Aus: Ausgabe vom 13.09.2018, Seite 2 / Inland

»Immer wird ein ›Ja, aber‹ formuliert«

Rechter Angriff auf soziokulturellen Klub in Salzwedel mit Verletzten. Kritik an Gleichsetzung mit »linker Gewalt«. Ein Gespräch mit Marian Stütz

Interview: Jan Greve
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Rechte Übergriffe in Salzwedel: Antiisraelischer Spruch nahe einer Synagoge (3.10.13)

In der Nacht von Freitag auf Samstag ist Ihr Klub, das »Hanseat« in Salzwedel, von Rechten angegriffen worden. Von mehreren, mit Baseballschlägern und Äxten bewaffneten Vermummten war die Rede. Was genau ist passiert?

Nach relativ sicheren Erkenntnissen gehen wir bislang von fünf Angreifern aus. Die Szene spielte sich nicht im Laden, sondern davor ab. Ob die Attacke unserem Zentrum galt oder es sich um eine Auseinandersetzung zwischen Einzelpersonen vor unserer Tür handelte, ist bislang unklar. Die Mitarbeiterin, die an dem Abend Dienst hatte, konnte das Ganze nur vom Tresen aus beobachten.

Was genau hat sie gesehen?

Sie konnte sehen, wie mit Gegenständen auf unsere Scheiben eingeschlagen wurde. Später mussten wir feststellen, dass unser Schaukasten zerschlagen wurde. Dort finden sich Informationen zu Öffnungszeiten und unseren Angeboten. Auch eine Scheibe unserer Eingangstür ist zu Bruch gegangen.

Die Polizei berichtet, dass ein 17jähriger Gast Verletzungen erlitt. Zudem habe es an dem Abend zwei weitere Leichtverletzte gegeben.

Bislang habe ich nur von dem 17jährigen mit Platzwunde am Kopf gehört. Der bekam hier bei uns die Erstversorgung seiner Wunde. Der junge Mann soll nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sein.

War es der erste Angriff dieser Art auf Ihren Klub?

Nein, das war es nicht. Anfang der 90er Jahre hat es einen direkten Angriff in unseren Räumlichkeiten gegeben. Damals wurde mit einem Baseballschläger unsere Treseneinrichtung demoliert. Im Laufe der Jahre gab es immer wieder Vorfälle. In unserem Wintergarten hinter dem Haus wurde etwa ein Hakenkreuz eingeritzt. Das war unmittelbar nach einer Demonstration von Rechten durch Salzwedel. Im letzten Jahr ist während des laufenden Betriebs ein Böller in den Klub geworfen worden.

Über rechte Attacken in Salzwedel ist häufiger zu lesen. Im Sommer wurde das autonome Zentrum »Kim Hubert« angegriffen (siehe jW vom 26.7.), ebenso waren Räumlichkeiten der Geflüchteteninitiative »Exchange« oder das Parteibüro von Die Linke Ziel von Rechten. Die Polizei kann diese Übergriffe offenbar nicht verhindern?

Das frage ich mich auch. Am Mittwoch habe ich in der Volksstimme gelesen, dass Polizeichef Sebastian Heutig sich dafür ausspricht, mehr Präsenz in unserer Straße zu zeigen. Dazu muss man wissen: Das AZ Kim Hubert liegt genau gegenüber von unserem Klub, Exchange ist ein paar Meter weiter in der gleichen Straße. Mich regt wirklich auf, dass in dem Zusammenhang immer ein »Ja, aber« formuliert wird – in dem Sinne, dass auch gegen »Gewalt von links« vorgegangen werden müsse. Es hat in unserem Fall aber einen schweren Angriff von rechts gegeben. Da auf angebliche Gewalt von links zu verweisen, geht am Thema vorbei: Es waren keine Linken, die mit Baseballschlägern Scheiben eingeschlagen haben.

Die Polizei hat in der Zwischenzeit einen 19jährigen Tatverdächtigen ermittelt. Der sei »rechts orientiert«, wie ein Polizeisprecher gegenüber jW am Mittwoch bestätigte. Aus Ihren langjährigen Erfahrungen in Salzwedel: Wie steht es dort um die rechte Szene?

Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Wir sprechen mit den Leuten vom autonomen Zentrum oder vom Verein »Miteinander«, der im Landtag von Sachsen-Anhalt von der AfD-Fraktion angefeindet wird. Von vielen Seiten hört man, dass es immer wieder zu Auseinandersetzungen kommt, vorwiegend unter Jugendlichen.

Nach den jüngsten Ereignissen in Chemnitz wurde über die Rolle der AfD diskutiert. Bei der letzten Landtagswahl bekam die Partei in Sachsen-Anhalt gut 24 Prozent der Stimmen. Ist die AfD in den Auseinandersetzungen bei Ihnen präsent?

Personen aus dem rechten Spektrum, die häufig schon der Polizei bekannt sind, werden zunehmend tätig. Das ist klar zu beobachten. Menschen werden körperlich angegriffen. Vorfälle dieser Art häufen sich.

Vor kurzem hat es eine Anfrage eines AfD-Kommunalpolitikers gegeben, dass man das Hanseat gerne für eine Bürgerversammlung anmieten würde. Das habe ich mit dem Verweis abgelehnt, dass unser Klub für Aktivitäten dieser Partei nicht zur Verfügung steht. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die AfD über viele Wege versucht, in kulturelle Räume zu drängen.

Marian Stütz ist Geschäftsführer des soziokulturellen Zentrums »Hanseat«


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