Aus: Ausgabe vom 12.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Loeser, Demmler

Von Jegor Jublimov
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Nimmt’s mit Humor: Tony Loeser

Als vor fünf Jahren an dieser Stelle Tony Loesers Geburtsort von Manchester nach Liverpool verlegt wurde, nahm er es mit Humor. Den brauchte er als Geschäftsführer der vor genau 20 Jahren in Halle gegründeten Animationsfilmfirma Motionworks sowieso. Sein Vater war der deutsche Emigrant und spätere Philosoph Franz Loeser, seine Mutter die später mit Englisch-Kursen im DDR-Fernsehen bekannt gewordene Diana Loeser. Ein Onkel begeisterte Tony für Trickfilme. In der Trickabteilung des DEFA-Spielfilmstudios konnte er schon vor seinem Babelsberger Studium ab 1977 mitarbeiten und wirkte bis zum Ende der DEFA noch an vielen Filmen mit. In eigener Firma produzierte er damals auch einen Pilotfilm mit den aus dem Comicmagazin Mosaik bekannten Digedags. Die Geschichten und ihre Umsetzung liebte er seit seiner Kindheit, und in seiner erfolgreichen Serie »Die Abenteuer des jungen Marco Polo« (mehrere Staffeln seit 2013) lehnt er sich bewusst an die Erlebnisse seiner damaligen Lieblinge an. Damit macht er weiter. Am Freitag wird er 65.

Kann man denn heute noch Lieder von Kurt Demmler singen? Jan Josef Liefers, der »Mein Herz muss ein Wasser sein« im Repertoire hat, antwortete auf die Frage: »Was kann der herrliche Text des wunderbaren Liedes für die verwerflichen Entgleisungen des Menschen Demmler?«

Der heute vor 75 Jahren in Posen (heute Poznan) geborene Arztsohn Kurt Demmler wuchs in Cottbus und Klingenthal auf. Auch er wurde Arzt und übte den Beruf bis 1976 aus, als er schon längst ein anerkannter Liedermacher sowie Schlager- und Rocktexter war. Auftritten seit 1965 folgte 1971 seine erste Amiga-LP. Auch, wenn er zeitweilig Auftrittsverbote hatte, war er von da an aus dem populären Musikbetrieb der DDR bis 1990 nicht mehr wegzudenken. »Wer die Rose ehrt«, »Gänselieschen« und »Nach der Schlacht« für Renft, »Tritt ein in den Dom« für Electra, »Ehrlich will ich bleiben« für Karussell, dazu »Du hast den Farbfilm vergessen« für Nina Hagen oder »Dass ich eine Schneeflocke wär« für Veronika Fischer sind Texte, die Kurt Demmler unsterblich gemacht haben. Die Tantiemen hielten ihn auch nach 1990 über Wasser, während es ihm selbst schwergemacht wurde, einen Fuß ins westdeutsch dominierte Musikgeschäft zu bekommen. Weil er zu jungen Mädchen zu nahe gekommen war, wurde er 2002 zu einer Geldstrafe verdonnert. 2008 kam er in Untersuchungshaft, am zweiten Verhandlungstag fand man ihn 2009 tot in seiner Zelle. Zum Geburtstag sollte man sich eine seiner besten Scheiben aus den Siebzigern noch mal anhören. Oder eine Coverversion von Liefers und Co.


Debatte

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  • Beitrag von Henrik M. aus Leipzig (12. September 2018 um 12:27 Uhr)

    Mal am Rande bemerkt ... Zu Jan-Josef Liefers, wenn er im Westfernsehen den Clown gibt, Walter Ulbricht nachmacht oder die üblichen Stasi-Geschichten absondert, meinte meine Mutter: Das ist ein Nestbeschmutzer!

  • Beitrag von Andreas U. aus Mannheim (13. September 2018 um 15:30 Uhr)

    Hallo Redaktion,

    ich bin Mitglied der Songgruppe »Jede Stimme zählt« bei der IG Metall Mannheim. Wir singen Arbeiterlieder und treten gelegentlich bei politischen Veranstaltungen auf. Im Repertoire haben wir auch die beiden Lieder »Das Lied von den Kranichen« und »Lied, aus dem fahrenden Zug zu singen« von Kurt Demmler. Die Liedtexte sind einfach nur richtig gut und komplett in Ordnung. Pädophilie muss man ja nicht gutheißen. Deswegen aber den ganzen Menschen zu negieren und zu diskreditieren, geht definitiv auch nicht.

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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