Aus: Ausgabe vom 10.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Vertanzte Liebe

Das Staatsballett Berlin absolvierte die erste Premiere unter seinem neuen Chef Johannes Öhman

Von Gisela Sonnenburg
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Wie bei der Onlinepartnervermittlung Parship: Für einige Gemeinsamkeiten reicht es, aber so richtig funkt es nicht

Der neue Berliner Ballett­intendant, der aus Schweden stammende Johannes Öhman, hat es nicht leicht. Einerseits kam es nach der jüngsten Premiere vom Staatsballett Berlin, dem zeitgenössischen Abend »Celis/Eyal« in der Komischen Oper, zu Standing Ovations. Andererseits war das kleinste der drei Berliner Opernhäuser geschätzt nur zu zwei Dritteln besetzt. Dabei sind Ballettpremieren in Berlin sonst meist ausverkauft. Immerhin hat Öhman eine mehr als 90köpfige Truppe zu lenken, wobei aber in »Celis/Eyal« nur 18 Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne stehen.

Das Stück »Your Passion is Pure Joy to me« (Deine Leidenschaft ist pure Freude für mich) des Belgiers Stijn Celis entstand 2009 in Göteborg. Der Titel bezieht sich nicht auf eine verliebte Person, sondern zitiert einen Choral von Johann Sebastian Bach, der im Stück allerdings keine weitere Rolle spielt. Während im Programmheft von Gottsuche und Katastrophentrauma gefaselt wird, finden auf der Bühne die endlosen Spielchen misslingender Partnersuche statt. Und zwar gänzlich humorfrei. Da treffen sich Frauen und Männer in T-Shirts und Jeans – und üben in modern-zappeligen, manchmal auch geschmeidigen Bewegungen das Paarsein.

Songs von Nick Cave liefern den akustischen Hintergrund, ergänzt nicht durch Bach, sondern atonale Klänge, die von Pierre Boulez und Krzysztof Penderecki stammen. Das Besondere an den Paaren hier: Keines von ihnen findet wirklich zusammen. Eher ist es wie bei der Onlinepartnervermittlung Parship: Für einige Gemeinsamkeiten reicht es, aber so richtig funkt es eben nicht. Beziehungsstress setzt ein, man trennt sich. Da helfen synchron ausgeführte Sprünge oder die fliegenden Haare einer Frau in einer Drehbewegung, während sie sich mit den Schenkeln am Hals ihres Partners festklammert, nur wenig.

Die Tänzerin Xenia Wiest, die selbst auch Choreographin ist, punktet mit spritzig dargebotenen Singlesoli. Allerdings hätte man lieber ein Stück von Wiest gesehen, denn sie kreiert seit Jahren immer mal wieder spannungsgeladene, erotisch-elegante Pas de deux. So ein Flair fehlt bei Stijn Celis.

Die israelische Choreographin Sharon Eyal geht die Sache noch härter und emotionsloser an. Sie stellt mit Danielle Muir eine Halbsolistin vor die Aufgabe, fast das ganze Stück lang dieselbe Bewegung auszuüben. Wie eine Geherin aus dem Sport muss Muir die Schultergelenke rollen und die Arme dabei angewinkelt lassen, als marschiere sie nicht auf der Stelle, sondern bei einem Wettkampf. Nun dürfte der Schmerz, den eine solche übertriebene Bewegung auslöst, auch für eine Profitänzerin spürbar sein. Aber Muir verzieht keine Miene und hält das sportliche Programm tapfer durch.

Einen Partner hat sie dabei nicht. Der Tänzer, der zunächst neben ihr tanzt, gliedert sich bald in die von hinten rechts anrückende Gruppe ein. Diese Gestalten in hautfarbenen Trikots bewegen sich minimalistisch: zu mal wummernden, mal wallenden Technorhythmen (Musik: Ori Lichtik). Sie könnten Untote oder auch Maschinenwesen sein.

Für den Erfolg des Stücks mag der akustische Klangteppich mitverantwortlich sein. Die gleichmäßigen Taktschläge sind oft weich und abgefedert, sie schleichen regelrecht ins Gemüt. Dazu wirkt das Korps aus Tänzern wie skurriles organisches Material. Irgendwas bewegt sich hier in der Dunkelheit, unheimlich und doch faszinierend – so ist der erste Eindruck. Dass die Truppe dicht gedrängt steht, verstärkt ihn noch.

Die Präzision und Akkuratesse der Tänzer sind enorm. Nur inhaltlich gibt das nicht viel her. Die Geherin bleibt in ihrem Erfolgswahn eine Einzelgängerin, während die Gruppe hinter ihr hertrippelt. Für zehn Minuten ergibt das anregende Bilder. Aber für mehr als eine halbe Stunde könnte man sich schon noch weitere Ideen vorstellen.

Was dem Abend fehlt, sind Konzepte. Allein mit originellen Verrenkungen kann man kaum Inhalte vermitteln. Da beide Choreographen auf der öffentlichen Premierenfeier fehlten, weil sie nicht in Berlin waren, gab es auch keine nachträglich erklärenden Worte. Und Johannes Öhman, ein eher unscheinbarer 51jähriger, hatte die viel kritisierte Sasha Waltz im Schlepptau, die sich ab kommender Saison den Intendanzposten mit ihm teilen wird. Ein glanzvolles Duo geben die beiden nicht ab.

Aber es gibt einen Lichtstreifen am Berliner Balletthorizont: Im November wird eine von dem Bolschoi-Veteranen Alexei Ratmansky inszenierte Version des Klassikers »La Bayadère« mit dem Staatsballett Premiere haben. Darauf wies auch Öhman stolz hin – man ist gespannt.


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