Aus: Ausgabe vom 10.09.2018, Seite 6 / Ausland

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Die chinesische »Neue Seidenstraße« ist für die Anrainerstaaten lukrativ, nicht nur wirtschaftlich

Von Sebastian Carlens
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10.000 Fahrten sind absolviert: Rückkehr eines Güterzuges aus Hamburg in die chinesische Metropole Wuhan, 26. August 2018

Das chinesische Projekt der »Neuen Seidenstraße« (»Belt and road«: Gürtel und Straße) ist vermutlich das größte Infrastrukturprojekt in der Geschichte der Menschheit. Eine Billion Dollar (eine Zahl mit zwölf Nullen) will die Volksrepublik China in die Straßen-, Zug- und Schiffsverbindungen nach Europa und Afrika investieren. Bei Investitionen in astronomischer Höhe sind ebensolche Gewinne zu erwarten. Und so hat die BRD, trotz aller Bedenken gegenüber dem riesigen Land im Osten, gemeinsam mit 80 weiteren Ländern beschlossen, sich an der »Neuen Seidenstraße« zu beteiligen. Am Mittwoch meldete der Bayerische Rundfunk, dass zwischen Nürnberg und der chinesischen Metropole Chengdu nun wöchentlich ein zweiter Güterzug verkehre – bereits seit drei Jahren gibt es die direkte Verbindung zwischen beiden Städten. »Der Güterzug benötigt für die rund 10.000 Kilometer lange Strecke 15 Tage. Damit sind die transportierten Waren rund doppelt so schnell unterwegs wie beim Transport mit einem Schiff. Die Fahrt geht über Polen, die Ukraine, Weißrussland, Russland, Kasachstan bis nach China«, so der BR. Die Vorteile liegen auf der Hand: Im Gegensatz zu Containerschiffstransporten durch teilweise unsichere Gewässer führen die Gleise weitgehend über politisch stabiles Gebiet (auch die Ukraine scheint hier keine Probleme zu verursachen). Die Nürnberger Messe hat ebenfalls reagiert: Im Juli wurde angekündigt, erstmals einen Kongress zu den Möglichkeiten des chinesischen Projekts abzuhalten. »China hat weit voraus gedacht und setzt die Initiative mit Vehemenz durch«, frohlockt der Wirtschaftsminister des Freistaates Bayern, Franz Josef Pschierer (CSU).

Diese Euphorie ist neu. Zunächst musste sich die BRD eingestehen, dass alle Projekte, mit denen sie die wichtigen Handelsrouten unter eigener Dominanz ausbauen wollte, gescheitert sind. Unter dem Namen »Neue Seidenstraße« firmierte bereits das Projekt »Traceca« (»Transport Corridor Europe-Caucasus-Asia«, Verkehrskorridor Europa–Kaukasus–Asien), das 1993 von der EU aufgelegt worden war. China blieb dabei allerdings außen vor. Bis 2002 sollen aus dem Traceca-Budget 46 Einzelprojekte mit einem Volumen von insgesamt 99,6 Millionen US-Dollar finanziert worden sein. Mittlerweile dient Traceca nicht zuletzt dem Materialtransport in das militärisch besetzte Afghanistan.

Das chinesische Projekt setzt, ganz wie der historische Vorläufer der antiken »Seidenstraße«, auf mehrere Routen. Neben der erwähnten Strecke über den eurasischen Kontinent sind auch Schiffsverbindungen vorgesehen (die sogenannte Maritime Seidenstraße), die um den indischen Subkontinent herum bis zu afrikanischen Häfen führen – und von dort, mit der Eisenbahn, bis zum Mittelmeer.

In den letzten fünf Jahren, so die Nachrichtenagentur Xinhua, habe China bereits Waren im Wert von rund 5,5 Billionen US-Dollar mit den Anrainerstaaten des Seidenstraßen-Projektes ausgetauscht. 28,9 Milliarden Dollar seien direkt in diese Länder investiert worden (Finanzsektor ausgenommen). Dies habe zur Schaffung von rund 244.000 Arbeitsplätzen in diesen Ländern beigetragen, meldete Xinhua am 26. August. Bis Mai 2018 hatte die Volksrepublik 16 Freihandelsabkommen mit 24 Staaten, die auf der Seidenstraßen-Route liegen, unterzeichnet.

Welchen Stellenwert die eigene Initiative für die Volksrepublik einnimmt, macht nicht zuletzt eine Änderung des Parteiprogramms der regierenden Kommunistischen Partei Chinas im Oktober 2017 deutlich. Die »Neue Seidenstraße« wurde als ein wichtiges Vorhaben aufgenommen. Wie immer, wenn China internationale Großprojekte anstößt, geht es nicht nur um Handel. Es seien bereits 81 Ausbildungszentren, außerdem 35 kulturelle Großprojekte in den Teilnehmerstaaten entstanden, so Xinhua: »In der ersten Hälfte des Jahres 2018 hat China über 39 Millionen US-Dollar für sogenannte Seidenstraßen-Bildungsstipendien ausgegeben.« Das ist alleine fast die Hälfte jener Summe, die insgesamt in die deutsch-europäische Traceca-Initiative gesteckt wurde. Und das erklärt einiges über das Scheitern der EU-Ambitionen.


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