Aus: Ausgabe vom 12.09.2018, Seite 16 / Sport

Kurz geschüttelt – weiter geht’s

Gehirnerschütterungen werden im Fußball immer noch nicht ernst genommen

Von Rouven Ahl
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»Aber ehrlich gesagt war ich völlig neben der Kappe und konnte mich im nachhinein auch nicht an das ganze Spiel erinnern.« Bernd Leno, damals noch für Leverkusen, liegt am Boden

Fußball ist der einzige Kontaktsport, bei dem der Kopf regelmäßig zum Erzielen von Toren genutzt wird. Und das ohne jeglichen Schutz. Fahrlässig, denn bei bis zu einem Fünftel aller Verletzungen ist der Kopf betroffen, wie das Magazin Der Spiegel Anfang Juni schrieb.

Mediziner und Wissenschaftler warnen immer wieder davor, Kopfverletzungen auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn die Folgen können fatal sein, reichen vom Karriereaus bis hin zum zum Tod. Gefährlich wird es vor allem dann, wenn insbesondere Gehirnerschütterungen nicht angemessen behandelt werden.

Wer sich während des Spiels das Bein bricht, wird mit der Bahre vom Platz betragen und läuft später mit einem Gips durch die Gegend. Die Folgen von Gehirnerschütterungen entwickeln sich hingegen erst in einem schleichenden, unsichtbaren Prozess.

Im American Football wurden voriges Jahr endlich die Zusammenhänge zwischen den heftigen Kollisionen auf dem Spielfeld und der Gehirnerkrankung CTE (chronisch-traumatische Enzephalopathie) offiziell anerkannt. Die Krankheit führt zu Gedächtnisverlust, Demenz oder Depressionen. Beim kleinsten Anzeichen einer Kopfverletzung werden die Spieler nun vom Feld genommen. Optimal sind die Verhältnisse dort auch noch nicht. Zumindest aber nimmt die NFL das Problem jetzt ernst.

Im Fußball sieht das bislang anders aus. Selbst bei offensichtlichen Schlägen gegen den Kopf bleiben Spieler auf dem Platz. Sie selbst sind sich der Gefahr meist gar nicht bewusst. Nur in zehn Prozent der Fälle einer Gehirnerschütterungen werden die Betroffenen auch bewusstlos. Für gewöhnlich schüttelt man sich kurz, und weiter geht’s.

Dieses Verhalten wird zumeist auch noch goutiert. Da werden die Profis dann als ganze Kerle gefeiert, die sich von einem läppischen Zusammenprall eben nicht umwerfen lassen. Problembewusstsein? Allem Anschein nach gleich Null. Oder ist der Druck auf die Akteure so groß, dass bei nicht sichtbaren Verletzungen auch nicht reagiert wird? Der Stammplatz könnte ja gefährdet sein.

Wenige Akteure im Fußball äußern sich zu der ganzen Problematik öffentlich. Bernd Leno, Torhüter des FC Arsenal, gab im Sommer an, während seiner Karriere schon dreimal bewusstlos auf dem Rasen gelegen zu haben. Bei einem Vorfall 2016 bekam er einen Ball mit voller Geschwindigkeit direkt ins Gesicht. Leno blieb danach liegen, spielte später trotzdem weiter. »Aber ehrlich gesagt, war ich völlig neben der Kappe und konnte mich im nachhinein auch nicht an das ganze Spiel erinnern.«

Die sogenannte Drei-Minuten-Regel soll Ärzten immerhin ermöglichen, Spieler über diesen Zeitraum zu untersuchen, ohne dass das Spiel fortgesetzt wird. Eingeführt wurde sie 2014, nachdem der Profi Álvaro Pereira nach einem Schlag gegen den Kopf mit Gehirnerschütterung weiterspielte.

Bei richtiger Therapie verheilen 80 bis 90 Prozent der Gehirnerschütterungen vollständig. Ansonsten kann es zu Gehirnblutungen kommen. Aber selbst derartig drastische Konsequenzen wirken auf viele Spieler und Trainer scheinbar nicht abschreckend. Der Marokkaner Nordin Amrabat stand bei der letzten WM nur fünf Tage nach einer erlittenen Gehirnerschütterung wieder auf dem Platz. Zunächst spielte er als Vorsichtsmaßnahme mit einem Helm, den er dann aber bald schon ablegte. Sein Trainer Hervé Renard sagte nach dem Spiel, er sei eben ein »Krieger«, der unbedingt spielen wollte.


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