Aus: Ausgabe vom 12.09.2018, Seite 2 / Ausland

»Wir kämpfen um die historische Wahrheit«

Polnische Regierung versucht, Geschichte des kommunistischen Widerstands im Zweiten Weltkrieg umzudeuten. Gespräch mit Tadeusz Kowalczyk

Interview: Martin Dolzer
Soldaten der Heilig-Kreuz-Brigade während einer Parade. (1945)
Soldaten der Heilig-Kreuz-Brigade während einer Parade. (1945)

Sie beschäftigen sich mit Erinnerungsarbeit im Zusammenhang mit Widerstand und Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Welchen Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Momentan wird in Polen versucht, sämtliche positive Erinnerungen an die Befreiung vom Faschismus durch die Rote Armee umzudeuten oder auszulöschen. Denkmäler werden zerstört, Geschichte jenseits der Fakten erzählt, kommunistische Symbole verboten. Wer versucht, das Gedenken aufrechtzuerhalten, wird entweder diffamiert oder kriminalisiert.

In Görlitz gab es zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg eine gescheiterte Operation der 2. Polnischen Armee zur Befreiung der Stadt. Schließlich floh die Wehrmacht dort vor den Soldaten der Roten Armee. In letzter Zeit müssen wir beobachten, dass Regierungsvertreter versuchen, die Geschichte umzuschreiben: Bei Gedenkveranstaltungen wird der Eindruck erweckt, als hätten die US-Streitkräfte die Stadt befreit. Vertreter aus Russland und Belarus werden nicht mehr eingeladen, statt dessen Einheiten der NATO. Wir kämpfen um die historische Wahrheit. In diesem Jahr haben wir erstmals eine alternative Gedenkveranstaltung durchgeführt.

Gibt es weitere Umdeutungsversuche?

Während des Zweiten Weltkriegs leisteten einige Menschen in Polen Widerstand, andere stellten sich auf die Seite der Wehrmacht. Ein trauriges Beispiel ist die bewaffnete Gruppierung Heilig-Kreuz-Brigade (»Brigada Swietokrzyska«, NSZ). Diese hat gemeinsam mit der Wehrmacht bei der Stadt Kielce am 8. September 1944 ein Massaker an einer Formation aus Einheiten der prosowjetischen Armia Ludowa, sowjetischen Fallschirmjägern und Partisanen sowie Bauernbataillonen verübt. Diese wurden angegriffen und umzingelt. Einige von ihnen konnten ausbrechen, andere gerieten in Kriegsgefangenschaft. Letztere wurden von der Heilig-Kreuz-Brigade auf grausamste Weise extralegal hingerichtet.

Für die Ermordeten wurde in der Volksrepublik Polen ein Denkmal errichtet. Die jetzige polnische Regierung hatte kürzlich beschlossen, dieses zu zerstören. Dagegen gab es Widerstand von engagierten Menschen in einem nahegelegenen Dorf.

Mit welchen Mitteln arbeitet Ihre Organisation in bezug auf das Kriegsverbrechen von Kielce?

Wir stellen Nachforschungen an. Ein jüdischer Professor reiste zu Zeiten des Warschauer Vertrages in die BRD und forschte zum Thema Heilig-Kreuz-Brigade und dem Kriegsverbrechen. Seine Untersuchungen zeigten, dass es sich hier um keine widerständige Kraft handelte, sondern dass diese mit der Gestapo zusammenarbeitete und letztlich unter ihrer Kontrolle stand. Von der heutigen Regierung wird dieser Professor abwertend als Kommunist bezeichnet, seine Forschungsergebnisse werden ignoriert.

Wir wären dankbar, wenn sich Menschen in Deutschland finden, die uns bei unseren Forschungen unterstützen wollen. Und noch eine Bitte an unsere deutschen Freunde, die sich für Frieden und Völkerverständigung einsetzen: Lasst uns gemeinsam die Erinnerung an die ermordeten Antifaschisten am Leben erhalten. Wir beabsichtigen, an vielen Orten in Polen Veranstaltungen zu organisieren und laden dazu herzlich ein.

Am 4. Juli 1946 gab es – ebenfalls in Kielce – einen Pogrom, bei dem über 40 Juden ermordet und mehr als 80 verletzt wurden. Dies gilt als einer der schwersten Übergriffe auf jüdische Personen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und hatte eine Emigrationswelle aus Polen zur Folge.

Über diesen Pogrom und die Täter gibt es bis heute keine gesicherten Erkenntnisse. Auch dazu ist Forschung notwendig.

Gibt es neben der Forschungs- und Erinnerungsarbeit weitere Aktivitäten Ihrer Organisation?

Wir setzen uns intensiv für den Friedenserhalt in Europa ein. Dazu gehört die Verständigung und Freundschaft zwischen Polen, Russen und Menschen in unserem westlichen Nachbarland, Deutschland. Einen weiteren großen Krieg in Europa dürfen wir nicht zulassen, denn gerade als Soldaten wissen wir, was Krieg bedeutet – insbesondere ein großer Krieg mit der Zerstörungskraft moderner Waffen. Wir wollen mit unserer Arbeit dazu beitragen, das Wissen darum zu erhalten und politisches Bewusstsein aufzubauen.

Tadeusz Kowalczyk, Oberst a. D. und ehemaliger Soldat der Polnischen Volksarmee, ist Mitglied der Organisation »Erbe der polnischen Veteranen im Zweiten Weltkrieg«


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