Aus: Ausgabe vom 08.09.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Saupreußenkindheit

Land der Bayern – Heimat, Fremde, Vaterland

Von Pierre Deason-Tomory
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Die Buttnmandl zusammen mit dem Nikolaus und Krampus vor verschneiter Bergkulisse in Berchtesgaden (Dezember 2017)

Nikolausvorabend 1978. Die Sonne war untergegangen. Auf dem kalten Marktplatz der uralten kleinen Stadt im Voralpenland warteten einige hundert aufgekratzte junge Menschen von sechs bis 30 darauf, dass sie kommen, der Krampus und der Nikolaus. Genauer: ein Dutzend davon. Ich stand aufgeregt in der Menge, klapperdürre neun Jahre alt und erst im Sommer aus der Großstadt hierhergezogen. Deshalb wusste ich nicht genau, was jetzt passieren würde.

Wir befinden uns in Laufen an der Salzach im Berchtesgadener Land, auf der Wetterkarte im Fernsehen im letzten Zipfel unten rechts zu finden. Vom besagten Marktplatz führt direkt eine schöne Jugendstilbrücke über Fluss und Staatsgrenze zum österreichischen Oberndorf. Die Gebräuche hier sind Ende der siebziger Jahre noch recht archaisch, dazu zählt das »Kramperl-Jong« am 5. Dezember, wenn plötzlich am Abend ein wildgewordener Haufen als Krampus (Knecht Ruprecht) und Nikolaus verkleideter junger Burschen kettenrasselnd in die Stadt einfällt und mit Ruten die Jugend verdrischt.

Die vermummten Burschen teilten nach Kräften aus, alles schrie und rannte, und ich lief wie andere zum »Gasthaus zur Post«, wo ich mich unter einem der Tische verstecken wollte. Ich schaffte es nicht rechtzeitig, und dann hatten sie mich: Zack! Zack! Zack! – War aber nicht schlimm. Ich bin dann heim, mit roten Backen vor Aufregung.

Das war ein halbes Jahr, nachdem ich mit meiner Familie Ende der Siebziger in diese 2.500-Einwohner-Stadt im Salzburgischen gezogen war. 2.500 Einwohner, davon sehr viele in eingemeindeten Bauerndörfern, zu 99 Prozent autochthone Bayern. Das eine Prozent setzte sich zusammen aus Zuagroaßten (Preußen) und Ausländern. Die Ausländer: die Familie von László (Ungarn), von Dr. Stadler (Ungarn) und je eine österreichische und eine türkische Familie. Letztere musste ganz unten in der Stadt am Fluss wohnen, in der Straße am Schlachthof, der damals noch in Betrieb war, und in der es stank im Sommer. Zu diesem einen Prozent zählten jetzt auch wir. Ein ausländischer Vater (Ungar), eine Berliner Mutter (Jesus!), dazu vier Kinder; also Preußisch-protestantische, österreich-ungarische Deutschamerikaner.

»Vier Kinder!«

»Der Voder, des is a – Künstler, ham’s gsagt.«

»Die Frau. Aus Berlin! Wui an Schallplatt’nladen aufmach’n. Mit lauter oide Schallplatt’n.«

Als wir in den Sommerferien 1978 dort eintrafen, fühlten wir uns also fremd. Soziokulturelle Obhut erhielten wir in der lutherischen Kirchengemeinde, in der sich die hochdeutsch sprechenden Menschen trafen, unabhängig davon, ob gläubig oder nicht. Meine Familie zählte damals mehrheitlich zu den Ungläubigen, nur ich nicht, aber das hat sich bei mir irgendwann auch geben.

Zur heimischen Bevölkerung fand ich Anschluss zuerst am Fluss. Dort führte ich täglich Familienhund »Junge« aus und machte so Bekanntschaft mit einer sehr netten, alten Frau, bei der ich durch Zuhören die lokale Sprache verstehen gelernt habe. Sie erzählte mir Geschichten, vom Krieg und vom Hitler und wie die Österreicher auf der anderen Seite vom Fluss sich gefreut haben, als sie Heim ins Reich geholt wurden und wie sie gesehen hat, wie sich die amerikanischen Soldaten ’45 haben zeigen lassen von den HJlern, wie man ordentlich marschiert. Die alte Frau hatte einen Dackel und der hat die Pfote gegeben, wenn sie »Heil Hitler!« gesagt hat, und das fand ich beeindruckend. Dann hat sie mir erzählt, wie man das dem Hund beibringt. Vom Gassi­gehen wieder zu Hause, versuchte ich es, und nach drei Hundekuchen machte auch unserer »Junge« brav auf Zuruf »Heil Hitler«. Das Kunststück haben der Hund und ich noch oft vorgeführt.

