Aus: Ausgabe vom 12.09.2018, Seite 15 / Antifa

Ultrarechte Strategen

Belgiens »Identitäre« wollen Marsch durch die Institutionen, aber auch auf bewaffneten Kampf vorbereitet sein

Von Gerrit Hoekman
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Protest der rechten Partei Vlaams Belang (Flämische Interessen) gegen eine Moschee in Antwerpen (2011)

»Der Tag der Gewalt wird kommen, und ich weiß, welche Seite vorbereitet sein wird und welche nicht.« Sätze wie dieser, hingeschrieben in einem geschlossenen Chatroom, haben dem 25 Jahre alten Belgier Dries Van Langenhove und seinen Gesinnungsgenossen am Freitag eine Hausdurchsuchung eingebracht. Dies berichtete noch am selben Tag die niederländischsprachige belgische Tageszeitung De Morgen.

Hintergrund war eine Reportage des TV-Magazins »Pano« über die Aktivitäten der identitären Gruppe »Schild en Vrienden« (Schild und Freunde), deren Kopf und Gründer Van Langenhove ist. Die Fernsehjournalisten bewegten sich bei ihren Recherchen in einem Sumpf aus Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus. Das Team hatte sich in den geschlossenen Chatroom eingeschlichen und damit Zugriff auf über 67.000 Beiträge erhalten. Etwa 190 Personen diskutierten unter anderem Pläne, wie die Macht in Flandern zu erreichen wäre. »Es ist Zeit für einen Marsch durch die Institutionen«, schrieb eines der Mitglieder. Die Bewegung müsse Schlüsselpositionen einnehmen.

»Schild en Vrienden« hat sich die Verteidigung des flämischen kulturellen Erbes auf die Fahnen geschrieben, das sie durch Zuwanderung bedroht sieht. Seit ihrer Gründung 2017 ist die Gruppe zunehmend in der Öffentlichkeit sichtbar. Sie sammeln Müll von den Straßen, trinken mit einsamen Senioren eine Tasse Kaffee und starten Aktionen gegen den angeblichen »Kulturmarxismus«. Mit dieser Taktik sind sie innerhalb kurzer Zeit weit gekommen: Vier der acht Mitglieder des Flämischen Jugendrats sollen »Schild en Vrienden« angehören, schreibt De Morgen. Der Rat wird gewählt und soll die flämische Provinzregierung in Jugendfragen beraten.

Als sogenannter »Schachtenmeester« kümmerte sich Van Langenhove beim Katholischen Flämischen Studentenbund früher um die Neumitglieder. Die erzkonservative Studentenverbindung ist laut Beobachtern schon seit Jahren ein Rekrutierungsbecken für Rechtsradikale in Flandern. Interessant: Auch der Bürgermeister von Antwerpen, Bart De Wever, als Chef der Nieuw-Vlaamse Alliantie (Neue Flämische Allianz; N-VA) ein ausgewiesener Nationalist, stammt aus dieser Kaderschmiede rechter Politik.

Die N-VA hat mit ihrer nationalistischen Rhetorik die flämischen Rechtsradikalen aufgepäppelt. Doch De Wever wäscht seine Hände in Unschuld: »Extremismus hat bei uns keinen Platz«, sagte er vergangene Woche. Wirklich? Auf der Liste der N-VA für die kommende Kommunalwahl standen drei Kandidaten, die »Schild en Vrienden« angehören. Letzte Woche traten sie auf Druck der Partei von der Kandidatur zurück. Gleichzeitig brachen rund 20 Mitglieder der Jugendorganisation der N-VA ihre Kontakte zu »Schild en Vrienden« ab – behaupten sie zumindest.

Van Langenhove, ein 25 Jahre alter Jurastudent, der laut De Morgen noch bei seinen Eltern lebt, sieht seine Organisation nach der Razzia vom Freitag laut Facebook-Statement als Opfer einer Verschwörung aus Staat, Justiz und Medien, die seiner Ansicht nach alle »linksextrem« unterwandert sind. »Ich schlage zurück«, sagte er gegenüber der flämischen Tageszeitung Het Laatste Nieuws. Auf Facebook ruft er jetzt zu Spenden auf, um Anwälte bezahlen zu können.

Das wird auch nötig sein, denn laut dem TV-Magazin »Pano« wird in dem Chatroom auf widerliche Weise gegen Afrikaner gehetzt. Sie werden als »faule Typhusneger« beschimpft. Und das ist nicht einmal die schlimmste Entgleisung. Eine Zeichnung zeigt ein afrikanisches Kind, das vor einem bewaffneten weißen Mann flieht. Unfassbare Überschrift: »Wenn du grillen willst, und die Holzkohle läuft weg.« Kein Wunder also, dass Van Langenhove die Chat-Mitglieder scharf anwies, ja keine Screenshots zu machen und mit anderen zu teilen.

Für Liesbeth Homans von der Nieuw-­Vlaamse Alliantie ist selbst das kein Grund, »Schild en Vrienden« ohne Wenn und Aber zu verdammen. »Lassen Sie uns keine Hexenjagd gegen eine Gruppe von Jugendlichen mit einer eigenen Meinung führen«, warb sie am Sonntag in der TV-Sendung »De zevende Dag« um ein bisschen Verständnis für die Identitären. »Wir müssen aber sehr wohl streng sein und Grenzen setzen.« Es müsse eine Debatte über alle Formen von »Extremismus« stattfinden, lenkte sie den Fokus schnell wieder auf links.

Laut »Pano« war Van Langenhove mit einigen Mitgliedern erst vor kurzem zum Üben auf einem Schießstand in Rumänien. Das Fernsehmagazin zeigte ein Foto, das Van Langenhove mit einem Gewehr zeigt, wobei nicht ganz klar ist, ob es sich um eine scharfe Waffe handelt. Der Student bestreitet das auf Facebook. Während seines Besuchs auf dem Balkan traf er in Budapest auch mit dem ungarischen Premierminister Victor Orbán zusammen. »Steht auf und kämpft!«, fordert Orbán die Identitären aus Flandern in einem Video auf Youtube auf. Belgien müsse endlich aufwachen.

Christophe Busch, Direktor des Holocaust-Museums in Mechelen, sieht laut einem Bericht der Tageszeitung De Tijd vom Samstag durchaus die Gefahr einer bewaffneten Auseinandersetzung. »Es wird ein Gruppengefühl rund um eine rechte und konservative Geschichte geschaffen, das immer ex­tremer wird und irgendwann in Gewalt und Terrorismus münden kann.« Der Staat dürfe nicht so lange warten, bis es zu spät sei. Es gäbe inzwischen eine neue Generation extremer Rechter, die sich nach außen hin bewusst salonfähig gebe. Mit Erfolg: Nach der beunruhigenden TV-Reportage bekam die Facebook-Seite von »Schild en Vrienden« innerhalb von nur einem Tag zehntausend neue »Li kes«.

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