Aus: Ausgabe vom 11.09.2018, Seite 7 / Ausland

Riad blockiert Gespräche

Ansarollah können nicht an Treffen zu Jemen in Genf teilnehmen

Von Wiebke Diehl
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Wollte reden, konnte aber nicht: Der UN-Vermittler für Jemen, Martin Griffiths, wird nun selbst in das Kriegsland reisen (Genf, 8.9.2018)

Bevor sie überhaupt begonnen haben, sind die ersten Jemen-Gespräche seit 2016 am Samstag gescheitert. Die Delegation der Ansarollah konnte nicht nach Genf kommen, weil Riad, das gemeinsam mit mehreren Verbündeten den Luftraum über dem Land kontrolliert, ihre Bedingungen für eine Anreise abgelehnt hatte. Die Ansarollah, in westlichen Medien auch Huthis genannt, die weite Teile des Jemen kontrollieren, hatten gefordert, in einem Flugzeug des Oman und nicht der Vereinten Nationen nach Genf geflogen zu werden. Begründet hatten sie ihre Forderung damit, dass die Vereinten Nationen ihren sicheren Transport bereits in der Vergangenheit nicht hätten garantieren können.

Nach den letzten Jemen-Gesprächen vor zwei Jahren saß die Delegation der Ansarollah wegen einer Luftblockade drei Monate lang in Oman fest. Die zweite Forderung, in dem Flugzeug Verletzte mitnehmen zu dürfen, um ihnen im Ausland eine medizinische Behandlung zu ermöglichen, hatte Saudi-Arabien ebenfalls abgelehnt. Auch die dritte Forderung nach einer Garantie, nach den Friedensgesprächen nach Sanaa zurückkehren zu können, wurde verwehrt.

UN-Vermittler Martin Griffiths machte deutlich, dass er keine Zweifel an der Bereitschaft der Ansarollah hege, nach Genf zu kommen. Leider sei der Delegation eine Anreise trotz umfangreicher Gespräche mit der saudischen Militärallianz, die seit über drei Jahren Krieg gegen den Jemen führt, nicht ermöglicht worden: »Wir haben es nicht geschafft, die Delegation aus Sanaa hierher zu bekommen«, so Griffiths, der weiterhin erklärte, es handle sich um einen »fragilen Moment« im Jemen-Krieg. Er werde sich bemühen, die Gespräche so bald wie möglich nachzuholen. Zu diesem Zweck werde er in den nächsten Tagen sowohl nach Sanaa als auch nach Maskat fliegen.

Ziel der gescheiterten Gespräche sollte es sein, sowohl über humanitäre Zugänge wie auch über die Wiedereröffnung des Flughafens von Sanaa zu sprechen, damit insbesondere Schwerverletzte zur medizinischen Behandlung ausgeflogen und der jemenitischen Bevölkerung, von der inzwischen drei Viertel auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, geholfen werden kann.

Beobachter fürchten nach dem Scheitern der Gespräche eine weitere Eskalation des Krieges. Im Jemen fanden am Wochenende bereits Demonstrationen der verfeindeten Lager statt. Es wird zudem befürchtet, dass die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition ihre Offensive auf die strategisch bedeutende Hafenstadt Hodaida wieder intensivieren könne. Bereits am Sonntag kamen bei neuen Kämpfen mehr als 80 Menschen ums Leben. Dutzende wurden verletzt.

Die 600.000 Einwohner Hodaidas sind seit Monaten direkt von Kampfhandlungen betroffen. Letztlich aber ist das Schicksal aller Jemeniten mit dem der Stadt verbunden: Bereits vor Beginn des Krieges musste der Jemen 90 Prozent der benötigten Nahrungsmittel importieren. Über den Hafen von Hodaida, der seit 2014 von den Ansarollah kontrolliert wird, werden 70 Prozent davon eingeführt. Ähnliches gilt für Treibstoff, Medikamente und medizinisches Gerät, die wegen der von den Saudis verhängten Land-, See- und Luftblockade absolute Mangelware sind.

Diese letzte verbliebene Lebensader, die bereits jetzt weitgehend von der Militärallianz blockiert wird, wollen Riad und seine Verbündeten nun endgültig kappen, um die Kontrolle über das gesamte Land zu erlangen. Auf die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung wird dabei genausowenig Rücksicht genommen wie auf das legitime Recht der Jemeniten auf Selbstbestimmung.


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