsverlag 2017, 973 Seiten, 98 Euro

Hubert Laitko ist Wissenschaftshistoriker. Er war bis zum Jahr 2014 Lehrbeauftragter für die Geschichte der Naturwissenschaft an der TU Cottbus. Er ist zudem Mitglied der Leibniz-Sozietät


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Walter Fauck: DDR-Geschichte Wir brauchen mehr von diesen Beitägen zur »wirklichen« DDR-Geschichte. Bitte rezensiert doch auch das Werk von Hans Kaschade: »Kohle und Energiewirtschaft in der Sowjetisch Besetzten Zone«, Edition Bo...

Ähnliche:

  • Die Reise nach »Neu-Strelitz« (16.08.2018) Vorabdruck. 1957 besuchte der Dramatiker Peter Hacks die UdSSR. In der DDR trat er für ein revolutionäres Theater ein (Teil II und Schluss)
  • »Das Dorf lieferte die Vorlage« (22.06.2013) Gespräch. Zwischen Egon Krenz und Hans Reichelt. Über Walter Ulbrichts Haltung zur Landwirtschaft als sein Experimentierfeld für Demokratie, Bündnispolitik und sozialistische Ökonomie
  • Strategiewechsel (28.01.2013) Geschichte. Der 17. Juni 1953 (Teil I): Nach der vom Westen verhinderten Vereinigung Deutschlands geht die SED den »Aufbau des Sozialismus« bei verschärfter Blockkonfrontation an