Aus: Ausgabe vom 13.09.2018, Seite 4 / Inland

Kaum abschätzbare Folgen

Amselsterben vielleicht nur Vorbote weiterer tropischer Krankheiten in Deutschland

Von Kristian Stemmler
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Mobil und bisher weitverbreitet: Eine Amsel im kasachischen Almaty (Januar 2018)

Der Klimawandel hat klar erkennbare Folgen wie den wärmsten Sommer in Deutschland seit 2003, die Wespenplage oder die vielen Waldbrände. Aber auch viele Veränderungen in der Natur, die von der breiten Öffentlichkeit kaum registriert werden, sind auf die Erwärmung der Erde zurückzuführen. Dazu gehört zum Beispiel das sogenannte Amselsterben, ein Phänomen, das bereits 2011 in Deutschland auftrat und von dem damals nur die Fachwelt Notiz nahm, das inzwischen aber bedrohliche Ausmaße annimmt.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung schlugen das Bernhard-Nocht-­Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg – in Deutschland führend bei der Erforschung tropischer Krankheitserreger – und der Naturschutzbund Hamburg (Nabu) am 23. August Alarm. Das Usutu-Virus, das für das Amselsterben verantwortlich ist, hat sich in diesem Jahr zum ersten Mal massiv in Norddeutschland ausgebreitet, Schwerpunkt ist Hamburg. »Die 2018 bisher gemeldeten Fälle übertreffen die Zahlen aus den Vorjahren deutlich, was für ein besonders starkes Auftreten und für einen Verbreitungssprung des Virus spricht«, wurde Lars Lachmann zitiert, Vogelexperte des Nabu-Bundesverbandes. Durch den warmen Sommer kann sich das Virus besser vermehren.

Für Südwestdeutschland haben der Nabu und das BNITM im Jahr 2016 das Amselsterben genauer untersucht und die Zahlen auf das ganze Land hochgerechnet. Danach gab es in der Zeit vom ersten Auftreten im Jahr 2011 bis 2016 einen Bestandsrückgang der Amsel um 16 Prozent, in absoluten Zahlen sind vermutlich etwa 160.000 Amseln in dieser Zeit an dem Virus gestorben, bei insgesamt acht Millionen Brutpaaren in Deutschland, also um die 16 Millionen Vögel. Der Virologe Renke Lühken vom BNITM bezeichnete diese Entwicklung als besorgniserregend.

Gegenüber jW erläuterte Lühken die Hintergründe des Vogelsterbens, von dem auch einige andere Vogelarten, aber in der großen Mehrzahl Amseln betroffen sind. Ursprünglich komme das Usutu-Virus aus Afrika. Usutu ist ein Fluss in Swasiland, einem Binnenstaat in Südafrika. Sehr wahrscheinlich sei der Erreger über Zugvögel nach Europa eingeschleppt worden. Zuerst sei das Usutu-Virus »in Italien aufgeschlagen«, in Österreich habe es 2003 einen größeren Ausbruch gegeben.

Acht Jahre später sei das Virus nach Deutschland gekommen, breitete sich hier sukzessive von Süden nach Norden aus. 2011 und 2012 waren die Ausbrüche auf Südwestdeutschland beschränkt, dann gab es kleinere Ausbrüche im Osten, Berlin und Leipzig zum Beispiel, dann einen ganz großen Ausbruch in Nordrhein-Westfalen 2016/17. Im vergangenen Jahr sei der Erreger vereinzelt in Norddeutschland geortet worden, in Niedersachsen und in Schleswig-Holstein. »Dieses Jahr gibt es nun zum ersten Mal einen großen Ausbruch in Norddeutschland, Hamburg vor allem. Zugleich ist das Virus nach Bayern rübergeschwappt«, erläutert Lühken.

Das Amselsterben ist nur eine von vielen Folgen des Klimawandels für die Natur, der Nabu Schleswig-Holstein listet auf seiner Homepage etliche auf. Zugvögel wie die Mönchsgrasmücke, vor allem aber »Teilzieher« wie Star oder Rotkehlchen blieben vermehrt im Land und flögen nicht nach Süden. Weißstörche kehrten früher aus dem Überwinterungsgebiet zurück. Statt nach Afrika zu ziehen, suchten einige bereits auf den Müllkippen und in den Reisfeldern Spaniens nach Nahrung. Miesmuscheln, wichtige Nahrungsquelle für Austernfischer und Tauchenten, können sich im Wattenmeer nicht mehr erfolgreich fortpflanzen und drohen auszusterben. Dafür breitet sich die eingeführte Pazifische Auster, der man eine dauerhafte Ansiedlung wegen der harten Winter bei uns nicht zugetraut hatte, immer weiter aus – mit bislang kaum abschätzbaren Folgen für das sensible Ökosystem Wattenmeer.

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