Aus: Ausgabe vom 10.09.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Hintergrund: »Mehr erklären als predigen«

Von Heiner Flassbeck

Eine linke Sammlungsbewegung sei eine wirklich gute Idee, doch »Aufstehen« schwach gestartet, meint der Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck in einem Kommentar vom vergangenen Donnerstag, den er auf seiner Webseite makroskop.eu veröffentlicht hat. Darin heißt es u. a.:

Der Gründungsaufruf der Sammlungsbewegung mit dem Namen »Aufstehen« liegt seit vorgestern vor, aber er ist leider so dünn, dass man sich fragt, wer dafür aufstehen soll. (…) Wer etwas wirklich Neues will, muss deutlich unterscheidbar sein. Wer wirklich etwas verändern will, muss mutig sein. Wer wirklich etwas erreichen will, muss ganz konkret sein und sagen, warum das Bisherige nicht reicht. Alles das findet sich in dem Papier nicht. Es finden sich allgemeine Sätze zuhauf, die den Zustand der Welt beklagen, ohne aber jemals zu sagen, warum die Dinge so schlecht sind, wie sie sind, und wie man sie ändern kann. (…)

Man muss erklären und nicht nur sagen, dass es Alternativen zur herrschenden Meinung gibt, die nicht nur darin begründet sind, dass hier die Minderheit das Wort ergreift. Man muss den Menschen nahebringen, und das geht sogar in einem ganz kurzen Papier, dass es nicht nur um eine andere Meinung geht, sondern darum, dass man die Welt vollkommen anders interpretiert und dass man für die eigene Sichtweise extrem überzeugende Belege hat, die von den anderen einfach ignoriert werden.

Wer Menschen gewinnen will, die anderer Meinung sind, muss Überzeugungsarbeit leisten, muss mehr erklären als predigen. Deswegen müssen in einem solchen Papier die wichtigen Punkte, bei denen man sich inhaltlich sicher fühlt, wo man die eigene abweichende Position überzeugend belegen kann, klar hervorgehoben werden. Das gilt für die Ursachen der europäischen Krise wie für die Frage nach Ungleichheit, sozialem Ausgleich und die davon betroffenen Arbeitsbeziehungen. Es gilt für die Rolle der Unternehmen in einer Marktwirtschaft ebenso wie für die Bedeutung des Strukturwandels, der notwendig ist, um die ökologischen Herausforderungen zu bewältigen. Kurzum, man muss bereit sein zu sagen, dass es eine neue, eine gesamtwirtschaftliche Dimension des Wirtschaftens gibt, die von den konservativen Parteien aus ideologischen Gründen vollständig ausgeblendet wird, ohne die man aber niemals erfolgreich sein kann. (…) Wenn die Bewegung aber, wie sie das auch ankündigt, das Programm als Basisprogramm von unten nach oben entstehen lassen will, wird die gesamtwirtschaftliche Dimension sicher wieder über Bord gehen. Schade, es hätte ein Aufbruch werden können, derzeit sieht es aber nur nach einem ganz kurzen Aus-der-Hocke-Gehen aus.

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