Am Flussufer der Salzach lernte ich dann zwei Brüder in meinem Alter kennen, die in der einzigen belegten Wohnung im »Asozialenhaus« direkt über dem Damm wohnten. Die hatten nur eine dicke Mutter in Kittelschürze, aber keinen Vater, und die Mutter hatte ein Goggo­mobil und einen riesengroßen Schäferhund, weshalb ich meine Freunde niemals zu Hause besuchen durfte. Der würde mich tot beißen, sagten sie. Von den beiden habe ich gelernt, in der Salzach-Au morsche Bäume umzuwerfen und im Gestrüpp am Ufer kleine Hütten zu bauen. Wenn wir da werkelten oder Touristenfamilien aus dem Gebüsch mit Sand bewarfen, brachte die Mama uns ein Blech frisch gebackenen Kuchen ans Ufer. Es war ein toller erster Sommer in dieser kleinen, alten Stadt am Fluss.

Einmal spielten wir das, was ich bei Huckleberry Finn gelesen hatte. Wir banden eine Geldbörse an einen Faden und legten sie auf dem Fußweg aus, mit dem Fadenende in der Hand wieder mal hinter einem Gebüsch lauernd. Die ersten Erwachsenen, die sich nach der Geldbörse bückten, die wir dann rechtzeitig einholten, haben wir noch foppen können, aber dann kam ein elfjähriges Mädchen. Die Geschichte ging so ähnlich weiter wie bei Mark Twain. Sie war nicht so blöd wie die Alten und latschte schnell mit dem Fuß auf die Börse, wir zogen, und der Faden riss. Ich wollte die Börse wiederhaben, bin raus aus dem Gebüsch und machte einen auf dicke Hose. Nun ja. Das elfjährige Mädchen hat mich klapperdürren Neunjährigen jämmerlich verprügelt. Was für eine Schande. Meine neuen Freunde sahen das nicht so tragisch wie ich. Sie waren beide zuvor auch schon von ihr verprügelt worden.

Irgendwann war der Sommer vorbei, und ich musste die vierte Klasse der Dorfschule besuchen. Dreißig Schüler, alles Katholiken außer zwei Zeugen Jehovas und ich Lutheraner. Manche der Lehrer waren gar keine, sondern Nonnen. Vor fast jeder Unterrichtsstunde musste man das Kreuz schlagen und beten. Also die anderen, nicht die beiden Zeugen und ich. Am ersten Schultag hat sich der Dickste der Klasse beide Hofpausen hindurch mit mir geprügelt. Danach gab er mir die Hand und sagte: »Jetzt samma Freind!« In Deutsch wurden wir unterrichtet von Frau Strasser, die morgens in einem Sportwagen zur Schule kam. Frau Strasser war sogar für die hiesigen Verhältnisse sehr streng. Einmal hatte ich wieder meinen rechten Arm über der Lehne des benachbarten Stuhls liegen, was ich nicht durfte, obwohl doch keiner neben mir Preußen saß. Darauf hat sie mir eine Ohrfeige gegeben. Ich, sonst eher schreckhaft, stand auf und knallte ihr eine, zumindest ansatzweise. Im nächsten Moment Totenstille, dreißig bayerische Augenpaare starrten auf die Frau Strasser und den Preußen. Frau Strasser, erst fassungslos, drehte sich dann um und fuhr im Unterricht fort. Tage später verriet mir der Klassendickste, dass ich jetzt eine Legende sei in der Stadt, die Leute erzählten anerkennend: »Der Dießen hod d’Strosserin g’schlong!« Er wurde später mein Banknachbar, und ich sagte ihm ein, wenn er nicht mehr weiter wusste.

Zur Schule gehen war die Hölle. Jeden Tag darauf warten, was passieren würde. Im Sportunterricht zum Beispiel wandte sich der Lehrer nach einer Anweisung gerne an mich und fragte: »Host du des jetzt verstonden, oder soll I omerikonisch mit dia red’n?« Im Winter hatte ich einmal mit meinen Moon Boots Hundedreck in die Schule getragen, bis in die Umkleide vor dem Klassenzimmer. Die Lehrerin verfolgte detektivisch die Spuren bis zu meinen Moon Boots, wies mir die Verfehlung nach und zwang mich, vom Schul­eingang bis zum Klassenzimmer den Boden zu wischen. Meine Klassenkameraden sollten dabei zusehen. So sorgte der Lehrkörper für die sittliche Entwicklung des Saupreußenkindes. Zur Selbstvergewisserung der Eingeborenen lernten wir im Chor singend die Bayern-Hymne auswendig. In der damals schon nicht mehr gültigen, alten Textfassung, wie sie die separatistische Bayernpartei nach dem Krieg beschlossen hatte: »Gott mit dir du Land der Bayern, Heimaterde, Vaterland!«

Mit der Zeit befreundete ich mich mit einem Jungen, mit dem ich mir den Schulweg teilte, und beim Hatschen nach Hause diskutierten wir die Vorzüge seiner, der katholischen, und meiner, der evangelischen Konfession. Bei ihm vor dem Haus saß dann der Großvater, der nett war, mir vielleicht einen Apfel gab, und Fragen stellte. Immer wieder diese eine: »Tust du fleißig studieren, Bub?« – »Ja.« – »Des ist guat. Wos du im Kopf host, des konn dia koana mehr wegnehma. Verstehst, Saupreiß?« – »Ja.«

Später ging ich oft zu den Kloses. Das waren Rentner, Vertriebene aus dem Sudetenland. Er war Schneidermeister gewesen und nähte unten im Keller immer noch die zerrissenen Hosen der Nachbarn. Sie machte oben in der Wohnung den Haushalt und draußen den Garten. Ich saß mit Opa Klose im Keller und fütterte den kleinen Ofen mit Holz, und dazu hörten wir uns im Mittelwellenradio die Debatten im Bayerischen Landtag an; oder er erzählte mir von früher. Lehrzeit zu Kaisers Zeiten, dann die Deutschen und die Tschechen, die »Befreiung« durch die Nazis, die Katastrophe der Niederlage ’45; er musste dann ins Bergwerk, die Frau und die kleine Tochter ins Lager. Der liebe Schneidermeister hatte seine Heimat verloren. Er hatte es danach eigentlich gut gehabt, nach der Vertreibung, hier in Laufen, ein Haus gebaut, in dessen Obergeschoss jetzt die Kindsfamilie wohnte. Aber hatte er eine Heimat gefunden? Er saß im Keller des Hauses und nähte und freute sich über die Gesellschaft dieses dahergelaufenen Jungen, der ihm zuhörte, wenn er sprach von seiner Heimat.

Samstags war ich oben bei seiner Frau in der Küche und hörte die Bundesliga auf Bayern 1, »Heute im Stadion«. Dazu bekam ich serviert eine Bild-Zeitung, Kuchen, so viel ich wollte, und eine große Tasse Tee mit einem Schuss Rum. Das durfte ich aber niemandem erzählen. Habe ich auch nicht. Verpetzen durfte ich auch nicht, dass Frau Klose regelmäßig Flugblätter aus dem Briefkasten fischte, sie dann im Wohnzimmer versteckte, mir aber zeigte, irgendwas mit Deutschland und Hitler. Darf man nicht haben, sagte sie, immer geheimnisvoll um sich her blickend. Irgendwann zeigte sie mir auch diesen Stoffstern, den sie hatte tragen müssen damals, am Ende, als die Tschechen wieder die Macht hatten, und auf dem ein »N« aufgestickt war wie »Nemec« (Deutsch). Sie versteckte den Stern vor der Polizei und ihrem Mann in einem Buch. Er sah aus wie neu, wie gebügelt, und sie hatte ihn offenbar sehr gern.

Von Jahr zu Jahr vergrößerte sich mein Horizont in dieser kleinen, uralten Stadt. Sie war umgeben von Feldern und ultragrünen Wiesen, kleinen Dörfern, Weilern, Einzelgehöften und Kapellen und Kirchen. Alles verstreut über eine schon recht unebene Landschaft, durch die über der Stadt in Nord-Süd-Richtung ein tiefer Bruch verläuft. Immer im Hintergrund drohend die mächtigen Alpen, der Watzmann mit Frau und Kindern. Ein wunderschönes Land, ganz viel Heimat, und hier war ich zu Hause, ob ich wollte oder nicht. Ich fuhr mit dem Fahrrad alles in der näheren Umgebung ab und fand so irgendwie, vier Kilometer entfernt von daheim, den Bauernhof von Familie Wimmer. Drei Menschen, der Luckie, die Kathie und die Gabi, die Tochter. Vielleicht zwölf Kühe, Hühner, Schweine, ein bisschen Wald, Katzen, ein phantastischer Heuschober, ein VW-Käfer und immer soviel Kuchen, wie man will. Und ich konnte viel Kuchen essen, darüber war die Freude bei der Mama groß. Sie war und sah ein bisschen aus wie eine Oma, so wie der Papa, der Luckie, sich verhielt wie ein wunderbarer Opa, obwohl ’es Madl nur wenig älter war wie ich. Der Hof war klein, einer von dreien im Weiler. Er war so klein, dass der Luckie noch nebenher im Sägewerk arbeiten musste und entsprechend schlecht hörte. Er rief mich laut zur Begrüßung an mit »Mogst a Kracherl, Bua?«

Warum waren wir überhaupt da hingezogen, nach Laufen/Salzach? Mein Vater hatte ein Engagement als Sänger gefunden, als Bass am Landestheater Salzburg, und Laufen war nur zwanzig Kilometer von Salzburg entfernt, und, was für Mama entscheidend war: Auf der deutschen Seite von Fluss und Grenze. Mama wollte auch etwas tun und eröffnete in der Straße nach Tittmoning einen Second-Hand-Laden für Schallplatten und Kinderkleidung. Sie hat solange ausgehalten, wie es ging, aber irgendwann war der Kredit alle, und sie hat den Laden zumachen müssen. Die Laufner sind zum Schallplattenkaufen lieber ins zwanzig Kilometer entfernte Freilassing gefahren, als zu meiner Mutter zu gehen, die eh nur oide Schallplatt’n g’habt hod.

Ich wurde spontan auch berufstätig. Irgendwann suchte das Landestheater einen Zehnjährigen für eine Sprechrolle. Ich war zehn, Hochdeutsch sprechender Sohn dieses spielfreudigen und stimmgewaltigen Sängers im Ensemble, und sprach vor. Es klappte, und so probte und spielte ich fünf Jahre lang ziemlich jeden zweiten oder dritten Tag im großen Haus und auf der Festspiel-Wanderbühne Theater oder sprach Hörspiele ein. Und trieb in den vielen Pausen im Theater meinen Schabernack, rannte durch die Katakomben unter der Bühne, spielte mit erwachsenen Schauspielern in Kostüm und Perücke Tennisball-Fußball in den Garderobengängen und guckte mit den Bühnenarbeitern deutsche und österreichische Bundesliga. Die nannten mich nie Preuße. Bei denen war ich der Tomory Junior und ein Piefke. Bei gutem Wetter fischte ich im benachbarten Mirabell-Park Münzen aus dem Brunnen. Mit Kaugummi am Steckerl, bis der Parkwächter kam und brüllte. In der verrauchten Kantine saß ich spät abends und bekam eine Debrecziner mit Semmel für einen Essensbon im Wert von zehn Schilling, während die meisten meiner Klassenkameraden in ihrer Freizeit Blockflöte lernen mussten. Die Bayern sind ein sehr musikalisches Volk. Ich flötete nicht, der Schulunterricht war mir nur lästige Pflichtübung, die Noten fielen entsprechend aus, aber ein schlechter Schüler war ich Zappelphilipp vorher schon gewesen.

Überhaupt blieb das Schulleben schwierig. Ich kam aufs Gymnasium, und immerhin hatte ich jetzt Leute in der Klasse, die wie ich, Preußen waren oder wenigstens ähnlich redeten. Kein Wunder, das war schlicht die Schule für die Bonzenkinder des Landkreises. Die hatten Eltern, die sie mit dem Auto zur Schule brachten, so ähnlich wie heute im Prenzlauer Berg. Und Ihren Kindern andauernd neue Klamotten kauften. Meine Anziehsachen waren vom Otto-Versand Hamburg und hergestellt in der DDR. Manchmal, vor dem Sportunterricht, wenn ich mir in der Umkleide die Straßenschuhe aus- und die Otto-Versand-Hamburg-Sportschuhe anzog, brachten mir meine Klassenkameraden ein Ständchen mit dem Text: »Drei Streifen Adidas, vier Streifen Caritas«. Ich glaube, wegen so was bin ich später Kommunist geworden. Damals war ich noch Vollnazi. Und das mit dem Namen.

