Aus: Ausgabe vom 07.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

»Wir haben nicht die Situation für Agitprop«

Über konkrete Kämpfe, die Vorstellung eines ewigen Backstage und seine neue Platte »Auf anderen Routen«. Gespräch mit Kai Degenhardt

Von Maxi Wunder
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»Zu den Essentials gehört einfach die Klassensolidarität« – Kai Degenhardt

Ihr neues Album »Auf anderen Routen« ist neben dem von Dota Kehr auf Platz eins der Liederbestenliste gelandet. Herzlichen Glückwunsch!

Danke.

Ihre letzte Platte kam vor sechs Jahren raus. Warum eine so lange Pause?

Ich hatte privat ein bisschen was los: Während der Aufnahmen zur letzten CD »Näher als sie scheinen« ist mein Vater gestorben, danach gab’s eine Trennung, Scheidung, und mein damals 17jähriger Sohn kam zu mir – keine ganz leichte Zeit. Ich bin außerdem nicht gerade ein Fleißbienchen.

Sie werden 54, und Ihre aktuelle CD hat eine ruhigere Gangart als die davor, wirkt weniger rockig. Sind Sie altersweise geworden?

Ich hoffe nicht! Auf der Platte spiele ich aber vorwiegend in kleiner Folkbesetzung, viele akustische Instrumente; Gitarren, Kontrabass, Klavier, Fiddle, sogar ein Horn ist zu hören. Rockstar wollte ich zuletzt als Teenager werden.

Drei der elf Songs sind sehr melancholisch, sie handeln von Trennung, sechs haben politische Inhalte, zwei thematisieren den Weltuntergang, einer davon spielt im nuklearen Winter. Wollen Sie uns entmutigen?

Nein, auf keinen Fall! Aber das Untergangsszenario ist nun mal denkbar. Der US-Imperialismus ist jederzeit imstande, überall auf dem Globus Atomwaffen einzusetzen, und dabei werden die Konflikte mit dem Iran, mit Nordkorea und Russland schrittweise eskaliert. Phantasien wie in diesen Liedern drängen sich geradezu auf.

Aber in dem einen Lied bestreiten die Figuren ja gerade den Untergang …

Ja, ihren eigenen. Das Lied »Der Untergang« ist ein Gespräch zwischen notorischen Geschäftemachern, die den nuklearen Winter im Grunde für das bessere Investitionsklima halten.

Sehr zynisch, genau wie »Der Vorschlag«. Da will ein Bundeswehr-Beauftragter mit markigen Sprüchen junge Leute für Auslandseinsätze gewinnen. Wer diesen Fiesling gehört hat, ist ein für alle Male geheilt von der Illusion, die Bundeswehr wären die Guten, oder?

Denkste! Ich bemerke zuweilen verstörte Reaktionen im Publikum, vor allem wenn ich das Lied am Anfang eines Konzerts spiele, wo die Leute sich erst reinfinden müssen, um zu verstehen, dass es sich um ein Rollenlied handelt. Die Ironie zu erkennen und den Inhalt zu bejahen setzt ja ein unterschwelliges Einverständnis mit meiner Haltung voraus. Aber viele sind sich offenbar unsicher, ob ich zum Beispiel die Oberst-Klein-Rechtfertigung in dem Lied nicht vielleicht ernst meine! Mich wundert das nicht: Popstars und TV-Schauspieler fahren in die Kriegsgebiete und loben die Bundeswehr, die Einsätze werden »humanisiert« durch Medienberichte über kleine Mädchen, die endlich in die Schule gehen dürfen et cetera. Mit dem gesellschaftlichen Klimawandel hat sich leider auch die ursprünglich eindeutig ablehnende Haltung der Linken zu Auslandseinsätzen geändert.

Apropos Haltung der Linken: Was sagen Sie zur Sammlungsbewegung »Aufstehen«?

Ich bin grundsätzlich solidarisch, aber auch ein wenig skeptisch gegenüber Internetgründungen, denn wie soll sich eine Bewegung im Netz bewegen? Angesichts der Tatsache, dass Übergriffe auf Migranten und Asylbewerber hierzulande zur Tagesordnung gehören, hoffe ich natürlich, dass die Initiative etwas bewirkt. Was über Sahra Wagenknechts Behandlung der Migrationsthematik kolportiert wird, stimmt mich jedoch nachdenklich. Zu den Essentials, die wir als Linke keinesfalls preisgeben sollten, gehört einfach die Klassensolidarität, auch mit Migranten einschließlich aller Geflüchteten.

