Aus: Ausgabe vom 13.09.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Lokführer nicht mehr gefragt

Französische Staatsbahn kündigt Erprobung fahrerloser Personen- und Güterzüge an

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Vollautomatisierung würde auch die Beschäftigten mattsetzen: Züge der SNCF stehen während eines Streiks im Gare de Lyon in Paris (5.12.2014)

Der staatliche französische Bahnbetreiber SNCF will mit Kooperationspartnern aus der Industrie vollautomatisierte Züge auf die Schiene bringen. Bis 2023 sollen Prototypen für Regional- und Frachtzüge entwickelt werden, die ohne Lokführer fahren können. »Das ist ganz klar die Zukunft des Zugs«, sagte SNCF-Chef Guillaume Pepy am Mittwoch in Paris. Die neuen Züge sollen ab 2025 im normalen Verkehr eingesetzt werden. Das Bahnunternehmen, der französische Staat und die Industrie investieren 57 Millionen Euro in die Entwicklung der Prototypen.

Mit der neuen Technik fahrende Züge sollen den Angaben der SNCF zufolge die Kapazität des Bahnverkehrs erhöhen, da dank des geringeren Abstandes bis zu 30 Prozent mehr Züge auf der gleichen Strecke fahren könnten. Außerdem versprechen die Beteiligten des Projekts eine größere Pünktlichkeit. Nach Darstellung Pepys geht es vor allem darum, vorhandene Technologiebausteine zu kombinieren – also etwa auf Erfahrungen aus der Entwicklung fahrerloser Autos und vollautomatischer U-Bahnen aufzubauen. Es sollen keine völlig neuen Züge entwickelt werden, was viel teurer wäre. Basis für den »autonomen« Regionalzug ist ein vorhandenes Modell des Herstellers Bombardier, das dann mit Technik anderer Unternehmen aufgerüstet werden soll. Am Konsortium für den autonomen Frachtzug ist unter anderem der französische Zughersteller Alstom beteiligt, der im kommenden Jahr mit der Bahnsparte des deutschen Siemens-Konzerns fusionieren soll. Am regionalen Passagierzug ohne Lokführer arbeitet neben Bombardier auch der deutsche Automobilzulieferer Bosch mit.

Für TGV-Hochgeschwindigkeitszüge plant die SNCF zunächst nur, Beschleunigungs- und Bremsvorgänge zu automatisieren. Der Lokführer bliebe dabei aber etwa für das Erkennen von Hindernissen zuständig. Weltweit gibt es schon einige führerlose Bahnen. Zumeist sind das aber geschlossene Systeme wie U-Bahnen und Flughafen-Pendelzüge. Autonome Personen- und Güterzüge sind komplexer. Die Züge müssen mit Sensoren und Computersystemen ausgestattet werden, die Hindernisse erkennen und darauf reagieren. »Wir werden den Zug intelligent machen«, sagte Carole Desnost, Entwicklungschefin der SNCF. Auch in der Bundesrepublik wird über die neue Technik nachgedacht. Der damalige Bahn-Chef Rüdiger Grube hatte vor zwei Jahren damit gerechnet, dass spätestens 2023 in Teilen des Netzes vollautomatisch gefahren werden könne. Das wurde allerdings von Experten und Gewerkschaften bezweifelt. In Hamburg soll 2021 die Pilotstrecke für die erste führerlose S-Bahn des Landes in Betrieb gehen, eine Kooperation der Hansestadt mit Siemens und der Deutschen Bahn. Für die Güterbahn-Tochter DB Cargo wurde in München eine vollautomatische Rangierlok getestet. Sie soll bis 2021 serienreif sein. (dpa/jW)

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