Aus: Ausgabe vom 07.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Versfußball

Ein Radiomitschnitt

Von Wiglaf Droste
98596593.jpg
Ist das spannend! Daktylus holt sich den Ball, tritt an, schaltet den Turbo ein, schickt dann Limerick

Zur nicht enden wollenden freundlichen Erinnerung an Kurt Brumme und Jochen Hageleit

(Stimme des Kommentators, gehetzt, auf Dramatik gebürstet):

»… die Stimmung kocht in der ausverkauften Alexandriner-Arena … kein Wunder, es ist das Endspiel der Lyrik-Champions-League zwischen dem klaren Favoriten Elegie Rom und dem FC Couplet. Wir zählen die vierte, die letzte Minute der Nachspielzeit, der österreichische Schiedsrichter Stanze schaut bereits auf die Uhr, Spielstand ist noch immer eins zu eins. Aber was für ein Auftakt! Anstoß für den von John Donne trainierten englischen Meister Couplet, Rondeau führt aus, sucht und findet eine Anspielstation: Doppelpass mit Anapäst, der per Hacke zurückgibt, mit einem langen, gefühlvollen Vierheber bedient Rondeau nochmals Anapäst, der perfekt antizipiert hat, hochsteigt und mit einem wuchtigen Kopfball Jambus, dem römischen Torhüter, keine Chance lässt. Eins zu null für Couplet in der ersten Minute!

Kurz vor der Pause dann der Ausgleichstreffer für die Römer, ein perfekt vorgetragener Angriff von Hymne und Ode, dem aufeinander gespielten schwedischen Duo, das die Verteidigung von Couplet allzu leicht und routiniert überwinden kann; Couplets Schlussmann Ballade macht sich bei Odes ins obere Eck gehämmertem Ball zwar lang, doch nicht die beste Figur.

Jetzt laufen die letzten Sekunden des Spiels, Elegie Rom spekuliert offenbar auf Verlängerung, aber Couplet kommt noch einmal, sucht die Entscheidung! Daktylus holt sich den Ball, tritt an, dribbelt, schaltet den Turbo ein, schickt dann Limerick, der steckt durch zu Haiku, dem japanischen Sprinter, der mit einem präzisen Kurzpass in die Schnittstelle Trochäus bedient; Trochäus, jetzt schon im Strafraum, wird von Horen attackiert, lässt ihn aussteigen – und was macht Horen? Er zieht die Notbremse und senst Trochäus um! Trochäus fällt! Klare Sache für den Unparteiischen: Stanze schickt Horen zum Duschen und zeigt auf den Punkt: Hexameter für Couplet!

Ist das spannend! Wer hat jetzt die Nerven? Im Publikum spielen sich unglaubliche Xenien ab, Schüttelreime der unschönen Sorte werden skandiert, das wird ein Nachspiel haben bei der UELA, da sind die Lyrik-Funktionäre gefordert. Aber wer wird schießen? Trochäus fällt aus, er hat sich beim Foul durch Horen schwer verletzt, Versfußbruch, wie ich soeben höre, auch von unserer Seite gute Besserung.

Knittel steht zum Versuch bereit – aber Dichtichon macht es! Der Oldie, zuletzt nur noch als Joker eingesetzt und kurz vor Schluss eingewechselt, schnappt sich das Spielgerät, Jambus versucht, ihn durch Hampeleien zu irritieren, wird von Stanze ermahnt, Dichtichon läuft an – und Tooor! Tooor! Tooor! Und Schlusspfiff! Unglaublich! Wahnsinn! Couplet ist die Sensation gelungen! Wir schalten jetzt kurz zurück in die angeschlossenen Funkhäuser …«

(Es ertönt Tütensoßenmusik)

P.S.: Auf der Pressekonferenz sagte Roms Trainer Roberto di Sonetti: »Es war ein Spiel voller Hebungen und Senkungen, aber insgesamt haben wir zuwenig Enjambement gezeigt.« Während Couplets Coach Donne sich diebisch freute: »Elegien vergehen und vergilben / Couplets treffen in grad zwanzig Silben.«


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton