Aus: Ausgabe vom 12.09.2018, Seite 12 / Thema

Kämpferische Zwischentöne

Lieder zur Zeit. Nach sechs Jahren hat Kai Degenhardt mit »Auf anderen Routen« ein neues Album veröffentlicht, das musikalisch wie inhaltlich überzeugt

Von Ingar Solty
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Kai Degenhardt steht mit seiner neuen Platte in der Tradition seines Vaters und zeigt sich dennoch ganz eigenständig

Was lange währt, wird endlich gut. Sechs Jahre sind seit dem letzten Album Kai Degenhardts ins Land gezogen. Sechs Jahre, die es persönlich und politisch in sich hatten. Die Hoffnungen auf einen grünen Kapitalismus mit menschlicherem und ökologischerem Antlitz haben sich zerschlagen. Die Krisenkosten sind auf die breite Bevölkerung abgewälzt worden. Die Vermögensungleichheit ist auf dem höchsten Stand seit den 1930er Jahren: Den 45 reichsten Deutschen gehören mit 214 Milliarden Euro, so viel wie den unteren 40 Millionen Menschen in Deutschland; weltweit besaßen im Jahr 2017 die 42 reichsten Milliardäre so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen. Und diese Reichen beeinflussen nicht mehr nur die Politik, sie übernehmen in immer mehr Staaten auch direkt politische Macht. Indes kam es gegen die globalisierte Austeritätspolitik auch zu großen Massenbewegungen. Wir erlebten mit Syriza in Griechenland den ersten Wahlsieg einer linksradikalen Partei in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges, und wir sahen die Kreditstrangulierung dieser Regierung durch die sogenannte Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF. Wir sind ferner Zeugen der Erosion der neoliberalisierten, europäischen Sozialdemokratien geworden, und als einer Konsequenz hieraus: des Aufstiegs der Rechten weltweit und des Einzugs einer in Teilen neofaschistischen Rechtsaußenpartei in den Deutschen Bundestag.

Tänzelnde Schönheit

Kunst und populäre Kultur müssten sich, wollen sie nicht durch Schweigen zu alledem »ja« sagen, wollen sie die Welt um uns erhellen, statt sie zu verdunkeln, zu diesen Entwicklungen verhalten. Wir wissen: Sie tun es nicht. Oder viel zu Wenige tun es. Einer von ihnen ist Kai Degenhardt. Für den politischen Musiker, der diese Entwicklungen mit offenen Augen und wachem Geist verfolgt, bilden sie den Resonanzraum für seine Kunst. Und auch privat hat sich bei ihm viel getan – ein neuer Lebensabschnitt begann: Es ist das erste Album nach dem Ende einer langen Beziehung und Liebe. Sein inzwischen erwachsener Sohn Leo Klose hat diesmal das Albumcover in Öl gemalt. Und so begibt sich Kai auf neue Routen, jedoch ohne kehrtzumachen, denn, wie er in dem sehr persönlichen Stück »Die endlos lange Straße« singt, gilt ohnehin: »Es ist ja auch schon viel zu spät, um umzudrehen.«

Manche der neuen, anderen Routen führen Degenhardt aber nicht nur weiter nach vorne, sondern teilweise auch weit in die Vergangenheit zurück, werkbiographisch wie musikgeschichtlich. Musikalisch ist Kai Degenhardts neues Album ein wahrer Genuss. Seinen Freunden erzählte er immer wieder, er wolle weg vom technisch versierten Mehrebenengitarrensound mit Loops und Effekten, wie er ihn vor allem auf seinem vierten Album »Weiter draußen« (2008) perfektionierte, und zurück zum minimalistischen Livesound. Wäre Degenhardt back to the roots gegangen, dann hätten wir eine Mischung aus Billy Bragg und dem Bob Dylan der zweiten Hälfte der 1960er Jahre erwarten können, jenen recht harten, elektrisch verstärkten, Geschichten erzählenden Gitarrensound seiner ersten beiden Alben »Brot und Kuchen« (1997) und »Dekoholic: von vorgestern nach übermorgen« (1999). Tatsächlich hatte sich mit seinem fünften Album »Näher als sie scheinen« (2012) eine solche Wende angedeutet.

Allerdings kann von Minimalismus keine Rede mehr sein. Statt dessen erinnert das neue Album, eingespielt in kleiner Folkbesetzung, an den warmen, vielschichtigen Sound von Degenhardts »Briefe aus der Ebene« (2003), den der ehemalige Anarchist-Academy-Rapper Hannes Loh im Magazin Intro einmal als »Charme, dem man schnell erliegt«, beschrieb. Ja, »Die Überfahrt« erinnert in seiner tänzelnden Traumhaftigkeit an eines der wohl schönsten Kai-Degenhardt-Lieder, an »Tag im Mai« von eben diesem Album.

Man hört über die kurzweiligen 44 Minuten hinweg eine Unmenge an Klangfarben und Stilrichtungen: elektrisch verstärkte und klassisch gezupfte Gitarren, Schlagzeug, einen jazzigen Kontrabass, Klavier, schwelgende Violinen, warme Bläser wie French Horn und Trompete, sogar Akkordeon und Farfisa-Orgel. Einen großen Anteil an dieser Soundkulisse hat Goetz Steeger, mit dem Degenhardt sein Album eingespielt hat. Degenhardt beherrscht seine Gitarre wie beinahe kein anderer der gegenwärtigen deutschsprachigen Singer/Songwriter. Wir hören klassische Gitarren und nennen sie heute »spanisch«, schlicht, weil man sie bei Degenhardts weitaus erfolgreicheren »Kontrahenten« nicht zu hören bekommt, denn die allerwenigsten spielen so virtuos. Tatsächlich: Das, was man an den späteren Alben von Franz Josef Degenhardt an Wohlklang so sehr schätzte, war eigentlich immer schon der Sohn, der an den Aufnahmen und Auftritten seit den späten 1980er Jahren maßgeblich beteiligt war. Und auch im Verhältnis zu seinem Vater war und blieb Kai stets der bessere Musiker.

Episches Talent

Degenhardt ist ein hervorragender Geschichtenerzähler. Von Bertolt Brecht stammt die Ballade vom Lorbeerbaum und dem Künstler, der aus dem Baum eine Kugel schneiden soll; bis am Ende kein Baum mehr da ist, bis die Form stimmt, aber der Inhalt fehlt. Degenhardt dagegen versteht sich auf beides: Auf Form und Inhalt. Es gibt in der deutschsprachigen Musik nicht viele, die noch wissen, was Inhalt ist. Unter dem Begriff »Deutschpoeten« wird mit Clueso, Gisbert zu Knyphausen, Philipp Poisel oder AnnenMayKantereit heute allerhand vermarktet, was bestenfalls biederes Handwerk und egozentrische Nabelschau ist und schlechtestenfalls zum Typ Schlager gehört, den Jan Böhmermann mit der Hilfe von ein paar talentierten Affen aus dem Gelsenkirchener Zoo in so unnachahmlicher Weise am Beispiel von Max Giesinger vernichtet hat (»Menschen Leben Tanzen Welt«).

Aber auch bei ernstzunehmenden deutschsprachigen Künstlerinnen und Künstlern, nicht wenige davon im Rap, gibt es kaum einen, dessen ästhetische Ausdruckskraft zur epischen Form, zum Roman hindrängt. Franz Josef Degenhardt, dessen Lieder zunächst Gedichte waren und auf dessen epische Balladen später Romane folgten, war so einer. Auch bei Jochen Distelmeyer von »Blumfeld« vermutete man immer: Hier muss in der logischen Konsequenz ein Roman kommen. Distelmeyers Debütroman »Otis« enttäuschte indes auf ganzer Linie. Sven Regener (Element of Crime) und Thees Uhlmann (Tomte) wiederum konnten mit ihren Romanen nicht enttäuschen, weil ja nur enttäuscht werden kann, wer vorher irgendwelche Erwartungen hegte. Aber bei Kai Degenhardt spürt man: Wenn es heute noch mal einer schaffen könnte, vom Songwriter zum Romancier zu avancieren, dann er.

Schon mit Liedern wie »Die Tötung« (2008) hat Degenhardt dieses Talent bewiesen. Bei »Auf anderen Routen« zeigt sich dies durchweg. Beispielhaft steht hierfür »Imperial Grand Übersee«. Dieser Song ist Degenhardts Antwort auf Phil Ochs’ »Ringing of Revolution«, Bob Dylans »Black Diamond Bay« und Edgar Allan Poes »The Fall of the House of Usher« zugleich. Ochs hatte 1966 einen überlangen Song über das von einem Aufstand bedrohte Haus der »Idle rich« geschrieben; Dylan ließ neun Jahre später ein Strandhotel in einem Inferno aus Sturm und Vulkanausbruch untergehen. In Degenhardts »Imperial Grand Übersee«-Hotel am Meer haben sich die 0,1 Prozent versammelt. Gekommen ist auch die willfährige »Poplegende«, die am ererbten und sich wie von Geisterhand durch fremde Arbeit akkumulierenden Reichtum partizipieren will und den arbeitslosen Einkommensbeziehern und Casinospekulanten die Langeweile vertreibt. Wir wissen natürlich sofort, wer da gemeint ist: die Robbie Williams, Kimberly Perrys und Helene Fischers der Welt, die sich nicht zu schade sind, die westlichen Besatzungstruppen im Irak oder in Afghanistan bei Laune zu halten. Während um das »Imperial Grand Übersee« herum bereits die Welt untergeht, vergnügen sich die 0,1 Prozent mit allerhand Dienstleistungsproletarierinnen. Indes bahnt sich längst die Revolution an: Das Escortgirl Fatma, eine Barfrau sowie von außen einbrechende Werftarbeiter – den letzten Oligarchen im Schlepptau – setzen die Großkopferten fest und richten im Weinkeller ein veritables Volksgefängnis ein, während im Dachgeschoss der Hotel- und Ländereienerbe Freddy gezwungen wird, seine Vermögenswerte an die Proleten zu überschreiben. Und während letzteren gerade noch die Flucht gelingt, bricht das »längst dem Tod geweihte« Hotel unter den Sturmwellen zusammen wie das Haus Usher – bei Poe ein altes, überlebtes Familiengeschlecht symbolisierend, bei Degenhardt das ganze kapitalistische System.

Oft wird lamentiert, dass in der Gegenwartskunst – Rainald Goetz’ »Johann Holtrop« mal ausgenommen – die Lebenswelt der oberen Zehntausend entweder gar nicht vorkommt oder Autoren – wie zuletzt Nora Bossong, Ernst-Wilhelm Händler und Alexander Himmelbusch – an dem Versuch scheitern, diese abzubilden. Kai Degenhardt gelingt dies im Vorbeigehen. In einer Miniatur wie dem im Parlando vorgetragenen »Der Untergang« erledigt er mit der Figur des »Möglichmachers« im Handstreich die cäsaristischen Sehnsüchte der subjektiv ohnmächtigen Massen und ihren Glauben an Heilsbringerfiguren aus dem Silicon Valley. »Au contraire, mon frère!« ruft Degenhardt ihnen entgegen. Das Kapital wird mit dem Untergang der Zivilisation Profit machen, solange die Eigentumsfrage nicht gestellt und gelöst wird, wie er selbst es immer wieder betont hat, am eindrücklichsten vielleicht in »Southern Comfort (Euer Eigentum)« und »Bevor wir verteilen« (beide 2002).

Vielleicht auch weil Kai Degenhardt »weiter für Mantel und Miete und ein Taschengeld« spielt, richtet er sich nicht im »Grand Hotel Abgrund« ein (wie dies der marxistische Theoretiker Georg Georg Lukács der Frankfurter Schule vorgeworfen hat), sondern träumt noch von einer ganz anderen, neuen, besseren Welt – und ja, er deutet diesmal auch an, wie man dorthin kommt.

Anspielungsreich

Den Auftakt zum Album bildet indes ein sehr persönliches Lied, das Titelstück. Degenhardt erlaubt uns Einblicke in sein Leben und schaut auf das Ende einer langen Liebesbeziehung zurück. Er tut dies jedoch ohne Zorn. Schon hier hört man, was das gesamte Album auszeichnet: ständige literarische, musikalische und theoretische Referenzen. Man hört Anleihen an ein Album der Fehlfarben (»knietief in Befindlichkeiten«), Verweise auf Homers »Illias« und die Ton Steine Scherben in einer einzigen Songzeile (»bind mich am Steuer fest, wenn mir die Nacht am tiefsten scheint«), auf die Metapher vom »großen Bären«, aus Georges Brassens’ Chanson »Auprès de mon arbre«, die hier als »Nachricht an den großen Bären« dem Song »Le Vent Nous Portera« von Noir Désir entlehnt ist, auf Bertolt Brechts und Hanns Eislers »Kälbermarsch« über den Aufstieg der Nazis, auf Bob Dylans »zwei Reiter« aus »All Along the Watchtower«, auf Frantz Fanons »Verdammte dieser Erde«, auf Peter Parker alias Spiderman, auf die »Müßiggänger« aus der »Internationale«, auf zahlreiche deutsche und internationale Volkslieder, auf Georg Herwegh und Charles Baudelaires »Blumen des Bösen« – und schließlich meint man in einer positiven Wendung sogar Travis Bickle aus Martin Scorseses Kultfilm »Taxi Driver« zu hören: »Someday a real rain will come and wash all the scum off the streets.« Teil dieser intertextuellen Anspielungen wird am Ende sogar sein bisheriges Werk selbst, wenn vom Walsroder Dreieck, dem Erlenbruch oder dem Hotel du Commerce die Rede ist.

Eine Referenz, ein Dialog, überschattet, nein, überstrahlt jedoch alle anderen: der Dialog mit dem Vater, dem vor sieben Jahren verstorbenen, deutschen Chansonnier und Kommunisten Franz Josef Degenhardt: »Und fangen wir wieder von vorne neu an, / Jedenfalls bist du ja dann / Hinter der Bühne«, heißt es mithin im gleichnamigen Solostück, eine traurig-schöne Hommage, gesungen am Grab. Kai Degenhardt ist nämlich in den letzten Jahren nicht nur mit seinen eigenen Programmen unterwegs gewesen. Er hat gegen den Aufstieg der Rechten auch ein antifaschistisches Programm aus den Liedern und Romanen seines Vaters entwickelt, das er gemeinsam mit dem Schauspieler Rolf Becker in Dutzenden Städten aufgeführt hat.

Schon der Albumtitel verweist auf eine Platte, die der Sohn 1996 zusammen mit dem Vater aufgenommen hatte. In deren Titelstück heißt es: »Und es geht ja trotz allem weiter im Text; und wir fahren auf anderen Routen.« Auf diesen Routen zitiert Kai Degenhardt immer wieder die großen Lieder seines Vaters: »Rondo Pastorale« (»in sieben Jahren oder zehn«), »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«, »So sind hier die Leute«, »Hochzeit«. Da fliegen die Mauersegler wieder, da lässt er die »roten Hähne« flattern, jene französisch beseelten Vögel der Revolte aus dem historischen Bauernkriegslied und aus seines Vaters epischer »Ballade von Joss Fritz« (1973), der »Legende über die revolutionäre Geduld und Zähigkeit und vom richtigen Zeitpunkt«. Schließlich haben auch schon wieder Raubtiere ihre »Schnauzen im Wind« und heulen die Wölfe im Hag, wie in Franz Josef Degenhardts »Wölfe mitten im Mai«, mit dem dieser auf den Aufstieg der NPD Mitte der 1960er Jahre reagierte.