Ich verliebte mich in ein Mädchen in der Klasse. Sie war hochgewachsen und schlank, ihre Augen schimmerten in sanfter, indolenter Trübnis, und alles an ihrer Erscheinung war mit feinem Strich gemalt. Aber es wurde nichts daraus. Ich war schüchtern und linkisch, meine Klamotten scheiße, und außerdem mochte sie diesen einen anderen Typen, der zwar dumm, aber doch groß und stark und sportlich war. Und der bessere Torwart.

Ich hatte den Fußball spät entdeckt, mit zwölf, spielte dann aber wie ein Wahnsinniger jeden Tag bis zum Umfallen, im Sommer sowieso und im Winter auch im Schnee. Dabei aber so talentfrei, dass ich bei der Wahl der Mitspieler auf dem Bolzplatz immer als letzter gewählt wurde. Was definitiv nicht an meiner ethnischen Unzugehörigkeit lag. Ich, wie bereits erwähnt, sehr dünn, hatte zwei linke Füße, konnte nicht gerade laufen und schnell schon gar nicht und verursachte darüber hinaus andauernd Foul- und Handelfmeter. So kam es, dass ich eines Tages ins Tor musste. Plötzlich zahlten sich meine Handspielqualitäten aus, ich fingerte und faustete wie Heiner Stuhlfauth und war fortan gern gepickter Torwart. Bei den Spielen der Klassenmannschaft beim Schulturnier aber, bei denen unsere Mädels zuschauen mussten, stand der doofe Rivale im Tor und fing wirklich alles. Sogar den Handelfmeter, den ich als spät eingewechselter Verteidiger verursacht hatte. Das schöne Mädchen hatte jetzt nur noch Augen für ihn. Wie sie hieß? Ich habe ihren Namen vergessen.

Auch wenn es mit dem Mädchen nicht klappte, machte doch irgendwann meine Integration und die meiner Familie Fortschritte. Die Leute grüßten jetzt beim Bäcker. Ich wurde Klassensprecher. Und mein Vater, der Ausländer, war ja gar keiner! Sondern Ungar. Das ist so was ähnliches wie Österreicher, und das sind ja Deutsche.

»Und des is gar kein Künstler, der ist Oh-Pern-Säng-Ger in Salzburg!«

»Die Frau singt am Sonntag in der Kirch!«

»Jo, scho, ober in der foischen.«

»Ah ge, des kenna die doch ned besser wissen!«

Ich habe auf dem Bauernhof herumgetobt und an der Salzach Hütten gebaut und Unfug getrieben; beim alten Schneider im Keller gesessen und bei seiner Frau den Hitler eingeimpft bekommen; mich verliebt und Fußball und Theater gespielt. Das letzte Mal am zweiten Weihnachtsfeiertag 1984 als Prince of Wales in »Richard III«. Dann sind wir wieder weggezogen.

Ich war nie wieder dort.

Erst dreißig Jahre später, mit Mitte Vierzig, bin ich im Hochsommer mit der Bimmelbahn über München und Mühldorf nach Laufen/Salzach gefahren. Ich blieb eine Woche, lief durch Stadt und Landschaft, saß bei Schweinebraten und Wieninger Bier auf dem Marktplatz. Immer allein, und ohne mit jemandem zu reden. Ich kannte niemanden mehr. Ich hatte sie alle und alles vergessen.

Pierre C. Deason-Tomory, geboren 1969, lebte in Bayern, Florida, Berlin, Halle, Hamburg, Georgia und Weimar/Thüringen. Nach dem Schulabbruch war er Redakteur, Moderator und Formatschwein bei DT 64 und elf anderen Radiostationen, Arbeiter in einer US-amerikanischen Textilfabrik, Buchhalter in einer türkischen Baufirma, Callcenterboy in einem Berliner Umfrageinstitut und Bulettengrillmeister in Hamburger-Buden. Außerdem: Einheitssozialist, Wehrdienst-Drückeberger, notorischer Betriebsratsgründer, Aktivist und Funktionär in der DKPPDSSPD. Heute ist er Hersteller ungereimter Dichtungen. Besondere Leistungen: Schlechtester Fußballer aller Zeiten, Club-Fan.


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