In dem Zusammenhang wundert mich, dass Sie keinen Song über die ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer gemacht haben. Zumal das Cover der CD diese Erwartung weckt: Man sieht ein leeres Schiff auf hoher See mit Rettungsring an Bord.

Das habe ich im Grunde schon vor über zehn Jahren mit dem Lied »Die Tötung« getan …

in dem Sie den Fall Oury Jalloh aufgegriffen haben …

… ja, und vor allem die abgestumpfte Haltung gegenüber dem Unrecht, das Migranten von Deutschen erdulden müssen. Thematisch verwandt ist das »Nachtlied vom Streik« auf meiner aktuellen CD …

das von der Jury der Liederbestenliste zum fünftbesten Song der Saison gekürt wurde.

Es handelt von der Solidarität mit den Ausgebeuteten weltweit. Ohne sozialistisches Hinterland ist der Streik unsere einzige wirksame Waffe gegen den Kapitalismus. Nur indem man die Arbeit einstellt, kann man den Profit gefährden. In anderen Stücken nähere ich mich den Themen mitunter nicht so explizit, eher metaphorisch.

So metaphorisch, dass ich teilweise gar nichts mehr verstehe, etwa bei dem Lied »Vor den Bretterwänden«.

Lacht.

Ein Song auf der CD erinnert stark an »Wölfe mitten im Mai« von Ihrem Vater.

»Zwei Reiter«, ja. Da erzähle ich in archaischen Bildern die Geschichte eines Dorfes, das im Nu von Feierstimmung mit fremden Erntehelfern auf Pogrom, Hetzjagd und Kriegsge­heul umschwenkt, als sei dies nichts als der normale Verlauf der Gezeiten. Aber ich erkläre eigentlich nicht gerne meine eigenen Metaphern …

Bei einem Bild in diesem Lied ist das auch nicht nötig: »An einem anderen Tag werden rote Hähne flattern auf den Palästen.« Wann kommt dieser Tag, ist er nah?

Es tut mir leid, ich bin weder Prophet, noch kann ich die Revolution herbeisingen.

Aber Sie könnten schon mal ein paar Revolutionslieder auf Halde komponieren, damit man nicht ohne was dasteht, wenn es soweit ist.

Nein, so geht das nicht! Die Geschichte des politischen Liedes zeigt ja, dass konkrete Kampflieder immer für konkrete Kämpfe komponiert werden. Ich schreibe also erst Revolutionslieder, wenn die Massenbewegung auf den Straßen ist …

Aufstehen!

Nein, setzen! Wir haben aktuell nicht die Situation für Agitprop.

Statt dessen für Versautes? Seit ich mich mit Ihrer neuen CD beschäftige, kriege ich Werbung für Hodenpressen auf meinen PC!

Das nennt man personalisierte Werbung.

Ja, danke. Ich musste das Wort googeln, um das Lied »Imperial Grand Übersee« zu verstehen, das durch die Blume erzählt, wie eine Frau dieses Gerät und eine Stange Siegelwachs bei einem reichen Hotelbesitzer zur Anwendung bringt. Die Dame ist Domina und Notarin in einer Person. Vermissen Sie manchmal Ihren Job als Anwalt?

Lacht. Ich habe tatsächlich früher Jura studiert und auch noch die Anwaltszulassung. Aber ich arbeite nicht mehr oft als Anwalt, hier und da eine Vertretung, hauptsächlich Verkehrsdelikte und so was. Bin zu lange raus aus dem Geschäft.

Das letzte Lied »Hinter der Bühne« ist eine Hommage an Ihren verstorbenen Vater. Sie sehen ihn durchs Schlüsselloch beim »ewigen Mahl«. Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod, womöglich an ein Wiedersehen im Jenseits?

Nein, aber ein ewiges Backstage mit viel Rotwein ist eine tröstende Vorstellung. Ich war ja mit meinem Vater viele Jahre auf Konzerttourneen. Es ist ein sehr persönliches Lied.

Was ist eigentlich mit Ihrem Arm?

Ich habe mir den Ellenbogen gebrochen und musste deswegen die Konzerte im Herbst alle verschieben. Es geht erst im Februar wieder richtig los auf Tour.

Kai Degenhardt: »Auf anderen Routen« (Plattenbau/Broken Silence)

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