Zwar ist ein Lied wie »Vor den Bretterwänden« in seiner schnellen Aneinanderreihung von Textsequenzen auch durch Bob Dylans »It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)« inspiriert. Mit der Assoziationslyrik und dem Sechsachteltakt ist es jedoch zugleich auch eine musikalische und lyrische Verneigung vor dem Vater, insbesondere vor dessen Frühwerk. So, und so nah bei seinem Vater, hat man Degenhardt in der Tat noch nie gehört. Auch »Zwei Reiter« erinnert, ohne eine Spur von Epigonentum, nicht zuletzt durch die Verwendung von allegorischen Märchenmotiven an die besten Momente des Frühwerks von Franz Josef Degenhardt, als die bürgerliche Presse ihn noch als »Deutschlands Chansonnier Nr. 1« feierte, bevor sie ihn nach seiner Hinwendung zum Kommunismus in Kalterkriegshysterie in Bausch und Bogen zu verdammen begann.

Die Rückbesinnung auf die kleine Volksballade ist keineswegs zufällig. Sie beruht auf Degenhardts Auseinandersetzung mit der Geschichte des politischen Liedes und seiner politischen Meinung. Die Gegenwart sieht er als eine Nachmärzzeit, also als die Zeit nach einer erlittenen Niederlage der demokratischen und fortschrittlichen Kräfte und die Suche nach einer Reorganisation. Wie das Frühwerk seines Vater in die postfaschistische Restaurationszeit fällt, die das Ende der Nachkriegshoffnungen auf ein entmilitarisiertes, neutrales, geeintes, sozialistisches und demokratisches Deutschland markiert, so schreibt Kai Degenhardt unter den Bedingungen einer neoliberalen Konterrevolution, die die Arbeiterbewegung und die Linke in eine Defensive gezwungen hat, von der sie sich nur langsam erholt. Die kleine, subversive Volksballade ist für eine kritische, politische Kunst wieder die richtige politästhetische Form.

Arbeitslosigkeit oder Afghanistan

»Der Vorschlag« wiederum ist musikalisch wie textlich, von der zitierten Elektrogitarrenfigur und der parlierenden Rollenspielstimme bis zum Sujet, unzweifelhaft die Antwort auf Franz Josef Degenhardts »Arbeitslosigkeit« (1977), einem bahnbrechenden Stück seines Vaters, weil es – zusammen mit »Der Wind hat sich gedreht im Lande« (1980) – sehr früh den Neoliberalismus benannte. Und während der Vater mit diesem Stilmittel seinerzeit einen Arbeitgeberpräsidenten mimte, der die Vorzüge einer flexibilisierten und globalisierten Arbeitsgesellschaft pries, hört man den Sohn als einen der Tausenden Bundeswehr-Rekrutierer, die heute unsere Schulen besetzen und Minderjährigen in strukturschwachen Regionen den Kriegseinsatz bei der Bundeswehr als Ausweg und Abenteuer verkaufen. Statt »Konkurrenz 24/7«, statt Zwang zum ständigen »Ego-Optimieren«, statt der gnadenlos abwärts fahrenden Rolltreppe der »Abstiegsgesellschaft« (Oliver Nachtwey), statt der Ödnis deindustrialisierter (ost- wie westdeutscher) Brachlandschaften weise der Weg in die weite Welt hinaus. Oder, wie es schon in dem Film »Full Metal Jacket« heißt: »Join the Army; travel to exotic, distant lands; meet exciting, unusual people and kill them.« Arbeitslosigkeit oder Afghanistan!

Dabei darf man sich von Kai Degenhardts anfangs erwähnter Gefälligkeit in der Form nicht täuschen lassen. Nach mehrmaligem Hören erschließt sich hinter der schlichten Schönheit von spanischen Gitarren und den Anklängen an Cajun und irische Volksweisen der kämpferische Geist der Platte. Es ist, wie sein Vater 1965 über sein Frühwerk sagte: »Ich persönlich bevorzuge in meinen Chansonmelodien folkloristische Motive. Man kann damit nämlich Idyllisches vorspiegeln. Hinter dieser Idylle kann man dann aber einen Text bringen, der sich erst später, wenn er längst aufgenommen ist, als brisant erweist.« Das gilt auch für Kai Degenhardts neues Album. Hört man genau hin, dann hört man hinter dem Wohlklang der schmeichelnden Melodien eindeutige Sätze. Wie im »Nachtlied vom Streik«, das die Bedeutung des Streiks für eine neue Klassenpolitik als Antidot zur Rechten und Mittel für die Überwindung von Spaltungen untermauert. »Denn ohne Streik«, singt Degenhardt im Re­frain, »wird gar nichts gehen.« Und er hebt hervor, dass es heute nicht mehr nur um die alten, mehr oder weniger streiklustigen »fordistischen Arbeiter« geht, die mit »Blaumann und Trillerpfeife« gegen den nationalen Wettbewerbsstaat stehen, sondern dass proletarische Legendengestalten wie Franz Josef Degenhardts Rudi Schulte und Natascha Speckenbach heute überall zu suchen wären: in der Einheit der Klassenkämpfe international und entlang der Wertschöpfungsketten.

Dass die Revitalisierung der Arbeiterbewegung als einer ethnisch heterogenen, feminisierten Klasse einen Zielpunkt, eine Utopie haben muss, auch darauf deutet Degenhardt zum Schluss hin, wenn er noch mal »unsere Sache« besingt. Dieser Zielpunkt, den man auf »Weiter draußen« (2008) noch vermisste, erscheint hier vage, aber er ist da. Und so lässt Degenhardt seine zwei Katzen in der Wohnung in Eimsbüttel (oder doch das lyrische Ich am Katzentisch?) »erzählen von dem Tag, / wo vorbei ist das Jagen und Stechen, / der folgt, wenn an jenem anderen Tag / rote Hähne flattern auf den Palästen. / Und dann träum’ ich mich trunken zum Sankt Georgstag / ins Gelage inmitten der Wagen, / wo wir Pläne schmieden, jeder tut, wie er mag, / da reich’ ich Valentina das Laken«.

Lob und Ignoranz

Ob das so kommt und ob das so geht? Das weiß wohl auch Kai Degenhardt nicht. Eines aber scheint gewiss: Mit »Auf anderen Routen« wird er wieder von der Jury der Liederbestenliste und von Vereinigungen wie dem »Preis der deutschen Schallplattenkritik« ausgezeichnet und mit Lob überschüttet werden. Aber die Möglichmacher in der neuen biederen Schlagerindustrie und in den großen Medien wird das nicht kümmern. Der wohl größte lebende Deutschpoet wird sicherlich nicht zum nächsten »Deutschpoeten«-Festival eingeladen werden, er wird von den großen bürgerlichen Blättern auch diesmal mehr oder weniger ignoriert werden, wird nicht Deutschlands Vertreter beim European Song Contest werden und beim nächsten Fußball-Weltmeister-Willkommenheißen am Brandenburger Tor nicht neben Leroy Sané und Niklas Süle der Menge einheizen. Aber die Geschichte hat mit ihrer List der Vernunft einen langen Atem. Und darum halten wir fest, dass man Kai Degenhardts Namen noch nennen wird, wenn den Namen der neuesten, x-beliebigen Deutschpopband längst keiner mehr kennt.

Kai Degenhardt: »Auf anderen Routen«, Plattenbau/Broken Silence 2018, CD 15,99 Euro, MP3 9,99 Euro

Ingar Solty schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. Juni 2018 gemeinsam mit Enno Stahl über zeitgenössische Literatur und Klassenkampf.


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